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Geflüchtet vor Gewalt und Not

Afghanische Mutter aus Wasserburg zittert um die Frauen in der alten Heimat: „Wir wollen sicher leben“

Stau vor dem Eingang des Flughafens in Kabul: Viele Menschen versuchen verzweifelt, das Land zu verlassen, nachdem die Taliban die Macht übernommen haben. Auch Angehörige einer afghanischen Familie, die in Wasserburg lebt, haben die Flucht bisher nicht geschafft.
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Stau vor dem Eingang des Flughafens in Kabul: Viele Menschen versuchen verzweifelt, das Land zu verlassen, nachdem die Taliban die Macht übernommen haben. Auch Angehörige einer afghanischen Familie, die in Wasserburg lebt, haben die Flucht bisher nicht geschafft.
  • Heike Duczek
    VonHeike Duczek
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Sie ist in Gedanken bei all jenen Menschen, die verzweifelt versuchen, nach der Machtübernahme der Taliban aus Afghanistan zu flüchten. Obwohl die Erinnerung an die eigene Flucht im Jahr 2015 wieder hochkommt, sieht eine afghanische Mutter aus Wasserburg nach vorn, nicht zurück.

Wasserburg – Begeistert springen die beiden Kinder aus dem Auto und rennen Richtung Palmano-Spielplatz im Wasserburger Altstadtkern. Im Nu sind Schaukel und Klettergerüst erobert. Ihre Mama, 26 Jahre alt, schaut ihnen glücklich lächelnd zu: ein ganz normaler Sommertag einer afghanischen Familie in Wasserburg. Von den Sorgen, die die Mutter angesichts der dramatischen Bilder aus ihrer alten Heimat quälen, wissen die Kinder nichts.

Schwarze Leggins, modische Bluse, Turnschuhe – und ein buntes Kopftuch: So kommt die 26-Jährige zum Gespräch mit der Wasserburger Zeitung. Ihren Namen will sie nicht veröffentlicht wissen, auch nicht fotografiert werden. Zu tief sitzt die Angst vor den Taliban – sogar hier in Deutschland. Denn in Afghanistan leben noch Angehörige – „Onkel und Tanten“– , die eine Flucht nicht geschafft haben. Kontakte gibt es kaum, sagt die Mutter von drei Kindern – das jüngste ist eineinhalb und lässt sich im Buggy eine Brezl schmecken.

Während die beiden älteren – sechs und sieben Jahre alt – über den Spielplatz toben, erzählt die Mama stockend: „Ganz, ganz schlimm“ sei es für sie und ihren Mann, im Fernsehen zuzuschauen, wie die Taliban das Land zurückerobern. Traurig sei sie vor allem, wenn sie an die Frauen denke, sagt die Afghanin.

In Gedanken bei den Frauen in der Heimat

Ein Baby wird von US-Soldaten über eine Mauer am Flughafen von Kabul gehoben Mit einem Neugeborenen flüchtete 2015 auch eine afghanische Familie bis nach Wasserburg. Die Bilder aus der alten Heimat lassen die Ängste von damals wieder hochkommen.

Ein freies Leben, das sie in Wasserburg führe, sei für Mädchen und Frauen in der alten Heimat nicht möglich. Die Schulen seien mittlerweile wieder geschlossen, frei bewegen könne sich eine Frau im öffentlichen Raum nicht, außerdem keine eigenen Entscheidungen treffen. „Ganz viele Menschen sind gestorben“, erinnert sich die Mutter, spricht von Talibankämpfern und ihren Schlägen. Die Stimme versagt, die Augen füllen sich mit Tränen. „Ich bin so traurig“, sagt sie und schweigt. Denn die Kinder, die immer mal wieder am Tisch der Erwachsenen vorbeischauen, um einen Schluck Apfelschorle zu nehmen, sollen angstfrei aufwachsen, von den Sorgen der Eltern um Angehörige in Kundus nichts mitbekommen.

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Eigentlich hat sie das Elend der alten Heimat hinter sich gelassen, doch derzeit kommt es wieder hoch: das Gefühl, einem gewalttätigen Regime hilfslos ausgeliefert gewesen zu sein. 2015 verließ die Familie deshalb das Land, vier Monate war sie unterwegs – auch beim Gespräch über die Flucht, die sie mit einem Neugeborenen wagten, wird das Gesicht blass. Von der ersten Unterkunft in München aus ging es nach Wasserburg. Hier hat sich die mittlerweile fünfköpfige Familie gut eingelebt – in der eigenen Wohnung im Burgerfeld, mit Aussicht auf eine Berufsausbildung.

Die Mutter näht nach wie vor mit bei der früheren Selbsthelfergruppe in Wasserburg, eine Anlaufstelle vor allem für geflüchtete Frauen. Sie sucht einen Krippenplatz für den Jüngsten, um eine Integrationsklasse an der Berufsschule besuchen zu können. Das Paar möchte vor allem eins: „sicher leben.“ Und: Geld verdienen. „Immer weiter, weiter, weiter“ soll es gehen, sagt die dreifache Mutter mit Nachdruck. Sie setzt darauf, dass ihre Kinder eine gute Schulausbildung bekommen – „damit aus ihnen was wird“, wie sie sagt.

Kinder dolmetschen für die Mutter

Die beiden Älteren sprechen perfekt Deutsch. Sie helfen der Mama bei der Verständigung, springen ein als Dolmetscher. Auch bei der Mutter sind im Sprachgebrauch schon die ersten bayerischen Ausdrücke vorhanden. „Gott sei Dank“ fühle sich ihre Familie in Wasserburg so wohl, sagt sie. Die Menschen seien „sehr nett“, würden grüßen und manchmal auch das Gespräch suchen. Es gebe viel Unterstützung vom Helferkreis.

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Die 26-Jährige schaut nach vorne: „Was war, das will ich nicht mehr, da mach ich die Ohren zu“, sagt die Afghanin.

Sie wird am Abend mit dem Sohn, der in die erste Klasse kommt, die Schultüte basteln. Die Augen des Buben, der stolz erzählt, dass er schon einen „richtigen Schulranzen“ hat, glänzen vor Vorfreude. Warum die Mama und der Papa traurig aussehen, wenn sie im Internet und Fernsehen die Bilder aus der Heimat sieht, kann er noch nicht verstehen.

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