Zu Besuch im Edlinger „Hasenland“: So fühlen sich Langohren pudelwohl

Tiffanino und Finchen,flauschig und wunderbar.
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Tiffanino und Finchen,flauschig und wunderbar.
  • Andrea Klemm
    vonAndrea Klemm
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Sie sind niedlich, putzig und gelten als pflegeleichte Haustiere: Kaninchen. „Es ist ein Irrtum, dass sie zu den anspruchslosen Tieren gehören“, sagt die Edlingerin Helga Ludwig, die sich im Tierschutz engagiert – und selbst drei Zwergkaninchen hat. „Das sind keine geeigneten Kuscheltiere für Kinder.“

Edling/Rosenheim/Forstinning– Helga Ludwig appelliert an Eltern, sich die Anschaffung eines Kaninchens gut zu überlegen. „Käfighaltung, Einsamkeit und Langeweile bedeuten für Kaninchen Leid und Qual“, sagt die 53-Jährige.

Tiffanino und Finchen brauchen viel Auslauf

Dem Trio Charly, Emmi und Susi gehört der ganze Garten hinter dem Haus der Ludwigs, der mit einem Zaun abgegrenzt ist, ein isoliertes Holzhaus und ein großes Freigehege mit Parcours umfasst. „Hasenland“, wie Helga Ludwig schmunzelnd sagt. Oft hat sie „Pflegekinder“ aus dem Tierschutz da – und gerade auch „Urlaubsgäste“, zwei große Kaninchen namens Tiffanino und Finchen. Mit ihnen teilen sich die hauseigenen Tiere momentan den großzügigen Platz im Garten – abgetrennt durch einen weiteren Zaun.

Wenn Helga Ludwig mit der Dose scheppert, in der die Lieblingsleckerlis (Haferflocken und Vogelfutter) sind, kommen die Mümmelmänner sofort angehoppelt.

Was die Kaninchen gerne fressen

Tiffanino und Finchen sind handzahm und benehmen sich wie kleine Hunde, kommen gleich angehoppelt und wollen wissen, was Helga Ludwig Leckeres dabei hat: Vogelfutter mit Haferflocken, die es nur ab und zu gibt. Sie kniet sich zu den flauschigen Zeitgenossen mit den langen Löffeln und die beiden fressen ihr direkt aus der Hand, stellen sich mit den Vorderläufen auf ihren Oberschenkel und fordern mehr. Ansonsten liegen hier Karotten, Grünzeug und Äste zum Annagen herum. Tiffanino und Finchen düsen zwischen der Hütte und dem großzügigen Auslauf umher. „Die zwei gehören einer Freundin, die gerade in Urlaub ist“, erklärt die Edlingerin.

Blauäugig bei Anschaffung der Kaninchen

Sie und ihre Familie kamen auf die „naive Art“ zu ihren Zwergkaninchen. „Vor acht Jahren haben wir uns unwissend von einem Züchter zwei Tiere geholt, dann übernahmen wir noch ungewollten Nachwuchs aus der Nachbarschaft und schon waren es fünf. Inzwischen sind zwei gestorben“, erzählt die 53-Jährige.

Sorge um traumatisierte Tiere

Das Interesse ihrer Kinder sei schnell verflogen. Aber Helga Ludwig verliebte sich in die Tiere. Der Platz für die Zwergerl im Garten wuchs stetig, sie sollten es gut haben. „Wenn man sich diese Tiere ansieht, wie sie gebaut sind, etwa die kraftvollen Haxen, dann muss man erkennen, dass es Folter ist, sie in Schuhschachtel große Käfige zu sperren. Viele Leute denken sich nichts Böses, kaufen die unzulänglichen Käfige in der Zoohandlung. Sie denken, ,das wird scho passen‘. Aber es passt eben überhaupt nicht“, sagt Helga Ludwig.

Gemeinsam mit einer Freundin, Helga Burgmaier aus Forstinning, engagiert sie sich im Tierschutz und weiß, wie steinig der Weg ist, etwa beschlagnahmte Kaninchen wieder zu vermitteln. Die traumatisierten Tiere, die im Tierheim landen, seien nur die Spitze des Eisberges. Man müsse viel früher ansetzen und aufklären, die Leute wachrütteln.

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Burgmaier, die beim Verein „Bayern rockt – Kaninchenhilfe“ als Pflegestelle aktiv ist, päppelt beschlagnahmte oder gerettete Nager wieder auf und sucht ein neues Zuhause. Ein Teil der Interessenten sei unvernünftig. „Aber es gibt zum Glück auch Leute, die sehr bemüht sind und richtig Geld ausgeben, für das Gehege“, sagt die Forstinningerin.

Auch Kaninchen mit Verletzungen und Behinderungen

Schwierig sei die Vermittlung von behinderten Tieren, „die blind sind oder nur ein Ohrwaschl haben“. Auch sie appelliert an Tierfreunde, Kaninchen aus der Tiervermittlung zu adoptieren und verweist auf die Homepage ihres Vereines.

Mit Blick auf die Tierschutzorganisation PeTA, die auf ihrer Website umfassend über die anspruchsvollen und empfindlichen Tiere informiert, sagt die Edlingerin Helga Ludwig, dass Kaninchen nach Hunden und Katzen die beliebtesten Haustiere sind. Dabei sind sie nicht als Spielgefährten oder Kuscheltiere für Kinder geeignet.

Tiere mögen nicht hochgenommen werden

„Sie mögen es nicht, wenn man sie hochnimmt. Sie zappeln oder gehen in Schockstarre. Das Stillhalten wird oft missverstanden. Die Tiere genießen die Situation nicht“, so die Edlingerin. „Bitte keine lebenden Geschenke. Während Menschen sich neuen Dingen zuwenden, müssen die Kaninchen jahrelang Enge, Einsamkeit und Langeweile erleiden.“

Auch der Tierschutzverein Rosenheim ist regelmäßig mit dem Leid von Kaninchen konfrontiert, wie Andrea Thomas, Erste Vorsitzende des Vereins auf Nachfrage der Zeitung bestätigt. Zu Ostern werden Kaninchen verstärkt verschenkt, aber eigentlich sei dies das ganze Jahr über ei problematisches Thema. „Wir hatten schon an Ostern ausgesetzte Kaninchen vor der Tierheim-Türe.“ In aufgeweichten Kartons und auch unterkühlt. Wenn die Tiere in der Kälte weglaufen, haben sie keine Überlebenschance.

Viele Interessenten sind uneinsichtig bei Tier-Adoption

Eine Zeit lang beschäftigte das Tierheim Rosenheim, das der Verein betreibt, eine Serie: Immer wieder wurden Meerschweinchen und Kaninchen an der Straße zwischen Prutting und Bad Endorf ausgesetzt – bei Eiseskälte (das OVB berichtete). „Da hat wohl ein Züchter seine Überbleibsel abgelegt; sogar schwangere Tiere waren dabei“, sagt sie kopfschüttelnd.

Die Menschen seien oft schlecht informiert und dann überfordert. „Man sagt ihnen, da, nehmt die zwei Rammler‘. Oft ist es aber ein Pärchen und vermehrt sich. Wären es zwei unkastrierte Rammler, würden die sich gegenseitig töten“, so die Tierschutzvereinsvorsitzende.

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Zwingend sei mehr Aufklärung nötig. Im Tierheim habe die Kleintierpflegerin alle Hände voll zu tun, wenn Interessenten für ein Kaninchen nicht einsichtig seien. „Wir stoßen oft auf Unverständnis. Gerade wenn ein Kaninchen hübsch ist, wollen die Leute nicht einsehen, dass es vielleicht nicht zu dem bereits vorhandenen Tier passt, weil beide zu dominant sind. Dann reagieren sie unvernünftig und gehen in die Zoohandlung“, so Andrea Thomas. Das Tierheim suche neue Halter, bei denen die Gesamtsituation passe.

Derzeit baut der Verein gerade ein neues Tierheim mit einer ausgeklügelten Kleintierstation mit Quarantäneräumen. Aber: Wegen der Umbruchphase sei jeder größere Fall an unterzubringenden Tieren eine Überbelastung. Derzeit gibt es eine Containerlösung.

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