Wegen Corona

Ameranger Schlossherrin Gulia von Crailsheim bangt um Existenz ihres Kulturbetriebes

Giulia und Ortholf von Crailsheim, in 23. Familiengeneration Eigentümer von Schloss Amerang, sehen ihre Existenz derzeit bedroht.
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Giulia und Ortholf von Crailsheim, in 23. Familiengeneration Eigentümer von Schloss Amerang, sehen ihre Existenz derzeit bedroht.
  • vonChrista Auer
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Corona hat auch Schloss Amerang fest im Griff. Aufgrund der aktuellen Maßnahmen mussten die bereits verschobenen „Sommerkonzerte“ nun erneut abgesagt werden. Veranstalter Gulia und Ortholf von Crailsheim hatten ein aufwendiges Hygienekonzept erarbeitet. Sie sehen ihren Kulturbetrieb in seiner Existenz gefährdet.

Amerang – Lippenbekenntnisse – von Barock bis zur Chiemsee Dult: abgesagt. Adventssingen: verschoben. Die Zauberflöte: verschoben. Weihnachtliche Operngala: verschoben. Die 55. Festspiele auf Schloss Amerang werden durch den erneuten Lockdown zum traurigen Jubiläum. Giulia von Crailsheim gab unserer Zeitung ein Interview in diesen für sie besonders schweren Zeiten.

Frau von Crailsheim, wie geht es Ihnen ?

Gulia von Crailsheim: Naja, wir fühlen uns selbstverständlich auf der einen Seite dankbar in diesen Zeiten gesund zu sein auf der anderen aber ungläubig und wie gelähmt, es möchte einem einfach nicht in den Kopf gehen, dass man gezwungen wird nicht zu arbeiten und kein Geld zu verdienen.

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Können Sie den „Lockdown light“ nachvollziehen?

von Crailsheim: Es fällt mir schwer, ihn nachzuvollziehen, bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe selbst große Angst vor der Krankheit und ich sehe die Dringlichkeit sie im Griff zu haben. Was ich in keinster Weise nachvollziehen kann, ist, dass man willkürlich einige Branchen verbietet, gleichzeitig aber an anderen Stellen blind ist. Keiner weiß zum jetzigen Zeitpunkt, ob wir nicht vielleicht doch lange mit diesem Virus leben müssen, daher ginge es aus meiner Sicht nur, dass jeder Mensch, ob alt, ob jung eine Maske trägt, ob privat oder im Beruf und dass auf Abstand geachtet wird. Man kann Bus fahren, Konzerte sehen, in der Uni sitzen, mit etwas mehr Abstand und mit Maske. Das wäre eine Maßnahme die man sogar europaweit durchsetzen könnte und sie wäre logisch, einfach und von jedem nachvollziehbar. Jetzt kann man niemandem mehr erklären, weshalb man nicht, mit Maske, ohne zu sprechen, in einem Konzert sitzen darf, gleichzeitig darf man aber ohne Maske im Beruf mit seinen Kollegen in einem engen Büro arbeiten oder ohne Maske dicht gedrängt auf eine Demonstration gehen. Macht denn das Virus einen Unterschied zwischen beruflich und privat?

Sind Ihnen Corona-Ansteckungen nach Theater- oder Konzertveranstaltungen bekannt?

von Crailsheim: Mir ist weder von uns noch aus Salzburg ein einziger Ansteckungsfall bekannt, all unsere Gäste sind natürlich mit Namen und Adresse hinterlegt, hätte es einen Fall gegeben, wären wir kontaktiert worden. Gegenfrage, es gibt doch hunderte Fälle in Schulen, im Berufs- und Privatleben. Wird das nun verboten? Wir werden hingegen verboten.

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Mit welchen wirtschaftlichen Auswirkungen haben sie zu kämpfen?

von Crailsheim: Die Konzerte waren wie jedes Jahr für Juli geplant, seitdem wir sie absagen mussten und sie auf November verlegt haben, wurden 200 000 Programme völlig umsonst gedruckt und über 20 000 Briefe versendet. Wir haben zuletzt täglich mit bis zu 200 Kunden telefoniert, alle haben mitgeholfen um mit der größten Sicherheit und nur 50 Personen anstelle 400, trotz null Verdienst die Konzerte stattfinden zu lassen, um wenigstens unsere Künstler nicht im Regen stehen zu lassen. Stellen Sie sich vor, die Schulen müssten 12 Monate geschlossen werden und man sagt den Lehrern „es tut uns leid, aber ihr bekommt dieses Jahr leider kein Gehalt“, genau das ist nun uns passiert.

Können Sie den Verlust beziffern?

von Crailsheim: Wir sind, genau wie fast alle Kulturbetriebe, darauf angewiesen in wenigen Wochen das zu erwirtschaften, wovon die Mitarbeiter und der Betrieb selbst das ganze Jahr über leben muss. Das ist uns nun untersagt.

Greift das finanzielle Hilfspaket, dass von der Staatsregierung angekündigt wurde?

von Crailsheim: Nein, es ist leider gut gemeint aber schlecht gemacht. Wieder beweist es, dass viele Politiker sich in der Materie nicht auskennen. Hilfen sollten in dieser Krise, die unvorstellbare Schulden verursacht, klüger und gezielter geleistet werden. Einem Gastronom kann möglicherweise 75 Prozent Umsatzersatz des Monats November des Vorjahres helfen. Schloss Amerang aber hatte im November 2019 überhaupt keinen Umsatz, also es ist vollkommen witzlos. Die Salzburger Festspiele verdienen eben auch ihren Jahresumsatz im Juli und August. Auch ein Solokünstler hatte eventuell keinen einzigen Auftritt im November 2019. Wenn angenommen ab 1. Dezember unser Betrieb öffnen dürfte, was sollen wir dann tun? Ein Restaurant macht wieder auf, und hat ab dem ersten Tag an Gäste, ein Künstler oder Veranstalter plant seine Konzerte ein Jahr und braucht genauso lang um sie zu verkaufen. Unsere Branche ist nicht in einen Topf mit der Gastronomie oder Hotelerie zu werfen .

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Gibt es Pläne aus der Krise?

von Crailsheim: Leider nein, das ist ja diese Ausweglosigkeit, die einem Angst macht und die Fremdführung, gepaart mit dem Aussetzen vieler Grundrechte, die einem ein Gefühl der Hilflosigkeit vermittelt. Wir können das Schloss, das ein Kulturdenkmal ist, nicht morgen in eine Fabrik umwandeln und verkaufen. Das ist nach fast 1000 Jahren Familiengeschichte das Letzte, woran wir denken möchten.

Haben Sie einen Wunsch an die Politik?

von Crailsheim: Ja, bitte, wenn einem verboten wird, Geld zu verdienen, gehört den Selbstständigen, genau wie es auch bei jedem Angestelltem erfolgt, der Verlust ersetzt. Letzte Woche habe ich von Angela Merkel gehört, die Wirtschaft bliebe ja am Laufen, denn sie solle ja schließlich weiterhin am Leben gehalten werden. Das klingt sehr zynisch und man fragt sich zu Recht, wenn wir nicht auch Teil der Wirtschaft sind, was sind wir dann? Seit März fühlt sich unsere Branche als nicht relevanter Freizeit- Blödsinn an, auf den man gerne verzichten kann. Zusammengenommen sind wir aber fünf Millionen Menschen, die ebenfalls Steuern zahlen.

Wird es die Ameranger Festspiele im nächsten Jahr wieder geben?

von Crailsheim: Das traue ich mich jetzt nicht zu sagen, wir versuchen selbstverständlich wenigstens so viele Konzerte stattfinden zu lassen, damit unsere treuen und hilfsbereiten Gäste ihre Gutscheine einlösen können, selbst wenn das hieße, eine erneute Nullrunde zu fahren. Die hilflose Rhetorik und Planlosigkeit der Maßnahmen macht es einem nicht gerade leicht, Konzertkarten, seien sie auch noch so sicher, zu verkaufen. Aber seien Sie versichert, wir wünschen uns nichts sehnlicher als wieder Konzerte zu veranstalten.

Ganz andere Frage: Wie geht es Veronique Witzigmann? Die Eröffnung des Schloss Cafés stand ja auch unter keinem guten Stern.

von Crailsheim: Sie wird sicherlich im Dezember, wenn denn erlaubt, wieder die Pforten öffnen.

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