Corona und Bildungspolitik

Albachinger Elternvertreterin warnt: „Alle sind gerade am Ende ihrer Kräfte“

Linda Summer-Schlecht aus Albaching
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Linda Summer-Schlecht aus Albaching
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Linda Summer-Schlecht aus Albaching, Schulsozialarbeiterin, kämpft seit vielen Jahren für mehr Bildungsgerechtigkeit. Vor Kurzem wurde sie zur stellvertretenden Landesvorsitzenden des Bayerischen Elternverbands gewählt. Im Interview erklärt sie, welche Konsequenzen die Bildungspolitik aus der Pandemie ziehen sollte.

Albaching – Linda Summer-Schlecht aus Albaching, Schulsozialarbeiterin am Gymnasium Grafing, kämpft seit vielen Jahren für mehr Bildungschancengleichheit. Vor Kurzem wurde Summer-Schlecht zur stellvertretenden Landesvorsitzenden des Bayerischen Elternverbands gewählt. Im Interview mit der Wasserburger Zeitung erklärt sie, warum viele Familien derzeit am Ende ihrer Kräfte angelangt sind und welche Konsequenzen die Bildungspolitik aus der Pandemie ziehen sollte.

Sie sind nun stellvertretende Landesvorsitzende des Bayerischen Elternverband (BEV). Was genau macht ihr Verband?

Linda Summer-Schlecht: Der Bayerische Elternverband engagiert sich schulartübergreifend für alle Kinder und Jugendlichen sowie deren Eltern – vom Kindergarten bis zur beruflichen Bildung. Wir setzen uns für die individuelle Förderung aller Kinder und Jugendlichen in Bayern ein, unabhängig davon, welche Bildungseinrichtung sie besuchen und aus welchem Elternhaus sie kommen. Alle jungen Menschen haben einen Anspruch auf gleiche Bildungschancen. Der BEV unterstützt die Eltern dabei, ihren Kindern diese Chancen zu bieten.

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Wie sind Sie zur Verbandsarbeit gestoßen? Welche Motivation steckt für Sie dahinter?

Summer-Schlecht: Ich war immer schon engagiert von der Kita bis zur Schule. Vorsitzende einer Elterninitiative, in der Grundschule Elternbeiratsvorsitzende und kümmerte mich darum, wenn Hortplätze in München zu wenig wurden, Im „Gemeinsamen Elternbeirat“ der Stadt München merkte ich: Man kann selbst in einer Großstadt wie München mit nachhaltigem Engagement Einfluss nehmen auf die Verbesserung der Bedingungen für Schüler. Da die Bearbeitung des Themas Legasthenie und Dyskalkulie noch nicht so in bayerischen Schulen funktioniert, wie es längst könnte, war ich zuerst Gruppenleiterin für den Landesverband für Legasthenie. Aber genau genommen betrifft Inklusion alle Schüler – deshalb ist es so wichtig, an der Qualität für alle zu arbeiten und hier nicht nur in Sinne der Bildung an sich etwas voranzubringen. Daher bin ich vor mehr als zehn Jahren dem BEV beigetreten.

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Das Thema Schule und Corona beschäftigt derzeit viele Menschen. Was sind die größten Probleme für Eltern und für Schüler?

Summer-Schlecht: Sie alle sind gerade am Ende ihrer Kräfte – die Schüler, deren Eltern, Lehrkräfte, Sozialarbeiter. Sigrid Beer eine Bildungspolitikerin aus NRW, hat es kürzlich treffend ausgedrückt: Stress, Erschöpfung, das nehmen viele – nicht nur aus der Schule – mit in diese Zeit. Schulleitungen, Pädagogen, aber auch Schüler und Eltern. Den meisten ist auch bewusst, dass trotz der Hoffnung auf die in Aussicht gestellten Impfungen das Schuljahr weiter massiv durch die Auswirkungen der Pandemie geprägt sein wird. Zeit zur Erholung ist auf jeden Fall dringend notwendig, zumal es unklar ist, in welcher Situation wir uns befinden, wenn die Schule im neuen Jahr wieder startet.

Neben der Bewältigung des Schulalltags müssen wir uns auch mit der zentralen Frage beschäftigen: Welche Konsequenzen ziehen wir aus den Erkenntnissen während der Pandemie? Insbesondere, wenn die Reden, die derzeit so gerne zur Bildungsgerechtigkeit geschwungen werden, sich nicht als substanzlose Fensterreden entpuppen sollen. Denn Corona hat die Chancenungleichheit gerade im Bildungssystem schonungslos gezeigt.

Gleichzeitig ist das Beharren auf dem angepassten Regelbetrieb aber Beleg dafür, dass sich möglichst nichts an den grundsätzlichen Verhältnissen ändern soll. Es soll nichts in Frage gestellt werden, das wird deutlich. Doch das Verharren in einem Schulsystem des vorletzten Jahrhunderts, in dem sich einige komfortabel eingerichtet haben und andere abgehängt werden, können wir uns nicht leisten.

Wir können uns die strukturelle Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen nicht erlauben, denn gerecht und zukunftsfähig ist das derzeitige Bildungssystem nicht. Kinder und Jugendliche brauchen mehr als Mathe, Deutsch und Fremdsprache, mehr als die alte Schule mit Hygieneregeln. Sie brauchen Raum für Kreativität, Raum dafür, Persönlichkeit und Resilienz zu entwickeln und stark zu werden,

Und welchen Problemen begegnen Sie als Schulsozialarbeiterin und Migrationsberaterin?

Summer-Schlecht: Als Sozialarbeiterin für die Jugendhilfe Oberbayern begleite ich Klassen bei der Entwicklung von Sozial- und Medienkompetenz und habe in dem Fall das Glück eine Stelle zu haben, bei der ich sowohl präventiv mit allen Schülern wie auch mit den Schülern arbeiten zu können, die es aktuell nicht so leicht in Leben haben. Wir Schulsozialarbeiter merken zunehmend Schüler, die unter der gegebenen Situation leiden, die Depressionen und Ängste entwickeln.

Arbeitsblätter und Lösungen oder Brückenkurse anzubieten nützt den Schülern sozial-emotional nicht viel und selbst der Onlineunterricht gleicht nur zum Teil das aus, was mit Präsenz an den Schulen sozial ablaufen würde.

Als Migrationsberaterin begegne ich nicht nur der Frage, ob die Schüler alle digitale Endgeräte haben und Wlan Zuhause funktioniert. Bei Familien mit Migrationshintergrund gibt es besonders viele, die mit beengten Wohnverhältnissen zurechtkommen müssen. Eltern die nicht nur sprachlich nicht unterstützen können, sich aber auch nicht die Nachhilfe leisten können zu zahlen, tun sich noch schwerer als deutsche Eltern mit der Übernahme der Lernbegleitung ihrer Kinder.

Das Thema Digitalisierung an Schulen auch nach Corona wird ebenfalls diskutiert. Welche Gefahren gibt es? Und welche Chancen sehen Sie?

Summer-Schlecht: Um mit den Gefahren umzugehen, gibt es in zwischen viele Angebote von Elternveranstaltungen bis zu Schulung der Medienkompetenz der Schüler. Die digitale Welt ist sehr schnell und unübersichtlich – Hatespeach (Hassreden) und Ähnliches verbreitet sich anonym in Netz. Wir sehen aber auch die Vorteile der digitalen Bildung, die sich individueller am Einzelnen orientieren könnte. Konkret könnte Schülern mit Lesestörung zum Beispiel ein schnelleres Erlesen von Texten Erlernen durch einen Scannerstick oder Vorlesefunktion am Laptop ermöglicht werden. Bundesweit wird kritisiert, dass die Verlage zu wenig individuelle Lernsoftwares anbieten. Diese müssen außerdem mehr von den Ministerien genehmigt werden.

Inwiefern glauben Sie, dass Corona den Schulalltag nachhaltig verändern wird. Wünschen Sie sich diese?

Summer-Schlecht: Auf jeden Fall wünsche ich den Familien nachhaltige Veränderung. Corona hat die Chancenungleichheit wie ein Brennglas aufgezeigt, was vorher auch schon vorhanden war, wird nun noch deutlicher. Wir können es uns nicht leisten Schüler abzuhängen und damit Potenziale zu verlieren, in einem Land, das von Know-how und dem Engagement der Menschen lebt. Daher würde ich mir wünschen, Corona auch als Chance zu sehen und jetzt in einem Prozess zu kommen in dem in Bildungsbereich strukturelle Benachteiligungen suggestiv abgebaut werden. Ernsthaft abgebaut, nicht nur oberflächlich zur Show, wie es in ganz Deutschland, in Bayern besonders, getan wird.

Es geht weniger darum, ob wir das beste Abitur schaffen, sondern ob wir alle zusammen die Krise bewältigen und ob für die Zukunft resiliente Persönlichkeiten mit lebenslanger Lernkompetenz aus unseren Kindern und Jugendlichen werden!

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