Konkurrenz zum Einzelhandel

Aldi-Neubau: Wasserburger Stadtrat will innenstadtrelevantes Sortiment einschränken – nur wie?

Die Wühltische bei Discountern wie Aldi sind den Geschäftsleuten in Innenstädten ein Dorn im Auge. In Wasserburg sucht der Stadtrat nach einer Lösung, dass beim Aldi-Neubau in Staudham das „innenstadtrelevante Sortiment“ beschränkt werden kann.
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Die Wühltische bei Discountern wie Aldi sind den Geschäftsleuten in Innenstädten ein Dorn im Auge. In Wasserburg sucht der Stadtrat nach einer Lösung, dass beim Aldi-Neubau in Staudham das „innenstadtrelevante Sortiment“ beschränkt werden kann.
  • Andrea Klemm
    vonAndrea Klemm
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Abriss und Neubau für mehr Kundenkomfort – der Aldi in Staudham hat das vor. Der Stadtrat in Wasserburg möchte mehr Einfluss nehmen, denn der „Flächenfraß“ stößt einigen im Gremium sauer auf. Ebenso die fehlende Nachhaltigkeit – und dass die Aktionsware auf den Wühltischen den Läden in der Innenstadt weh tut.

Wasserburg – Der Aldi in Staudham soll abgerissen und neu gebaut werden – mit einer erweiterten Fläche von 1200 Quadratmetern und einem Obergeschoss, etwa für Verwaltungs- und Personalräume. Dafür braucht es eine Änderung des Bebauungsplanes. Bereits im Juni 2019 hatte der frühere Stadtrat das beschleunigte Verfahren beschlossen. Ein Planentwurf liegt dem städtischen Bauamt vor.

Unmut auch wegen des Flächenfraßes

Der Stadtrat beschäftigte sich eingehend mit dem vorliegenden Billigungsbeschluss, denn das Vorhaben warf einige Fragen auf und rief auch Unmut hervor – etwa wegen des Flächenfraßes und des „innenstadtrelevanten Sortimentes“.

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Stadtbaumeisterin Mechtild Herrmann erklärte, dass die Fläche erweitert werden soll, um den Kunden mehr Komfort beim Einkaufen zu bieten; das Sortiment soll nicht erweitert werden. Die Regale werden niedriger und die Gänge breiter.

Insektenfreundliche Bäume für Grünflächen

Christian Stadler (Grüne) schlug vor, in Sachen Grünfläche bei den Parkplätzen sollte „insektenfreundliche Bäume ergänzt werden, sonst haben wir wieder einen englischen Rasen“. Auch sprach er die „Non-Food“-Artikel an, die der Discounter auf seinen Wühltischen anbietet. „Das ist innenstadtrelevantes Sortiment. Das sollte man im Bebauungsplan flächenmäßig begrenzen. Das hat man damals beim Aldi neben dem Singer auch so gemacht“, so Stadler.

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Lorenz Huber (Bürgerforum) sprach das Thema Nachhaltigkeit und Flächenverbrauch an. „Das jetzige Gebäude ist gerade mal 20 Jahre alt und wird jetzt weg gerissen. Nachhaltig ist was anderes. Nur in die Fläche zu gehen, ist auch nicht nachhaltig.“ Er schlug vor, das Obergeschoss so zu bauen, dass zusätzliche Büroeinheiten einziehen könnten. Oder aber dass man Parkmöglichkeiten ins Gebäude integriert - um flächen- und ressourcenschonend zu bauen, wie es die Bayerische Staatsregierung mit Blick auf eine zukunftsorientierte Entwicklung fordere. „Das Gewerbegebiet ist ja nicht unendlich“, so Huber.

Zum Teil zweigeschossig

Bürgermeister Michael Kölbl (SPD) erklärte, der Bau werde ohnehin in Teilen zweigeschossig, um etwa Lager oder Verwaltung des Discounters unterzubringen. „Es ja sowieso die Entscheidung des Eigentümers, was er im ersten Stock macht“, so Kölbl. Eine Empfehlung sei natürlich möglich, aber „auch nur ein Papiertiger“.

Mit Aldi kann man reden

Stadtbaumeisterin Herrmann sagte zu den Einwänden der Stadträte, „wir können mit dem Bauherrn Kontakt aufnehmen und das Nutzungskonzept besprechen. Aber städtebauliche Argumente können wir nicht vorbringen“. Das Ziel des Flächensparens sei Landesrecht. „Aber hier geht es um Bebauungsrecht und das ist Bundesrecht, steht also drüber,“ so die Stadtbaumeisterin. Ergänzend sagte sie, der Inhaber des Discounters könne im ersten Obergeschoss nur das verwirklichen, das auch Sondergebiet kompatibel ist. Also etwa nicht an ein Kosmetikstudio vermieten.

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Christoph Klobeck (CSU) sprach das Thema „Non-Food-Ware“ an. Er habe sich mal den Spaß gemacht, und sich im Laden das Ausmaß der „Aktionsartikel in den Wühltischen“ angesehen. „Das höhlt unsere Innenstadt zunehmend aus. Ich kann bei dem Beschluss nicht mitgehen.“

Neubau wegen mehr Komfort

Friederike Kayser-Büker SPD) hakte noch einmal nach: Keine Sortimentserweiterung, sondern Komfortverbesserung – darum gehe es. „Ich bin irritiert, dass wegen mehr Fläche zur besseren Präsentation der Bau abgerissen und neu gebaut wird.“

Stadtbaumeisterin Herrmann verwies auf den konstanten Kontakt, den der Bauwerber zu ihrem Amt halte. „Die Kommunikation mit denen ist gut, wir können uns zusammensetzen.“

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Kayser-Büker pochte drauf, den Dialog zu suchen und den Beschluss erst einmal auszusetzen. Josef Baumann (Freie Wähler Reitmehring/Wasserburg), sagte, wenn Aldi die Parkplätze ohnehin neu gestalte, könnte man ja auch die Möglichkeit nutzen, einen Kreisverkehr zu bauen oder eine Einbahnregelung auf der Zufahrtsstraße zu verwirklichen, „damit man das Ganze vom Verkehr her entzerrt. Plätze wäre vorhanden“.

Der Innenstadt darf`s nicht weh tun

Christian Stadler sagte zum Vorstoß von Lorenz Huber, man müsse aufpassen, dem Bauherrn Zweigeschossigkeit vorzuschreiben. „Da sehe ich dann die Gefahr, dass er am Ende sagt, er findet keinen passenden Pächter für die Räume im Obergeschoss und tut dann was rein, was der Innenstadt so richtig weh tut.“

Stadtrat will einen Dialog mit Bauwerber

„Ich stimme gegen den Billigungsbeschluss. Das ist eine Ressourcenverschwendung ohne Ende“, bekräftigte Christian Flemisch (ödp). Bauen und nach 20 Jahren wegreißen – „so einem Wirtschaften kann ich nicht zustimmen“, sagte er und ärgerte sich über das „kapitalistische Denken“, das sich zwischen Investition und Abschreibung bewege, ohne Rücksicht auf Ressourcen. „Da platzt mir der Kragen.“ Er verwies auf den schweren Stand der Innenstadtgeschäfte und darum lehne er jede Bebauungsplanänderung ab, die deren Existenz zusätzlich erschwere.

Pflöcke einschlagen

Lorenz Huber: „Mit‘m Aldi kann man reden. Lasst uns versuchen, Pflöcke einzuschlagen.“ Stadler warnte vor einer generellen Ablehnung der Bebauungsplanänderung. „Dann kann der Aldi abreißen und neubauen, so wie es Stand jetzt erlaubt ist. Ob das dann besser ist?“ Das Gremium einigte sich einhellig darauf, den Beschluss zu vertagen. Stadtbauamt und Bürgermeister werden mit Aldi in Dialog treten, die Nutzung des Obergeschosses diskutieren; ebenso die Aufteilung der Verkaufsflächen in Non-Food und Food gemäß der gutachterlichen Stellungnahme der Regierung von Oberbayern.

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