Auch in Wasserburg brannten 1933 Bücher: Lesung des Theaters Wasserburg erinnert daran

Von den Nazis organisierte Bücherverbrennung am Marienplatz, wohl im Mai 1933. Zu erkennen: NS-Verbände, hauptsächlich die örtliche Hitlerjugend .
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Von den Nazis organisierte Bücherverbrennung am Marienplatz, wohl im Mai 1933. Zu erkennen: NS-Verbände, hauptsächlich die örtliche Hitlerjugend .
  • Winfried Weithofer
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Sichtlich ergriffen lauschte das Publikum im Theater Wasserburg der Lesung zur Bücherverbrennung im Jahr 1933: Susan Hecker und Annett Segerer trugen in einer mit der Volkshochschule organisierten Veranstaltung Texte von Autoren vor, deren Werke von den Nazis ins Feuer geworfen worden waren.

Wasserburg – Mit den Bücherverbrennungen begann 1933 die systematische Verfolgung politisch unliebsamer Schriftsteller; am 10. Mai jenes Jahres gab es auch in Wasserburg eine „Aktion wider den undeutschen Geist“.

Die beiden Schauspielerinnen zogen mit ihren geübten Stimmen – mal kräftig, mal sanft – rund 30 Zuhörer am ersten Abend der vierteiligen Veranstaltungsreihe eine gute Stunde in ihren Bann. Die Reihe wird vom Bayerischen Ministerium für Unterricht und Kultus gefördert.

Bücherverbrennung auf dem Marienplatz

Stadtarchivar Matthias Haupt erläuterte ein eindrucksvolles Bilddokument aus der damaligen Zeit, das die Besucher auf ihren Plätzen vorfanden: Das Foto zeigt eine größere Gruppe von jungen Menschen, die vor dem historischen Rathaus am Marienplatz stehen – im Vordergrund ein Scheiterhaufen mit brennenden Schriften oder Bücher. Die Verbreitung des Motivs als Postkarte hat nach den Erkenntnissen des Archivars dem Zweck gedient, den Kampf gegen „schädliche Schriften jeder Art“ möglichst wirksam zu führen – das Bild zeige Geschlossenheit und schüchtere kritische Betrachter ein. Nicht nur in Wasserburg hätten Bücher gebrannt, sondern auch in München, Würzburg, Erlangen, Nürnberg, Regensburg und vielen anderen Städten, fügte Haupt hinzu.

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Im Wechsel lasen anschließend Hecker und Segerer vor – wobei Nazi-Thesen „Wider den undeutschen Geist“ den beklemmenden Auftakt bildeten. Zu hören waren Texte unter anderem von Bert Brecht, Oskar Maria Graf, Erich Kästner, Heinrich Mann, Nelly Sachs und Kurt Tucholsky. Die Auswahl beschränkte sich keineswegs nur auf die Zeit vor 1933, aus den Jahren danach wurde ebenfalls zitiert – und immer wieder auch Kästner, der 1958 schrieb: „Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät. Drohende Diktaturen lassen sich nur bekämpfen, ehe sie die Macht übernommen haben.“

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Die anspruchsvolle Dramaturgie wollte, dass der Name des zitierten Schriftstellers erst am Ende des jeweiligen Zitats genannt wurde – eine Erschwernis für den Zuhörer, genauso die Sprünge in der Chronologie. So folgten auf ein Zitat von Kurt Tucholsky (1919) Gedanken von Carl Zuckmayer aus dem Jahr 1966, danach eine Kurz-Vita des Nazi-Propagandisten Paul Karl Schmidt, der später, man glaubt es kaum, für den „Stern“ und den „Spiegel“ schrieb. Dazwischen viele Details zur historischen Einordnung, die aber wie wahllos eingestreut wirkten.

Mit großem Lob bedachte Kulturreferentin und Dritte Bürgermeisterin Edith Stürmlinger die Veranstaltung. „Ich fand es sehr berührend, sehr anregend und manchmal auch beängstigend, weil man heute doch auch Anfänge sieht.“

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Eine andere Zuhörerin, Roswitha Heindl, sagte: „Ich fand es großartig, es war eine professionelle Leistung der beiden Vorleserinnen.“ Nah ging ihr insbesondere der im Vortrag zitierte Ausspruch von Heinrich Heine: „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“

Die Vorleserin Susan Hecker betonte, der Abend habe alle zum Nachdenken anregen sollen. Das ist ganz sicher gelungen.

Mit geübter Stimme tragen sie die Texte vor: Annett Segerer (links) und Susan Hecker. .

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