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Fingerhakler aus der Region vor Bayerischer Meisterschaft

Mehr als nur ein Sport: „Am Tisch selbst ist‘s keine Gaudi, davor und danach schon“

Training für die Bayerische Meisterschaft im Fingerhakeln
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Michi Ackermann (links) und Valentin Bichler beim Training für die Bayerische Meisterschaft im Fingerhakeln.
  • Marina Birkhof
    VonMarina Birkhof
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Den anderen so richtig über den Tisch ziehen - aber nicht betrügerisch, sondern sportlich: Bei den Chiemgauhaklern dreht sich alles um den stärksten Finger. wasserburg24.de hat den Männern beim Training über die Schulter geschaut und sich den Traditionssport näher zeigen lassen.

Amerang - „Fingerhakeln, das ist ein alpenländischer Brauchtumssport. Da geht‘s nur zum Teil um den sportlichen Wettkampf - da geht‘s überwiegend um Erhalt und Tradition. Das darf nicht verloren gehen“, unterstreicht Michi Ackermann.

„Da gibt es verletzungsträchtigere Sportarten - Fußball zum Beispiel“

Der 55-jährige Bio-Landwirt aus Kasten bei Unterreit hakelt, seit er 14 Jahre alt ist. 1980 hat ihn seit älterer Bruder mitgenommen zur Chiemgau-Meisterschaft in Schleching - und seitdem muss sein rechter Mittelfinger dran glauben. „Das war bärig“, erinnert sich der Unterreiter, der inzwischen mit drei verschiedenen Fingern im Wechsel hakelt - schließlich braucht er Ausweichmöglichkeiten, falls er sich mit einem Finger einmal übernimmt.

An größere Verletzungen aber - weder bei ihm noch bei Hakel-Kollegen - kann sich Michi nicht erinnern: „Das Schlimmste war mal eine gerissene Sehne. Aber da gibt es gefährlichere und verletzungsträchtigere Sportarten - Fußball zum Beispiel. Zu Beginn reißt beim Hakeln häufig die Haut ein, doch daran gewöhnt man sich. Mit zunehmenden Training sorgt eine dicke Hornhaut am Hakelfinger ausreichend vor.“ Mit Ausnahme des Daumens darf jeder Finger an den Lederriemen.

Michi Ackermann und Sepp Huber (rechts) am Hakeltisch.

„Je trockener die Hände, umso besser fürs Hakeln“

Die Kraft kommt übrigens aus dem Kreuz: „Nicht der Finger zieht, sondern der Rücken“, untermalt Michi mit einem Blick auf Sepp Huber, der sich gerade mit seinen Mittelfingern an der Klimmstange hochzieht. Seine Finger zeugen von jahrelangem Training, schließlich zählt er zu den ältesten aktiven Haklern im Verein.

Als einer der erfahrensten hat der 60-Jährige aus Eiselfing freilich auch einen wichtigen Hinweis parat: „Je trockener die Hände, umso besser fürs Hakeln. Baden ist Gift für uns Hakler“, erklärt er schnaufend nach einer Pause und ergänzt spaßeshalber: „Und geduscht wird auch nur noch sporadisch kurz vor dem Wettkampf.“

Die Vorgaben stehen im Fingerhakel-Statut

Rudergerät, Klimmzug, eine an der Wand montierte Metallfeder und Magnesia an den Händen, dass es nur so staubt - recht viel mehr braucht es nicht im Übungsraum der Chiemgauhakler auf dem Bichlerhof in Eck bei Amerang. Und freilich darf der massiv gebaute Tisch mit Normmaßen von 74,5 x 109 x 80 Zentimetern laut Fingerhakel-Statut nicht fehlen.

Die Hocker der Auffänger, die aus Sicherheitsgründen hinter den Teilnehmern platziert sind, sind gepolstert, um im Falle eines Sturzes Verletzungen zu vermeiden. Um den Tisch reihen sich außerdem ein Schiedsrichter, ein Vorsitzender und zwei Beisitzer. Gehakelt wird freilich in Tracht, wie es Andi Hangl selbst beim Üben am Rudergerät vormacht.

Andi Hangl beim Training am Rudergerät.

Die Redewendung „Jemanden über den Tisch ziehen“ hat ihren Ursprung im Brauchtumssport des Fingerhakelns. So wurden damals Streitigkeiten ausgetragen. Der außergewöhnliche Sport, der in Bayern seit Jahrhunderten - also praktisch schon immer - praktiziert wird, verlangt den Teilnehmern nicht nur Körperkraft, sondern auch ein hohes Maß an Reaktionsvermögen und Schmerzresistenz ab. 

Angetrunken hakeln ist deshalb verpönt, unterstreicht Michi und erntet zustimmende Blicke von seinen Hakel-Kollegen. „Nach dem Wettkampf eine Mass ist freilich erlaubt - aber erst, wenn der Gegner über den Tisch gezogen wurde. Schließlich müssen die Hakler schnell reagieren. Macht einer einen Fehler, kann das entscheidend sein für den Wettkampfausgang.“

Auf das Kommando „Beide Hakler fertig? Zieht!“, wird gehakelt, was das Zeug hält. Gewonnen hat derjenige, der mit dem Lederriemen den anderen über die Siegerlinie gezogen hat. Entscheidend, da sind sich die Hakler einig, sei die Technik, von der jeder eine andere an den Tag legt. Auch Schnelligkeit ist essentiell, will man den Wettkampf für sich entscheiden. Wer unterliegt, darf den Finger auf keinen Fall öffnen, sondern muss mit geschlossener Faust nachgeben. „Sonst reißt‘s die Haut vom Finger“, warnt Michi.

Andi Hangl (rechts) zieht beim Training auf dem Bichlerhof in Eck bei Amerang Michi Ackermann über den Tisch.

Das Kräftemessen selbst dauert nur wenige Sekunden, selten recht viel länger als eine halbe Minute. Doch der letzte Millimeter bis über die Ziellinie, das weiß auch Valentin Bichler, können schweißtreibend sein. Der 18-Jährige zählt zu den jüngsten Haklern und hat vor vier Jahren den Traditionssport in für sich entdeckt, als er in der Schüler-Meisterschaft in Farchant im Garmisch-Partenkirchen zum ersten Mal antrat. Als Unterstützung waren sein älterer Bruder Roman und Sepps Sohn Martin dabei.

Auch wenn Valentin damals ein bisserl Pech bei der Auslosung hatte - er saß ausgerechnet dem amtierenden Meister am Hakeltisch gegenüber - war für den angehenden Industriekaufmann klar, dass er den Haklern treu bleibt. Die Gemeinschaft, die Tradition und letztlich auch die Wettkämpfe haben es dem jungen Ameranger vom gleichnamigen Bichlerhof der Eltern angetan. Obwohl er Rechtshänder ist hakelt Valentin mit dem linken Mittelfinger. „Da habe ich einfach mehr Kraft“, erzählt er lachend.

Valentin Bichler trainiert seine Mittelfinger an der Klimmstange. Mit 18 Jahren zählt er zu den jüngsten Mitglieder bei den Chiemgauhaklern.

Traditionsreicher Kampfsport seit mehr als 60 Jahren

Der „Chiemgauer Ranggler- und Haklerverein“ wurde 1960 in Ruhpolding gegründet. Die Mitglieder weiten sich inzwischen aus - bis in den Wasserburger Raum. Nun rüsten sich circa 15 gestandene Mannsbilder für die Bayerische Meisterschaft, die am ersten Festsonntag (29. Mai) im Festzelt auf dem Wasserburger Frühlingsfest zwischen neun Gaus aus ganz Bayern ausgetragen wird.

„Wir freuen uns auf die Meisterschaft und darauf, alle Hakl-Spezen wiederzusehen“, betont Michi und erinnert sich zurück an die Deutsche Meisterschaft auf dem Frühlingsfest in der Innstadt im Jahr 1991. Da hat er es nämlich zum ersten und zum letzten Mal geschafft, den Franz Socher vom Gau Auerberg aus dem Ostallgäu über den Tisch zu ziehen. „Ich belegte damals den sechsten Platz und der Franz war gleich hinter mir platziert. Da war ich schon stolz.“

Konkurrenten allerdings sind die Hakler nur in den wenigen Sekunden des Wettkampfes, wie Michi unter Zustimmung seiner Hakel-Kollegen abschließend unterstreicht: „Du bist nur am Kampftisch der Gegner, ansonsten sind wir Freunde. Am Tisch selbst ist‘s keine Gaudi, davor und danach schon.“

mb

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