300 Beutetürken erreichten Wasserburg

1686 waren 300 Beutetürken für kurze Zeit die Attraktion in Wasserburg. Zu Stationen in Wasserburg, wo die osmanischen Menschen aus dem osmanischen Raum sich aufhielten, führte eine Kulturwanderung mit der Ägyptologin und Kunsthistorikerin Karin Dohrmann.

Wasserburg – Wasserburg war in der Barockzeit der wichtigste Hafen der Residenzstatt München. Der gesamte überregionale Warenverkehr verlief über diesen Handelsknotenpunkt. Unter der Herrschaft Max Emanuels wurden vor allem Militärgüter und Soldaten, die er für seine Beteiligung am Großen Türkenkrieg benötigte, über die Innlände transportiert. 1683, als die Türken Wien belagerten, kam der bayerische Kurfürst dem Habsburger Kaiser mit 11 000 Soldaten zu Hilfe. Die Wasserburger Meister waren in Kriegszeiten für die Ausstattung des Leibschiffs und der sieben Begleitschiffe zuständig. Sie verluden die Lebensmittelvorräte, darunter 1361 Fische vom Chiemsee, 1095 Pfund Fisch von der Hoffischerei in München, 3400 Krebse und 70 Schildkröten, vier Ochsen, 46 Kälber, 22 Schafe, 81 Schinken, 112 Zungen und 280 Pfund Speck.

Nach dem Sieg in Wien 1683 setze sich die Habsburger Allianz die Befreiung Europas von der osmanischen Besatzung zum Ziel. 1686 wurde die damalige ungarische Hauptstadt Ofen erobert und die Bewohner, egal ob christlich, jüdisch oder muslimisch wurden niedergemetzelt, 4000 Kriegsgefangene aus der Stadt geführt. 300 davon ließ Max Emanuel als Beutetürken nach München bringen. Mit ihrem Floß kamen sie am 17. Oktober 1686 in Wasserburg an.

Der Baustadelknecht Philipp Khornmesser notierte dazu in seinem Tagebuch: „Den 17. Oct. In der 42. Woche hernach sein aufm Wasser 294 gefangene Türckhen samt einem Mufti von Ofen herauf alhero bekommen, in Bruederhaus Anger zwischen der 2 ober thor samt der Convoy Soldathen gelagert. Hat die Burgerschafft das Prügthor wohl verwachten müessen, das khein Türckh ohn verwilligung herinschleichen derffen. Sein thaill lustig, traurig und krankh gewesen, und ainer gestorben davon. Haben mit gemainer Statt holz versechen müessen werden, tag und nacht holz zugefiehrt worden in der 43. Wochen den 21. Ditto zu fues nach München abmarschiert, das holz 26 Claffter, sein 20 fl.48 kr. bezahlt worden. Sein vil burgersleüth in ihr lager immerzu hinaus zu ihnen hin und wieder gegangen. Das holz ist von den herrn Commisssari samt 2 Claffter, so herrn Eisenrichter durch die Türckhen entzogen worden, bezahlt worden.“

Diese Kriegsgefangenen, meist Kinder und Jugendliche zwischen drei und 20 Jahren brachte man zusammen mit den begleitenden Soldaten außerhalb der Stadt im Bruderhaus gegenüber dem Friedhof unter. Heute steht dort die Akademie der Sozialverwaltung. Im Bruderhaus wurden Siechende und Kranke von der Stadt isoliert und da Wasserburg in der großen Pest von 1634 bis 1635 ein Drittel seiner Bevölkerung verloren hatte, wurden Truppen, die aus den Türkenkriegen zurückkamen außerhalb der Stadt einquartiert. Zusammen mit ihren Beutetürken, die nur wenige Tage in Wasserburg verweilten und dann zur Fuß nach München aufbrachen.

Das Barock liebte das Exotische - Chinoiserien, Hofmohren und nun eben auch Turquerien. Und so war das Schicksal der osmanischen Kriegsgefangenen als Hoflakaien, Sänftenträger und Tucharbeiter zu arbeiten. Die Mädchen wurden oft Mätressen der Adeligen. Die Berühmteste ist Fatima Kariman, die Mätresse August des Starken war und schließlich Graf Friedrich Magnus zu Castell-Remlingen heiratete.

Mit den Beutetürken kam aber auch deren Kultur nach Deutschland. Nikolaus Strauß, ehemals Mehmet Sadullah Pascha, führte 1697 in Würzburg das erste Kaffeehaus. Türkische Gewürze und Speisen sowie türkische Mode eroberten die Feste der Adeligen. Und alle Turca wurde nach und nach auch bei den Bürgern begehrt und machte das Stadtbild bunter. Die meisten Osmanen wurden nach der Taufe mit deutschen Namen versehen und wurden so gut integriert, dass schon die zweite Generation nicht mehr auf ihre orientalischen Wurzeln zurückzuführen war. kdo

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