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„Zukunftsfähig? Da bin ich mir nicht sicher“

„Alarmstufe Rot“: So reagieren die Haager auf das neue Konzept für das Krankenhaus

Voll besetzt war der Bürgersaal in Haag bei der Vorstellung des neuen „Zukunfts-Konzepts Krankenhaus Haag“
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Voll besetzt war der Bürgersaal in Haag bei der Vorstellung des neuen „Zukunfts-Konzepts Krankenhaus Haag“
  • Anja Leitner
    VonAnja Leitner
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Ängste, Beschwerden, nur wenig Verständnis: Bei einer Info-Veranstaltung zum Haager Krankenhaus im Bürgersaal ging es rund. Welche Fragen offen sind.

Haag - Voll besetzt war der Bürgersaal in Haag bei der Vorstellung des neuen „Zukunfts-Konzepts Krankenhaus Haag“. Rund 200 Bürger, Mitarbeiter, Rathauschefs, Kreis- und Gemeinderäte verfolgten den Vortrag von Thomas Ewald, Vorstandsvorsitzender des InnKlinikums Altötting und Mühldorf. Mit dabei waren auch Bürgermeisterin Sissi Schätz, Mühldorfs Landrat Max Heimerl, Dr. Wolfgang Richter, Medizinvorstand und Ärztlicher Direktor der Kliniken Mühldorf und Haag, Manuela Landgraf, Vorsitzende des Personalrats in Mühldorf und Haag, und Dr. Stephan von Clarmann, Chefarzt des Zentrums für Altersmedizin am InnKlinikum Mühldorf und Haag.

So sieht, wie bereits im Dezember berichtet, das neue Konzept aus: Vorhanden bleiben sollen im Haager Krankenhaus die Schmerztherapie, das Schlaflabor, die Logopädie und die Ergo- und Physiotherapie. Außerdem zieht das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) in das Klinikgebäude. Neu hinzukommen sollen eine Pflegestation, Tagespflege, Arztpraxen und eine mobile (geriatrische) Reha. Die einschneidendste Veränderung betrifft die Geriatrie und die Parkinsonbehandlung. Beides wird es in Haag nicht mehr geben. Die Akutgeriatrie wandert nach Mühldorf, die Parkinsonbehandlung nach Altötting.

Ewald erläuterte bei der Informationsveranstaltung die prekäre Lage des InnKlinikums, die alle vier Standorte in Altötting, Mühldorf, Burghausen und Haag betreffen würde. Einerseits würde die Klinik ein großes Defizit einfahren - 2021 seien es 21 Millionen -, andererseits gebe es - wie überall - große Personalprobleme, erklärte der Vorstandsvorsitzende. „Bis 2035 fehlen deutschlandweit 118.000 Pflegekräfte“, lautete seine Prognose, „2020 waren es schon 50.000 zu wenig“, verdeutlichte Ewald. Darüber hinaus würden ab 2025 doppelt so viele Kräfte in Rente gehen wie bisher. „Es herrscht Alarmstufe Rot. Wir sind zu Veränderungen gezwungen. Das ist keine Laune der Geschäftsleitung“, sagte er. Die für ihn wichtigste Botschaft: „Wir haben einen Weg gefunden, die Klinik in Haag zu erhalten. Das ist aber nur durch Reformen möglich. Wenn wir jetzt nicht reagieren, haben wir bald gar nichts mehr“, erklärte er. Ewald betonte auch, dass das Bundesministerium für Gesundheit die Richtlinien vorgeben würde, an die sich die Klinikleitung zu halten habe.

Thomas Ewald, Vorstandsvorsitzender des InnKlinikums Altötting und Mühldorf, erläuterte das neue Konzept für das InnKlinikum Haag.

Das bestätigte auch Mühldorfs Landrat Max Heimerl, der auch Verwaltungsratsvorsitzender des InnKlinikums ist. „Es ist eine Chance, wir dürfen nicht alles negativ sehen. Wir können Haag als Leuchtturm-Gemeinde zu etablieren“, sagte er. „Es funktioniert aber nur, wenn wir es gemeinsam machen und uns zusammen entwickeln“, so der Landrat. Auch die Vorwürfe, dass sich die corona-bedingte Schließung des Haager Krankenhauses im November um „ein abgekartetes Spiel“ handele und aus dem Gebäude eine Flüchtlingsunterkunft werde, dementierte er. „Das ist alles Käse. Wir wussten auch nichts von der neuen Krankenhausreform, die Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach im Dezember herausgegeben hat und an der sich der Klinik-Vorstand nun orientieren muss“, verdeutlichte Heimerl.

Landrat Max Heimerl (links) erklärte den anwesenden Bürgern die Situation des InnKlinikums Haag.

Für Ewald habe die Verlegung der Geriatrie auch Vorteile. „Die Patienten sind bislang in Mühldorf aufgenommen und dann umverteilt worden, das fällt jetzt weg. Außerdem war ein Großteil davon gar nicht aus Haag“, meinte er. 2021 seien von insgesamt 578 behandelten Personen 52 Prozent aus dem Landkreis Mühldorf gekommen, davon nur 25 aus Haag. Die anderen Patienten seien unter anderem aus dem Landkreis Erding (14 Prozent), Altötting (13 Prozent) und Rosenheim (vier Prozent), so Ewald.

Die Begründung für das neue Konzept stieß bei den Haagern zwar teilweise auf Verständnis, dennoch blieben viele Fragen offen. Rosmarie Stieglmeier, die als Medizinische Fachangestellte am Standort Haag arbeitete, macht sich große Sorgen um ihre Stelle. „Ich habe Ängste in meiner Rolle als Arzthelferin. Ich sehe meine Zukunft hier nur im Schlaflabor, ansonsten gibt es keine Position. Wo sollen wir unterkommen? Außerdem haben dort zwei Ärztinnen gekündigt. Wie werden sie ersetzt?“ fragte sie nach Ewalds Vortrag. Darüber hinaus werde das Schlaflabor möglicherweise nicht vom InnKlinikum geführt. Das würde für Stieglmeier bedeuten, dass sie kündigen und sich anderweitig bewerben müsse. Eine weitere Frau im Publikum meldete sich ebenfalls zu diesem Thema: „Was passiert mit dem Personal im hauswirtschaftlichen Bereich? Wo gibt es in Haag eine Position für uns?“, fragte sie.

Vakante Stellen sollen bald besetzt werden

Ewald meinte, dass Mühldorf „dringend Hilfe im Segment für medizinische Fachangestellte“ benötige, genauso im hauswirtschaftlichen Bereich. Hier seien sicherlich genügend Arbeitsplätze vorhanden. Auch die beiden vakanten Stellen für die Ärztinnen im Schlaflabor sollten möglichst bald besetzt werden.

Zu den Umbaumaßnahmen im Haager Krankenhaus konnte Ewald noch keine genauen Daten nennen. Heimerl hofft, dass die Umsetzung im Februar beginnt. Möglicherweise könnten die Tagespflege und die Pflegestation schon im Sommer starten. „Wir sind in konkreten Gesprächen mit allen Beteiligten“, verdeutlichten Ewald und Heimerl. Auch auf die Frage aus dem Publikum, was mit dem geplanten Ärztehaus am Bräuhausplatz werde, äußerte sich Heimerl nur vage. „Wir sind in Kontakt mit dem Investor Ludwig Schletter. Ich will hier aber nicht über die Vorschläge des Investors sprechen“, so der Landrat. Es gebe aber „sehr attraktive Pläne“, berichtete er.

Siegfried Maier, Gemeinderatsmitglied in Haag, mahnte an, dass der Klinik-Vorstand und der Landrat „in die Pötte kommen müssen“, bevor noch mehr Mitarbeiter kündigen würden, weil sie keine Perspektive sehen und die Umbaumaßnahmen nicht voranschreiten würden. Er betonte aber auch, dass er das Konzept „für sehr gut“ halte.

Haager Krankenhaus weiterhin „Klinik“

Thomas Kitzeder, der selbst lange Jahre bei den Kreiskliniken Mühldorf in verschiedenen Funktionen tätig war, meldete sich ebenfalls zu Wort: „Ich beneide Sie nicht, dass Sie in dieser verrückten Zeit eine solche Planung erstellen müssen“, sagte er. Er wollte wissen, ob die mobile Reha und die Tagespflege vom Krankenhaus geführt würden, zeigte sich aber vom Konzept nicht überzeugt, „Ob es zukunftsfähig ist, da bin ich mir nicht sicher“, war seine Meinung. Dafür erntete er großen Applaus vom Publikum. Ewald entgegnete, dass der Vorstand in „konkreten Gesprächen“ zur Frage sei, ob die Pflegestation als GmbH vom InnKlinikum betrieben werde oder ein externer Betreiber dies übernehme.

Egon Barlag, Gemeinderatsmitglied in Haag und Zweiter Vorsitzender des Haager Krankenhausfördervereins, fragte nach, ob die Einrichtung laut des Stufenmodells von Lauterbach weiterhin unter den Begriff „Klinik“ falle, was Ewald bejahte. Das Haus falle unter die Kategorie „L 1i“, als integrierte ambulant/stationäre Grundversorgung, so der Vorstandsvorsitzende.

Die Grafik zeigt das Versorgungsstufenmodell, das die Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung herausgegeben hat.

CSU-Kreisrätin Christa Heindl meinte, dass das „dunkle Gebäude ein sehr trauriger Anblick“ sei. Sie wollte außerdem wissen, wie viel Personal noch zur Verfügung stehen würden. Ewald erklärte, dass zurzeit 44 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gekündigt hätten, „allerdings bevor sie das neue Konzept gehört haben“, sagte der Vorstandsvorsitzende. In den nächsten zwei bis drei Wochen könne der Vorstand den Angestellten ein „konkretes Angebot“ vorlegen.

Ein weiterer Bürger meldete sich in der Versammlung zu Wort und meinte: „Es ist ein politisches Problem.“ Vieles sei im Argen - auch beim Gesundheitssystem. „Die Gehälter der Pflegekräfte passen auch nicht, da sollten einfach mal 500 Euro mehr drauf gelegt werden“, meinte er. „Es scheitert an 20 Millionen? Es ist doch sonst für alles Geld da! Und dafür nicht?“ polterte er.

Viele Fragen weiterhin offen

Heimerl erwiderte, dass es Aufgabe der Politik sei, die Ressourcen zu verteilen. „Ich höre das aus jedem Bereich. Wir brauchen mehr Geld für den Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs, mehr für Soziales, mehr hier, mehr da. Es ist nicht so einfach zu sagen: Hier muss mehr Geld rein“. Auch Manuela Landgraf, Vorsitzende des Personalrats in Mühldorf und Haag, stimmte dem Landrat zu. „Es liegt nicht nur am Gehalt der Pflegekräfte. Es reicht nicht, 500 Euro draufzulegen. Es sind die Bedingungen, die in diesem Sektor nicht passen“, zeigte sie sich überzeugt. „Ich habe selbst vor elf Jahren als Krankenschwester in Haag angefangen. Es ist ein engagiertes Team mit tollen Mitarbeitern. Ich weiß, es ist bitter, aber wir haben keine andere Möglichkeit“, schloss die Vorsitzende des Personalrats.

Festzustellen bleibt: Laut dem Klinik-Vorstand befinden sich alle Beteiligten „in konkreten Gesprächen“. Viele Fragen sind aber dennoch offen: Wann mit der Umsetzung und den Umbaumaßnahmen im Haager Krankenhaus begonnen wird und wie viele Arbeitsplätze in der Marktgemeinde für die verschiedenen Fachbereiche zur Verfügung stehen werden, ist bislang offen.

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