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Aus alter Landkarte wird neuer Rucksack: Reichertsheimer ist Meister im Upcycling

An der Nähmaschine setzt Thomas Radlmair seine Ideen zum Upcycling um.
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An der Nähmaschine setzt Thomas Radlmair seine Ideen zum Upcycling um.
  • vonKarlheinz Günster
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Recycling kennt jeder. Doch Upcycling ist mehr: Aus gebrauchten Materialien wird etwas Neues, Hochwertiges. Meister in dieser Technik ist Thomas Radlmair aus Reichertsheim.

Reichertsheim – Lastwagenplanen halten Wind und Wetter und starke Beanspruchungen aus, Turnmatten erst recht, Landkarten aus Schulen sind im digitalen Zeitalter auf dem Rückzug und Feuerwehrschläuche funktionieren nur mit höchster Qualität. All das sind ideale Materialien, die nach ihrer Nutzungszeit ein zweites Leben verdient haben. Warum also nicht eine Tasche daraus fertigen? Thomas Radlmair aus Reichertsheim befasst sich damit seit 18 Jahren, indem er sich aus diesem speziellen Rohstoff Taschen, Rucksäcke, Geldbörsen, Einkaufstaschen, Gürtel und Accessoires ausdenkt und herstellen lässt..

Upcycling durch „Opposite Bags“

Das ist nicht nur Recycling, wo etwas wieder verwendet wird, sondern vielmehr Upcycling, um daraus etwas Höherwertiges zu erschaffen. Die Idee kam dem 54-Jährigen bei einem Besuch in Berlin, dort sah er fast schon zufällig, dass dicke und haltbare Planen von Lastwagen weiter verwendet wurden. Zu dieser Zeit besuchte er als Verkäufer Märkte und Festivals und bot dort T-Shirts an, die er mit Farbe individuell besprühte.

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Auch bei seinen Taschen ist die Einzigartigkeit ein Verkaufsargument, denn keine sieht aus wie die andere, denn die meisten Planen oder Stoffe sind bereits bedruckt. Nach einer intensiven Reinigung liegt es in der Hand des Verarbeiters, ein Stück dieser Plane mit seinen Farben und Formen auf die Maße der Tasche zu reduzieren, um daraus ein Produkt mit ansprechendem Erscheinungsbild zu gestalten.

Erster Schritt: Die Plane wird geputzt.

Damit läutet Thomas Radlmair zumindest für sich eine Abkehr vom ständigen Verbrauch der Rohstoffe ein und hob die andere Seite hervor, was sich im Firmennamen „Opposite Bags“ ausdrückt. Die Akzeptanz für diese Produkte hat zugenommen, sie finden sich heute in Ladengeschäften ganz selbstverständlich neben neuer Markenware, so die Erfahrung von Radlmaier.

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Verkauf vor allem auf Festivals

Dritter Schritt: Das Vernähen der Einzelteile.

Durch die Berliner Kontakte kam eine Geschäftsbeziehung zu einer Näherei bei Görlitz zustande, sodass sich Thomas Radlmair Taschen ausdenkt, manchmal wieder verwirft, weiter probiert und dann das Ergebnis im größeren Stil nähen lässt. Verkauft wird das Produkt auf Festivals, darunter vor allem auf dem Tollwood in München und beim Sinnflut in Erding, sowie im Internet. Mittlerweile läuft das Geschäft gut, erklärt Thomas Radlmair, 500 bis 1000 Taschen wird er im Jahr los, doch jetzt aufgrund Corona um 90 Prozent weniger, weil die Märkte weggefallen sind.

Trotzdem ist jetzt auch Zeit, sich Neues auszudenken, um das Sortiment an Taschen zum Umhängen, auch fürs Fahrrad und Motorrad, zu erweitern. Eine neue Idee ist ein kleiner Behälter als mobiler Aschenbecher. Wer etwa in die Berge geht, kann damit seine Zigarettenkippen wieder mitnehmen.

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Firmen liefern Planen oder Matten an

Mittlerweile liefern manche Firmen von sich aus die nicht mehr benötigten Planen oder Matten an, seien es Speditionen oder Schulen. Bei Fehldrucken ist das oft auch Neuware. Armeedecken, Schlauchboote, Fahrradschläuche und Sicherheitsgurte zählen auch dazu.

Sicher gebe es Planen-Hersteller, die ihre Produkte wieder zurücknehmen, um daraus Granulat zu machen und es neu einzuschmelzen. „Doch wer schickt seine Plane etwa zum Hersteller in die Schweiz zurück um sie recyceln zu lassen?“, fragt Radlmair. Da sei es einfacher, das bei einem weiterverarbeitenden Betrieb abzugeben.

Ziel: die Ressourcen schonen

Zuweilen, amüsiert sich der begeisterte Radfahrer, liege das Material schon mal vor seinem Haus, dann muss auch der 15-jährige Sohn mithelfen um die Planen zu verräumen. Auch der verwendet die Rucksäcke gerne, wenn er mit dem Fahrrad zum Fußballtraining fährt. Der Schutz der Umwelt sei wichtig, die Schonung von Ressourcen auch, der Bezug von grünem Strom daher für die Familie aus Reichertsheim auch selbstverständlich.

Kaufmann, Bäcker, Mediengestalter, Unternehmer

Thomas Radlmair hat Kaufmann, Bäcker und Mediengestaltung gelernt, verbrachte einige Zeit in Italien und auf den Kanaren beim Surfen und hat dort T-Shirts genäht, die er an Touristen verkaufte. Ein zweites Standbein war und ist dabei stets der Edeka-Laden daheim, der „Beck z‘ Reischam“. Hier geht er seiner Frau Sabine zur Hand, die den traditionsreichen Laden, der bis in die 1880er Jahre zurückreicht, führt. Sie steuert regelmäßig Ideen zu den Taschen bei.

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