Beherzte Männer hissen weiße Fahne

Ein Auszug aus der Schulchronikgibt ein Bild vom Kriegsende in Eiselfing. Rieger
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Ein Auszug aus der Schulchronikgibt ein Bild vom Kriegsende in Eiselfing. Rieger

Eiselfing – Wahrscheinlich könnten die Geschehnisse rund um das Kriegsende Anfang Mai 1945 in der Gemeinde Eiselfing heute gar nicht mehr so leicht rekonstruiert werden, war der kleine Zentralort Kircheiselfing damals doch eher für das historische Gesamtgeschehen unbedeutend.

Dass trotzdem eine ziemlich präzise Schilderung des Einmarsches der Amerikaner und der damit verbundenen Schäden durch Beschießung des Ortes vorliegt, ist dem damaligen Schulleiter Edmund Kuhn zu verdanken, der in der Schulchronik die Ereignisse des 2. und 3. Mai dokumentierte und somit für die Nachwelt festhielt.

Nach Kuhn befanden sich am 2. Mai unter anderem noch zwei schwere Panzer der SS-Artillerie im Bereich der Ziegelei und beim Hamberger in Stellung, als die Amerikaner, von Weikertsham und dem Magdalenenberg aus die Beschießung des Ortes mit kleinem und mittlerem Kaliber begannen. Dies erfolgte, da keine weiße Fahne sichtbar gehisst war, was laut Kuhn wegen der noch anwesenden SS-Abteilungen noch nicht erfolgen durfte.

17 Personensuchen Schutzim Schulhauskeller

Alles geht daraufhin in den Keller. Im Schulhaus sind schließlich 17 Personen versammelt, Männer, Frauen, Kinder, darunter auch der Wasserburger Schulrat Ulrich, der es nicht mehr geschafft hatte, mit seiner Familie von Grassau kommend die Stadt Wasserburg zu erreichen. Bis zum Abend wird der Ort beschossen, dann ist bis zum Morgen des 3. Mai Ruhe. Um 9 Uhr beginnt erneut der Beschuss, der eine Stunde anhält. Man wartet auf amerikanischer Seite auf die weiße Fahne. Nach erneutem Beschuss, diesmal heftiger, stiegen schließlich gegen Mittag „zwei beherzte Männer“, der Huber Konrad und der Dallmeier Sebastian, auf den Kirchturm und hängten die weiße Fahne heraus, da die SS inzwischen abgezogen war. Daraufhin hätten die Amerikaner sofort das Feuer eingestellt, so ist in der Chronik zu lesen.

Etwa 150 Granaten hatten zwischenzeitlich entsprechende Schäden angerichtet, welche ebenso von Kuhn dokumentiert wurden. Da die Amerikaner die Wasserreserve hinter der Kirche längere Zeit für eine ausgebaute Artillerie-Stellung gehalten hatten, war besonders auch die Kirche immer wieder beschossen worden. Alle Fenster, Dach und Mauern waren schwer beschädigt worden, auch der Kircheninnenraum und die Altäre blieben nicht verschont.

Die drei Gebäude vom Höhensteiger hatte es ebenfalls schlimm erwischt, im Wirtshaus hatte es durch einen Granateneinschlag durch die Gaststube in die Küche hinein auch ein Todesopfer gegeben, den Reichsbahn-Obersekretär Fröhlich aus München, der ausgerechnet hier mit seiner Familie Zuflucht gesucht hatte.

Unter anderem erhielten auch der Pfarrstadel, die Schreinerei Grandl und dessen Nachbar sowie die Nordseiten des Daschner-Hauses und der Ökonomie vom Sanftl Treffer. Der dort hinter der Stalltüre stehende, am Tag zuvor mit anderen aus dem Dienst der Wehrmacht entlassene Landesschütze Wilhelm Jährling aus Bad Dürkheim wurde dabei durch einen Granatensplitter getroffen und verstarb.

Granaten schlagenin den EiselfingerSee ein

Mehrere Granaten schlugen auch in den Eiselfinger See ein und verursachten dort 30 Meter hohe Wasserfontänen. Dieser Beschuss veranlasste die Bewohner von Alteiselfing, Evenhausen und der Nachbarorte, zu glauben, Kircheiselfing wäre verloren. Kuhn schreibt wörtlich auf: „Wir Kirch eiselfinger saßen in den Kellern. Wir hörten wohl die Detonationen, das Splittern der Fenster und Dachplatten, aber wir sahen nichts.“

Am 3. Mai trafen am Nachmittag um 15.15 Uhr schließlich die Amerikaner im Ort ein, zunächst kam nur ein Auto mit zwei Mann, die sich nach noch verbliebenen SS-Mannschaften erkundigten. Am Abend, so berichtet Kuhn, fuhr dann eine unüberschaubare Menge von amerikanischen Panzern und Militärfahrzeugen aller Art durch das Dorf in Richtung Süden.

Dieser Abschnitt der Chronik endet mit dem Verweis auf die vielen, in der Folge der Kapitulation wie Bettler auf der Landstraße einher ziehenden, deutschen Soldaten, die aus allen Richtungen kommend ihre Heimatorte zu erreichen suchten und letztlich mit dem Satz: „Möge Gott ihre vielen Opfer dadurch segnen, dass er dem deutschen Volk die Kraft gibt, diese schwere Zeit zu überwinden, die zerstörten Wohnstätten wieder aufzubauen und in Ruhe und Frieden weiterzuleben. Das walte Gott!“

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