WASSERBURGS NEUER STADTPFARRER

Abstand statt Nähe: Bruno Bibinger tritt mitten in Pandemie neue Stelle an

Die Kirchentür ist geöffnet – auch wenn ein Stopschild auf die Pflicht zur Händedesinfektion hinweist. Wasserburger neuer Stadtpfarrer Bruno Bibinger freut sich, dass viele die Gotteshäuser in Pandemiezeiten als Ort zum Innehalten nutzen.
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Die Kirchentür ist geöffnet – auch wenn ein Stopschild auf die Pflicht zur Händedesinfektion hinweist. Wasserburger neuer Stadtpfarrer Bruno Bibinger freut sich, dass viele die Gotteshäuser in Pandemiezeiten als Ort zum Innehalten nutzen.
  • Heike Duczek
    vonHeike Duczek
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Ich fühle mich wie ein Uhrmacher, der mit Handschuhen arbeiten muss“, sagt Wasserburgs neuer Stadtpfarrer Bruno Bibinger. Er hat mitten in der Pandemie seinen Dienst in St. Konrad und St. Jakob begonnen. Von den meisten Wasserburgern, die er bisher kennengelernt hat, kennt er nur einen Ausschnitt des Gesichts: die Augen.

Wasserburg – Das, was einen Pfarrer ausmacht, die Nähe zum Menschen, ist ihm versagt – das Bild vom Uhrmacher mit den Handschuhen könnte nicht treffender sein.

„Mittlerweile kann ich schon in den Augen der Menschen hinter den Masken lesen – ich erahne ihre Gefühle, ihre Emotionen“, berichtet Bibinger. Trotzdem ist es auch für ihn, den Neuankömmling in Wasserburg, eine schwere Zeit. Wobei er auch feststellt: „Man wird kreativ und traut sich manches.“

Gottesdienst online feiern beispielsweise: Vor Corona hätte er sich niemals vorstellen können, dass er ein solches Angebot einmal unterstützen würde. Jetzt wird er bei Gottesdiensten regelmäßig von einem Kamerateam begleitet. Es hat Videos zu Lichtmess verfasst, überträgt online auf einem eigenen Youtube-Kanal – „eine ganz neue Erfahrung“.

Bibinger stellt sich spontan auf neue Corona-Maßnahmen ein

Die Pandemie, die seit seinem Amtsantritt im September immer wieder neue Regeln für Gottesdienste und kirchliche Feiern erforderte, hat bei Bibinger ein schlummerndes Talent zum Leben erweckt: „Ich bin spontan geworden“, sagt er schmunzelnd. Schnell reagieren auf neue Regelwerke: Das gehöre jetzt zu seinem Arbeitsalltag dazu.

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Außerdem wirbt er dafür, das noch Mögliche auch umzusetzen: „Wir dürfen schließlich Gottesdienst feiern.“ Das ist in seinen Augen das Wesentliche, auch wenn die Besucher derzeit die ganze Messfeier hindurch die Masken nicht absetzen und nicht singen dürfen – Letzteres vermissen viele Gläubige schmerzlich. „Der Rahmen hat sich verändert, stark verengt, doch das Bild ist noch immer das gleiche“, findet Bibinger.

Weniger Ablenkung tut manchen Menschen gut

Kirche in Pandemiezeiten fordere die Christen sogar dazu auf, „auf das Eigentliche zu schauen“. Das gelte auch für den Alltag vieler Menschen in Wasserburg, stellt der neue Pfarrer in Gesprächen fest. Das Leben sei reduziert geworden, dadurch für manche auch einfacher. Weniger Ablenkung, mehr Konzentration auf das Wesentliche, leben ohne das Gefühl, etwas zu verpassen: Das tue vielen Menschen sogar gut.

Wunsch: mehr ehrenamtliches Engagement

Trotzdem stellt er auch fest, dass sich viele Christen sorgen würden – um ihre eigene und die Gesundheit von Angehörigen, um Arbeitsplatz und Existenz. Schuldner- und Familienberatung hätten so viel zu tun wie selten zuvor, berichtet er.

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Noch sei Wasserburg vor Firmenaufgaben und Insolvenzen verschont geblieben. Doch die Stimmung sei gedrückt. Die Stadt befinde sich in einer Art Winterschlaf. Bibinger vermisst das Leben, dass die vielen Schüler, derzeit fast alle im Homeschooling, vor dem Lockdown tagtäglich in die Stadt gebracht haben. Leid tun ihm auch die Geschäftsleute, die ihre Läden schließen mussten, und die Wirte. Als Seelsorger hat er in Wasserburg einen Priesternotruf (0152/23787925) freigeschaltet. Seit November ist hier Tag und Nacht ein Geistlicher telefonisch zu erreichen.

Außerdem hat Bibinger tagsüber wieder die Kirchentüren geöffnet: Beide Gotteshäuser sind groß, bieten einen nicht einengenden, beschützenden Raum der Stille und des Gebets, in dem viele Trost finden, stellt er immer wieder fest. Nur der Gottesdienstbesuch hat seinen Erfahrungen nachgelassen, seitdem die Maske nicht mehr am Platz abgesetzt werden darf.

Und auch beim Ehrenamt wünscht er sich etwas mehr Engagement – etwa im Aufgabenbereich des Begrüßungsdienstes, der Gottesdienstbesucher den Platz zuweist. Ehrenamtlich tätig sei ein harter Kern, „es könnten ruhig etwas mehr sein“.

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Bibinger hofft auf das Frühjahr, wenn mit den wärmeren Temperaturen auch die Stimmung wieder steigt – und Lockerungen der Pandemie-Auflagen möglich sind. Dann ist es auch für ihn vielleicht wieder möglich, bei Treffen mit Gemeindemitgliedern und Ehrenamtlichen nicht nur die Augen oberhalb der Maske zu sehen, sondern das ganze Gesicht.

Die Pfarreien zu einer Stadtkirche zusammenfassen

Denn der neue Stadtpfarrer hat viel vor. Er möchte die beiden großen Pfarreien von Wasserburg zu einer Stadtkirche zusammenfassen – organisatorische Basis für eine noch intensivere Zusammenarbeit. Für die Buchhaltung soll ein Haushaltsverband gegründet werden.. Bei der Organisation von Erstkommunion und Firmung möchte der enger mit den Nachbarpfarreien zusammenarbeiten.

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Auch bei der inhaltlichen Arbeit will er neue Akzente setzen: auf das Wort Gottes. Er will das Evangelium verstärkt erklären, denn für ihn steht fest: „Wer die Heilige Schrift nicht kennt, kennt Christus nicht.“ Deshalb würde er gerne Bibelkreise ins Leben rufen, die sich intensiv mit der Frage beschäftigen: „Was will uns Gottes Wort sagen?“

Neues wagen möchte er gerne, derzeit gehe es jedoch in erster Linie darum, „das Mögliche in Pandemiezeiten möglich zu machen – und sich nicht entmutigen zu lassen“.

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