Alarmierende Leerstände: Der Wasserburger Einzelhandel ist in großer Sorge

Postgasse: Der Textildruck „Maiers Flock“ hat aufgegeben, seitdem: Leerstand.
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Postgasse: Der Textildruck „Maiers Flock“ hat aufgegeben, seitdem: Leerstand.
  • Heike Duczek
    vonHeike Duczek
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Die Altstadt Wasserburg lebt – noch ist hier sichtbar viel los in den Gassen. Doch es gibt auch beunruhigende Bilder: Schaufenster ohne Auslagen, geschlossene Ladentüren. Der Leerstand nimmt zu. Das hat nicht nur mit der Pandemie zu tun.

11. September, 13.33 Uhr – Noch eine Hiobsbotschaft: 

ATU-Filiale Wasserburg schließt Ende September

Wird geschlossen: die ATU-Filiale in Wasserburg. 

Die Filiale der Automobil-Werkstattkette ATU (Auto-Teile-Unger) in Wasserburg wird zum Ende des Monats geschlossen. Dies bestätigte das in Weiden in der Oberpfalz ansässige Unternehmen. Zu den Gründen erklärte die Pressestelle, dass Filialen geschlossen würden, „die nicht profitabel arbeiten und/oder keine nachhaltige Zukunftsperspektive haben“. ATU prüfe kontinuierlich Strukturen und Filialkonzepte, um das Unternehmen zukunftssicher aufzustellen. Es werde auch in neue Standorte investiert – etwa in München. Von der Schließung der seit 2007 bestehenden Wasserburger Filiale sind acht Mitarbeiter betroffen. Ihnen werde so weit wie möglich angeboten. an andere Standorten des Unternehmens zu wechseln, um betriebsbedingte Kündigungen weitestgehend zu vermeiden. Win

11. September, 11.50 Uhr:

Lockdown: Aufschwung für den Internethandel

Färbergasse: Auch dieser kleine Laden steht schon lange leer.

Wasserburg – „Ja, der Einzelhandel ist gestresst“, bedauert Moritz Hasselt. Der Vorsitzende des Wirtschaftsförderungsverbandes (WFV) macht sich Sorgen – „obwohl wir hier in Wasserburg noch auf relativ hohem Niveau jammern“. Doch mittlerweile mache sich die Konkurrenz durch den Internethandel auch in Wasserburg bemerkbar, sagt Hasselt, der selber ein Uhren- und Schmuckgeschäft betreibt.

Im Lockdown hätten sich vielen Menschen zum ersten Mal erprobte Handelswege eröffnet. Viele hätten Gefallen am Internet-Shoppping gefunden. Außerdem „Sie können heute auch beim Aldi alles Mögliche kaufen, das es früher nur im Fachhandel gab.“ Mittlerweile gebe es sogar vier Fernseh-Shopping-Sender – eine weitere Konkurrenz. Im Fachhandel dagegen müssten die Preise steigen – „weil auch die Nebenkosten und Löhne steigen“. Doch die Marge werde kleiner – „irgendwann muss das System kollabieren“, sorgt sich Hasselt. Die Geschäftsleute kämen an ihre Grenzen, manche seien wirtschaftlich nicht mehr in der Lage, die Ausfälle zu kompensieren.

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Außerdem würden sich manche in diesen Zeiten schwer tun, den Generationenwechsel zu vollziehen. „Wer tut sich das noch an, ein Einzelhandelsgeschäft zu übernehmen?“ In manchen Branchen wie bei der Bekleidung sei heuer schließlich eine ganze Saison weggebrochen. Mittlerweile seien die Läden zwar wieder gut besucht in Wasserburg, doch die Ausfälle aus dem Lockdown könnten 2020 nicht mehr ausgeglichen werden, prognostiziert Hasselt. Das gelte auch für die Gastronomie, die im guten Sommer 2020 zwar noch gebrummt habe, jetzt aber auf möglichst langes schönes Wetter hoffe, um die Außenbewirtung hinziehen zu können.

Hasselt: „Wer im Internet kauft, kauft oft nicht billiger“

Schustergasse: Dieser Laden wartet seit Langem auf einen Nachmieter.

Hasselt stellt zwar auch fest, dass die Kunden nachhaltiger kaufen, mehr Wert auf Qualität legen – und dafür auch mehr Geld als vor Corona ausgeben würden. Einkaufen werde nach wie vor mit einem Erlebnis verbunden, viele würden das Bummeln entlang der Schaufenster genießen, ebenso wie die Möglichkeit, das gekaufte Produkte gleich mit heim zu nehmen. „Ob das aber auf Dauer ausrecht, um den Fachhandel aufrecht zu erhalten?“ Tatsache sei außerdem: „Wer im Internet kauft, kauft oft nicht billiger als im stationären Einzelhandel.“

Hasselt ist angesichts der Probleme von Einzelhandel und Gastgewerbe überzeugt, der Schaden, den die Corona-Pandemie ausgelöst habe, dürfe nicht von einzelnen, betroffenen Branchen allein getragen werden. „Wir müssen zusammenrücken und die Belastung gerechter verteilen – auch wenn das politisch schwierig ist.“ Der WFV-Vorsitzende appelliert außerdem an die Vermieter und Verpächter, Geschäften und Gastronomie entgegenzukommen, zu stunden oder Zahlungen teilweise auszusetzen.

Kölbl: „Krise macht auch vor Wasserburg nicht halt“

Ledererzeile: Optiker Gözt ist an den Marienplatz umgezogen, noch steht das Geschäft leer.

„Die Corona-Wirtschaftskrise macht auch vor Wasserburg nicht halt“, bedauert auch Bürgermeister Michael Kölbl angesichts der zunehmend sichtbaren Leerstände in der Einkaufsstadt. Die Verwaltung helfe – etwa dadurch, dass die Gebühren für Sondernutzungsflächen im öffentlichen Raum – zum Beispiel dort wo Cafés ihre Tische aufstellen oder Läden ihre Verkaufsstände – heuer gestrichen seien.

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Die Kommune ist außerdem Vermieterin von Gebäuden, in denen Gaststätten oder Läden betrieben werden. Sie stunde auf Antrag die Miete, erlasse sie in einzelnen Fällen, berichtet Kölbl. „Wir entwickeln individuelle Lösungen für unsere Mieter, wenn sie sich an uns wenden, weil sie Hilfe benötigen“, sagt er. Ziel sei es, „dazu beizutragen, das Überleben zu ermöglichen“. Gut zehn der 60 Geschäfte, die mit der Stadt Mietverhältnisse hätten, seien bereits vorstellig geworden und hätten sich zu möglichen Hilfen im Rathaus beraten lassen.

Pandemie wirkt wie ein Beschleuniger

Bahnhofsvorplatz: Der Kinderkleidermarkt hat bereits vor einiger Zeit geschlossen.

Die vermehrten Leerstände in der Stadt beunruhigen Kölbl. Dass immer mehr Läden aufgeben, liegt nach seiner Erfahrung jedoch nicht nur an den Folgen des Lockdown und der Pandemie. Natürlich sei dadurch das Kaufvergnügen beeinträchtigt. Doch fest stehe auch: Der zunehmende Internethandel habe sich schon vor Corona deutlich gezeigt. „Die Pandemie wirkt jetzt wie ein Beschleuniger“, bedauert der Bürgermeister. Auch er stellt außerdem fest, dass derzeit in der Stadt in vielen Geschäften ein Generationswechsel anstehe. Nicht immer gelinge dieser – auch, weil die Corona-Krise Sorgen bereite und vielleicht von einer Übernahme abhalte. „Das erhöhte Wagnis führt zu einer Zurückhaltung, die deutlich zu spüren ist“, so Kölbl. Doch es gebe auch viele ermutigende Beispiel: Das Café „Schranne“ werde mitten in der Krise von einer jungen Frau neu übernommen. Neue kleine Spezialgeschäfte hätten sich angesiedelt.

Altstadtmanagement geplant

Schustergasse: Leerstand, nachdem eine Familie in den Ruhestand getreten ist.

Ist die Zeit reif für ein Altstadtmanagement? Im Integrierten Stadtentwicklungskonzept (ISEK) wird es gefordert, eine Arbeitsgruppe mit Vertretern des Stadtrates, der Wirtschaft und des WFV wurde gegründet, eine erste hat Sitzung stattgefunden, berichtet Kölbl. In Workshops gehe es nun um die Frage, wie ein Altstadtmanagement mit zentraler Lenkungsstelle („Kümmerer“) personell und inhaltlich ausgestaltet werden könnte.

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