Attl-Bewohner und Autist René lässt sich von Corona nicht bremsen

Ein besonderer junger Mann: René Prodell.In Wasserburg ist der Bewohner der Stiftung Attl bekannt für seine Facebook-Seiten, etwa „Wasserburg Buidl“ und sein Engagement für mehr Verständnis und Akzeptanz für Autisten. Er selbst gehört dem autistischen Spektrum an und möchte für Betroffene eine Freizeitgruppe etablieren – sofern die Corona-Pandemie das irgendwann zulässt. Tonweber Digiart Photography
  • Andrea Klemm
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Er nennt sich augenzwinkernd „Medienmacher aus Wasserburg“: René Prodell. Der junge Mann lebt in der Stiftung Attl in einer Wohngruppe, gehört dem autistischen Spektrum an und zählt durch seine Vorerkrankungen zur Corona-Risikogruppe. Die Pandemie hält ihn nicht auf, seine Facebook-Seiten zu betreiben und sich im Bereich der Autismus-Selbsthilfe online zu engagieren.

Wasserburg-Attel– „Bremsen lassen hab ich mich nie. Beim Rechnen oder bei der Rechtschreibung merkt man bissl was von meiner Beeinträchtigung“, sagt er bescheiden. Einen Schulabschluss habe er nicht vorzuweisen. Gemeinsam mit seinen Eltern und Betreuern habe er in seiner Jugend beschlossen, dass die Tätigkeit in einer Werkstätte für Menschen mit Behinderung besser zu ihm passen würde.

„Radio Wasserburg" gegründet

Dennoch verfolgt er im Rahmen seiner Möglichkeiten eine „journalistische Tätigkeit“. „Ich habe eine Zeit lang ,Radio Wasserburg‘ gemacht und in der Stiftung in der Unternehmenskommunkation mitarbeiten und viel lernen dürfen. Dass man als Medienschaffender eine Berufsausbildung bräuchte, das hat mich nicht abgehalten. Ich hab es einfach gemacht, wie ich meinte.“

„Radio Wasserburg“ hatte der junge Mann vor einigen Jahren gegründet. Es handelt sich um „Nutzer generiertes Radio“, das er via laut.fm betrieb und dort Playlists und etwa einen Sendeplan erstellen konnte. Die Stiftung Attl hat „Radio Wasserburg“ später von René übernommen, es aber aus Gründen der Ressourcenschonung wieder eingestellt.

Die Covid19-Krise fordert die Menschen. Jedoch nicht alle gleichermaßen. „Meine Projekte eskalieren gerade reihenweise. Ich hab wegen Corona sehr viel Mehraufwand“, sagt der 25-Jährige etwas gestresst mit Blick auf seine Facebook-Seiten, denen sein ganzes Herzblut gilt: „Autismus verbindet“, „Wasserburg Buidl“ und „Heimatfotograf Bayern“.

Seltene Stoffwechselerkrankung CDG

Zudem kann eine Ansteckung mit dem Virus für ihn sehr gefährlich sein, denn René leidet an der seltenen Stoffwechselerkrankung CDG und hat wegen einer schweren Pneumonie vor zwei Jahren Lungenschäden davon getragen, wie er im Gespräch mit der Wasserburger Zeitung am Telefon erzählt. Dreimal wöchentlich bekomme er Immunglobuline mittels Infusionen. „Mein Immunsystem funktioniert nicht so gut“, erklärt René.

Vorsichtshalber hat er sich zu seinen Eltern nach Trostberg zurückgezogen. „Da sind wir nur zu dritt. In der Einrichtung hätte ich sehr viel mehr Kontakte – auch zu den anderen Gruppen. Die Gefahr einer Ansteckung ist mir zu groß“, so der 25-Jährige. Angst habe er nicht. Aber Respekt.

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Ob in Attl oder in Trostberg: René arbeitet fleißig an seinen Facebook-Seiten. Für „Autismus verbindet“ engagiert er sich gemeinsam mit einigen Mitstreitern, die über Deutschland verteilt sind. „Wir sind eine online Selbsthilfegruppe und haben mehrere tausend Mitglieder. An uns können sich Betroffene oder Angehörige unbürokratisch mit ihren Anliegen wenden. Die Community versucht dann, zu helfen.“

Beleidigende Kommentare machen ihm zu schaffen

Allerdings sei auch dieses Angebot nicht vor Shitstorms, Drohungen und beleidigenden Kommentaren gefeit. Manchmal werden die Leute aggressiv. „Wenn das plötzlich real klingt, oder persönlich wird, dann macht das schon Angst.“ René versucht, professionell zu bleiben und die verbalen Entgleisungen nicht zu nah an sich heranzulassen.

Hackerangriff auf seine Website

Bitter sei, wenn sich Leute im Netz gegen einen stellen, die man persönlich kennt. Eine belastende Situation für den jungen Mann, der sich selbst als nicht krisensicher bezeichnet und in verschiedenen Lebensbereichen Unterstützung brauche. Doch René lässt sich nicht von seiner Leidenschaft abbringen.

Auch wenn ihn Rückschläge oder spontane Probleme aus der Bahn werfen, oder wenn etwas aus dem Ruder läuft, wie er sagt. So wie ein Hackerangriff auf seine Seiten oder gar ein Totalabsturz.

Viel Herzblut

Die Facebook-Seite zu pflegen, sei viel Arbeit, die dazugehörige Internetseite zu betreiben für seine bescheidenen Möglichkeiten sehr kostenintensiv. Er muss sich um Lizenzen kümmern, die Datenschutzrichtlinien beachten und monatlich 100 Euro für das SSL-Zertifikat bezahlen. „Das ist ziemlich heftig, ich verdiene ja als Mitarbeiter einer Behindertenwerkstätte nur 270 Euro monatlich.“

René bekommt auch viele positive Rückmeldungen

Einnahmen habe er nicht durch dieses „teure Hobby“. „Das Ganze sein zu lassen, das wäre für mich noch heftiger und ein ziemlich schlimmer Tiefschlag. Seit vier Jahren hänge ich da viel Herzblut sein“, sagt René. Bei allem Ärger, den er manchmal habe, so erreichen ihn auch viele positive Rückmeldungen – das sei dann der Ausgleich.

René fühlt sich vom Autismus nicht beeinträchtigt

Ein aufgeweckter, interessierter und engagierter junger Mann. Der autistische Züge hat. Sein Leben sei davon aber nicht beeinträchtigt, also sei es in seinen Augen nicht nötig, hier eine weiterführende Diagnose stellen zu lassen. „Die Fachdienste und Betreuer sagen alle, ich sei Autist. Aber das ganze Spektrum ist ja so ein weites Feld“, winkt er ab.

René hat Inselbegabung

Er erinnert an Greta Thunberg, die schwedische Umweltaktivistin und sagt, sie habe eine Inselbegabung, für das, was sie tue. „Auch bei mir ist eine gewisse Inselbegabung vorhanden. Meine Stärken sind das Netzwerken und Fotografieren“, stellt der 25-Jährige fest.

Auf „Wasserburg Buidl“ bietet er (Hobby-)Fotografen die Möglichkeit, schöne Ansichten von der Stadt zu zeigen. „Durch die Ausgangsbeschränkungen darf ja niemand mehr einfach so in der Gegend rumlaufen, um zu fotografieren. Darum kommen derzeit kaum Bilder rein. Und ich will die Leute ja nicht animieren, gegen die Corona-Auflagen zu verstoßen“, so René.

Hobbyfotografen, schaut in Eure Archive!

Darum ist er mit der Stadt Wasserburg in Verbindung, um die neuesten Regelungen stets zu erfahren. Er appelliert an die Wasserburger: „Leute, schaut in Eure Archive und schickt mir eure tollen Bilder an info@wasserburg-buidl.de oder auf Facebook und Instagram.“ Gerade in Zeiten, wie diesen, sollen sich die Menschen an schönen Aufnahmen erfreuen können.

Um selbst hochwertige Fotografien machen zu können, hat sich René Prodell eine gute Kameraausstattung zugelegt, fotografiert mit einer digitalen Spiegelreflexkamera. „Wie man die Blende und die Belichtungszeit einstellt, das hab ich mir selbst beigebracht. Als ich in der Stiftung Attl in der Unternehmenskommunikation fünf Jahre mit gearbeitet habe, hab ich viel mitgenommen an Know-how.“ So ein Job wäre an sich auch genau das Richtige für ihn, findet er. Allerdings stoße er schnell an seine Grenzen, wie er einräumt – wenn beispielsweise eine plötzliche Stress-Situation auftritt.

Schwester ist Journalistin

Michael Wagner, Leiter der Unternehmenskommunikation bestätigt René eine Inselbegabung, gerade was Technik betrifft, und hohe Ansprüche an sich selbst. „René hat Word-Press-Seiten oder Intranet-Seiten gebaut. Dabei war sein Arbeitsplatz nicht eigens auf Menschen mit Behinderungen ausgerichtet“, so Wagner. Sein Schützling gehöre in der Einrichtung zu den „schillernden Persönlichkeiten“.

René erzählt, was ihm beispielsweise zu schaffen gemacht hat. Er erinnert sich an einen Brand am Attler Hof im Herbst 2015, als er sich um die Öffentlichkeitsarbeit kümmerte, etwa in den Sozialen Medien.

René mag Reisen

„Man wird mit Kommentaren konfrontiert, auch mit schlechten. So eine Krisen-Situation macht mich dann fertig.“ Renés Interesse an Pressearbeit sei aber ungebrochen. „Das liegt in den Genen. Meine Schwester Denise ist freiberufliche Journalistin und arbeitet für die AP mit Sitz in New York. Heuer wäre sie zum G7-Gipfel in Camp David gefahren. Der wurde ja leider wegen Corona abgesagt“, weiß er.

Der technikaffine Hobby-Journalist René findet, dass es wichtig sei, sich mit dem Bleistift viele Notizen zu machen. „Wenn dein technisches Equipment mal ausfällt, hast du immer noch deine handschriftlichen Aufzeichnungen.“

Jeden Tag schaut René, der auch Mitglied bei den Grünen ist, Nachrichten. So sei die „Tagesschau“ ein fester Termin. Zur Unterhaltung konsumiert er Reisereportagen und sagt, „ich will die Welt entdecken“. Am liebsten mit der Familie und im Wohnwagen. Langstreckenflüge seien für ihn leider nicht drin – wegen seiner Vorerkrankungen. „Meine Ziele wähle ich nach medizinischen Aspekten, ob in einem Land etwa die ärztliche Versorgung gewährleistet ist.“

Im Moment hofft René Prodell, bald nach Attl zurückkehren zu können. Weil er seine Leute vermisst.

Corona-Radio in Attl

Die Stiftung Attl hat während der Pandemie „Radio Attl“ etabliert. „Damit unsere Bewohner mitbekommen, was so los ist in Attl. Viele können im Moment nicht ihren Arbeiten nachgehen. Hier erfahren sie beispielsweise, ob es den Tieren am Bauernhof gut geht oder bekommen Grüße aus anderen Wohngruppen. Sie sollen weiterhin vertraute Stimmen hören können“, erklärt Michael Wagner, Sprecher der Einrichtung.

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