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Serie zu 50 Jahren Gebietsreform – Zeitzeuge Karlheinz Rieger

Als Wasserburger Abiturient ist Karlheinz Rieger mit der Gebietsreform politisch erwacht

Demo der Gewerkschaftsjugend; begleitet von neugierigen Zuschauern am Straßenrand, im Vordergrund rechts Landrat Bauer im Gespräch mit Polizei.
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Demo der Gewerkschaftsjugend; begleitet von neugierigen Zuschauern am Straßenrand, im Vordergrund rechts Landrat Bauer im Gespräch mit Polizei.

Karlheinz Rieger, freier Mitarbeiter der Wasserburger Zeitung, war Abiturient, als die Auflösung des Landkreises Wasserburg diskutiert wurde. Der heute 70-Jährige verbindet mit dieser Zeit vor 50 Jahren sein politisches Erwachen.

Wasserburg – Karlheinz Rieger erinnert sich als Zeitzeuge an turbulente Jahre, in denen es im Raum Wasserburg zu den ersten Demonstrationen kam.

Karlheinz Rieger

„Ich erinnere mich gerne an die Jahre 1971 und 1972, die mit einem intensiven Erleben des Beginns eines moderneren politischen Zeitalters verbunden waren. Für mich persönlich war zudem familienbedingt das Gefühl, früh Eigenverantwortung für meine eigene Zukunft übernehmen zu müssen, prägend. Dabei spielte auch die Gebietsreform im Rahmen meiner künftigen Berufswahl eine Rolle.

Zumeist Jugendliche traten bei den Darbietungen auf – darunter auch einige meiner Mitkollegiaten darunter.

Würde Wasserburg in Bedeutungslosigkeit versinken?

Die regional ungewisse Entwicklung minderte gefühlt für mich nämlich die potenziellen Arbeitsmöglichkeiten als angehendem Abiturienten mit Wunsch zu studieren. Denn beim Blick auf die Landkarte fürchtete ich, dass die drohende Auflösung des Landkreises zwischen Ebersberg und Traunstein sowie Mühldorf und Rosenheim nicht nur ein verwaltungstechnisches ‚Loch‘ hinterlassen würde, sondern für mich passende Berufe nur mehr in größerer Entfernung angeboten würden, weil Wasserburg in politischer und wirtschaftlicher Bedeutungslosigkeit zu versinken drohte.

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Die Schule und die Abiturvorbereitungen standen für mich aber in der entscheidenden Phase Ende 1971 im Vordergrund. Als Führer-schein- und Autobesitzer mit dem besonderen Privileg, auf dem Schulgrundstück einen reservierten Parkplatz wegen anerkannt unzureichendem öffentlichem Nahverkehrsangebot besetzen zu dürfen, gesellte sich der Stolz, zum ersten bayerischen Kollegstufen-Abitur-Jahrgang zu gehö-ren.

Das Luitpold-Gymnasium war damals nämlich eine der wenigen bayerischen Versuchsschulen, an denen das Modell erprobt wurde. In diesem Bewusstsein vergaßen meine Mitkollegiatinnen und -kollegiaten und ich nie, alles, was irgendwie politisch deutbar war, zu diskutieren und grundsätzlich auch im Unterricht zu hinterfragen. Dank hiermit nachträglich an unseren Geschichts- und Sozialkundelehrer Erich Meisinger, der mit Engelsgeduld und Ausdauer auf unsere Ideen einging, zuhörte und versuchte, uns stets sachlich zu informieren.

Schülerausweis aus dem Jahr 1971.

Privat besuchte ich aus diesem politischen Interesse heraus schon regelmäßig Gemeinderatssitzungen in Griesstätt, ebenso wie auch im Frühjahr 1971 die erste Demonstration der Gewerkschaftsjugend mit Bandbegleitung auf dem Marienplatz.

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So etwas war zuvor hier undenkbar gewesen: Linke in Wasserburg und das noch öffentlich vor dem Rathaus. Zugegebenermaßen war es für mich damals ein besonderes Gefühl, Personen abseits der bayerischen Regierungsmeinung live zu erleben.

Unter dem Aspekt eines allgemeinen und zeitbedingten jugendlichen Aufbegehrens und Hinterfragens betrachtete ich letztlich die Gebietsreform in ihrer entscheidenden Phase. Und so blieben deren Begleiterscheinungen unter der Prämisse ‚Widerstand‘ in meiner Erinnerung haften. Unvergessen deshalb die da-maligen Vogtareuther Plakate mit despektierlichen Äußerungen über den Wasserburger Landrat Bauer oder der Spruch: „Wir wollen nicht nach Straußburg!“

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Noch dazu war ja auch meine damalige Heimatgemeinde Griesstätt aufgerufen, freiwillig eine Verwaltungsgemeinschaft zu bilden. Mit wem, sollte eine Art Bürgerbefragung ergeben. Jedenfalls wurde um Unterschriften an der Haustür gebeten. Nur die Alternativen Rott oder Vogtareuth erschienen mir damals wegen der bekannten regionalen Animositäten bezüglich einer realen Umsetzung sehr unwahrscheinlich. Die gemeinsame Telefonvorwahl als Argument reichte letztendlich nur zu einem hauchdünnen Vorsprung für Rott. Die Befragung blieb zu meiner Freude folgenlos.

Ganz exklusiv: einer von fünf ausgestellten Parkausweisen für das Schulgelände.

Wasserburger legt sich vor das Auto von Staatssekretär Kiesl

Höhepunkt der persönlichen Widerstandsgefühle gegen die Landkreisauflösung, für die ich selbst kein Verständnis entgegenbrachte, war letztlich die Blockade des Autos von Staatssekretär Kiesl vor dem Alkor-Firmengelände. Dass sich ein Wasserburger vor dessen Wagen legte, um eine Diskussion zu erzwingen, erschien mir als Schüler heldenhaft mutig. Und die damalig tradierte Bemerkung Kiesls, dass den Wasserburgern auch in Zukunft eh nichts anderes übrigbleiben würde, als CSU zu wählen, bewog unter Berücksichtigung der Folgen der Gebietsreform für die Stadt dann wohl nicht nur mich, diesbezügliche Alternativen schon aus Prinzip genauer zu prüfen.“

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