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Palmsonntag

Bluturteil als mahnendes Beispiel

Das Gerechtigkeitsbild befindet sich im Wasserburger Rathaus: Neben den alttestamentlichen Beispielen für gerechte Urteile hat Gregor Sulzböck den Prozess Jesu vor dem Hohen Rat in den Mittelpunkt seiner Gerechtigkeitsbilder gestellt. 16 Personen sind durch Kartuschen gekennzeichnet, wobei die Zählung links bei Simon Leprosus (= dem Aussätzigen) beginnt und rechts bei der Nr. 16 mit Ptolomäus endet. Die Fortsetzung des „Ungerechten Urteils“ oder „Blutgerichts“ stellt die Kreuzigungsszene dar.
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Das Gerechtigkeitsbild befindet sich im Wasserburger Rathaus: Neben den alttestamentlichen Beispielen für gerechte Urteile hat Gregor Sulzböck den Prozess Jesu vor dem Hohen Rat in den Mittelpunkt seiner Gerechtigkeitsbilder gestellt. 16 Personen sind durch Kartuschen gekennzeichnet, wobei die Zählung links bei Simon Leprosus (= dem Aussätzigen) beginnt und rechts bei der Nr. 16 mit Ptolomäus endet. Die Fortsetzung des „Ungerechten Urteils“ oder „Blutgerichts“ stellt die Kreuzigungsszene dar.

Das „Ungerechte Gericht“ oder Bluturteil - also die Verurteilung Jesu Christi durch Pontius Pilatus - hat Eingang in das Repertoire der Gerechtigkeitsbilder gefunden und findet sich seitdem als mahnendes Beispiel für die Ratsherren und Richter, so auch im Wasserburger Rathaus.

Wasserburg – Die Darstellungen der Leidensgeschichte Jesu, wie wir sie von den Kreuzwegstationen in den Kirchen und den Kalvarienbergen im Gelände kennen, beginnen mit der Verurteilung Jesu durch den römischen Statthalter Pontius Pilatus als erste Station. Die vorausgehenden Ereignisse wie die Todesangst und Gefangennahme Jesu am Ölberg und das Verhör vor dem Hohen Rat unter dem Hohenpriester Kaiphas finden ihre szenische Umsetzung in den Ölbergen in den Vorhallen der Kirchen, in den Karnern auf Friedhöfen und auf den Fastentüchern, mit denen die Altäre in der vorösterlichen Zeit verhüllt werden, und auf den sog. Gerechtigkeitsbildern in den Rathäusern des 16. und 17. Jahrhunderts.

Inhaltliche Vorgaben fehlen

Während die Texte der Evangelien literarische Vorlagen für diese Bilder bieten, fehlen dagegen zum Verhör durch den Hohen Rat – außer dem Faktum an sich und der Überstellung Jesu an Pilatus – inhaltliche Vorgaben, sodass das gläubige Volk und die Prediger die Lücke zu dieser Vernehmung mit fantasievollen Ausschmückungen füllten und ausformulierte Urteile handschriftlich in Umlauf brachten.

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1511 soll in Vienne, bei Dauphiné in Frankreich, sogar der Urteilsspruch in der Erde gefunden worden sein, was bei den Kopisten zur fälschlichen Ortsangabe „Wie solches zu Wien unter der Erden in eim Stein gehawen gefunden worden“ führte. 1580 will man in L`Aquila (Königreich Neapel) einen von mehreren jüdischen Zeugen signierten Urteilsspruch entdeckt haben, der in Flugschriften verbreitet wurde. Die bildende Kunst nahm sich des Themas in Gemälden an, die in Kupferstichen weithin Verbreitung fanden. Dargestellt wird der Hohe Priester Kaiphas, der auf einem Podest in der Mitte steht, rechts vor ihm sitzt der gegeißelte Jesus, am linken Bildrand ruht Pilatus auf seinem Thron. Dazwischen sind Mitglieder des Rates verteilt, die Schilder vor sich halten, auf denen ihre Aussage während des Prozesses festgehalten ist, sodass man gleichsam ein fiktives Protokoll vor sich hat. Neben Aussagen wie „Er wiegelt das Volk auf, dafür soll er sterben“ (Lk. 23,2) oder „Es ist besser, daß ein Mensch sterb/dann das gantze Volck verderb“ (=Kaiphas, Joh. 11,5) finden sich auch Grundsätze aus dem römischen Recht wie „Mann soll niemandt unverhörter sachen zum Todt verdammen“, „Die Gesetze müssen gehalten werden“ oder „Kein Recht verurtheilt jemandt unschuldiger weiß zum todt“.

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Nur vier Personen (Kaiphas, Simon der Aussätzige, Joseph von Arimathäa und Nikodemus) sind neben Pilatus durch das Neue Testament belegt, während alle anderen zwar biblisch klingende Namen tragen, jedoch historisch nicht belegbar sind.

Dieses „Ungerechte Gericht“ oder Bluturteil hat Eingang in das Repertoire der Gerechtigkeitsbilder gefunden und findet sich seitdem als mahnendes Beispiel für die Ratsherren und Richter in zahlreichen Rathäusern des norddeutschen und niederländischen Raumes, aber auch des südbayerischen Gebietes. Der Wasserburger Maler Gregor Sulzböck (geb. um 1636 in Eggenfelden, in Wasserburg tätig ab 1658, gestorben 1698) hat diese Gerichtsverhandlung zweimal gemalt: 1667 für das Wasserburger und 1687 für das Dorfener Rathaus, wobei der Künstler durchaus von seiner grafischen Vorlage abgewichen ist. Es sind nicht nur die Formate, die unterschiedlich sind, sondern auch der Stil und die Farbigkeit.

Texttafel ging verloren

Hinzu kommt noch, dass Sulzböck beim Dorfener Gemälde die Meinungsäußerungen der teilnehmenden Personen auf den Kartuschen wiedergibt, während in Wasserburg auf den Kartuschen nur eine Ziffer steht, sodass davon auszugehen ist, dass es noch eine zusätzliche Erläuterung gab, damit die Person identifiziert und ihre Äußerung gelesen werden konnte. Diese Texttafel ist im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen. Zurückführen lassen sich das Dorfener und Wasserburger Bild auf Gemälde von Frans Francken (um 1600) und Marten de Vos (um 1581), die durch einen Kupferstich von Egbert van Panderen (zw. 1600 und 1608/09) vervielfältigt worden waren.