Ab September zieht neues Leben in Wasserburger Schranne, die einst „Brothaus“ war

Seit über 400 Jahren boten die Bäcker in der Wasserburger Schranne ihre Brote und Semmeln gemeinsam zum Verkauf an. Seit 1975 wird die Schranne als Tagecafé betrieben und öffnet im September mit einem neuen Konzept neu.
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Seit über 400 Jahren boten die Bäcker in der Wasserburger Schranne ihre Brote und Semmeln gemeinsam zum Verkauf an.

Nach einem Pächterwechsel eröffnet demnächst die „Schranne“ wieder. Was zwischenzeitlich in Wasserburg als Synonym für einen Gastronomiebetrieb steht, hatte in früherer Zeit eine weitreichende Bedeutung. Anlass genug, die Historie sowie auch die vormalige Funktionalität dieser Traditionsstätte näher zu beleuchten.

Von Thomas Rothmaier

Wasserburg – Nicht zuletzt, weil auch der ehemalige Wasserburger Bürgermeister Gabriel Neumeier noch in den 1950er Jahren von einer „großen Seltenheit, die in Deutschland überhaupt nur noch zwei oder drei Mal vorzufinden sei“ sprach. Und auch die Wasserburger Zeitung urteilte seinerzeit von „einer seltenen Kostbarkeit von historischem Wert in unserer Stadt“. „Sieben Bäcker unter einem Dach“ titelte die Zeitung am 20. August 1959. Nach einer Renovierung wurde das städtische Brothaus wieder eröffnet, heißt es in dem Bericht. Und weiter: Seit 400 Jahren boten die Bäcker hier gemeinsam ihre Erzeugnisse zum Verkauf an. Die Ausübung des Handwerks uterlag strengen Regeln. Wer sich nicht daran hielt, wurde bestraft. So gibt es im Museum einen Käfig zu sehen, „in dem in früheren Zeiten unreelle Bäcker von der Innbrücke aus strafweise in den Fluß getaucht wurden“, berichtete die Heimatzeitung .

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Um die Begrifflichkeit „Schranne“ näher zu erläutern, lohnt ein Blick in die Unterlagen von Ferdinand Steffan, der bis Ende 2019 langjähriger und ausgezeichneter Kreisheimatpfleger im Landkreis Rosenheim war. Er vertritt die Literaturmeinung, dass die Bedeutung der „Schranne“ in früherer Zeit sowohl für einen Verkaufstisch (Schrein), für einen Gerichtsplatz oder auch für den Getreidemarkt, also allesamt räumlich abgrenzbare Örtlichkeiten, stand.

Im Raum Wasserburg sind nach Steffan noch die Schranne in Kling (Gerichtsstätte) sowie die Wasserburger Schranne am Marienplatz in den Archivalien nachweisbar. Speziell im letzteren Fall ist hier einen Getreidemarkt auf dem Marienplatz sowie in der Folge dann auch eine Verkaufsstätte im Rathaus zutreffend.

Brotpreis und Gewicht waren von den Behörden festgelegt

Gerade aber die Verkaufsstätte im Rathaus, das frühere „Städtische Brothaus“ in der Schrannenhalle, gewann im Laufe der Jahrhunderte zunehmend an Bedeutung.

Im Zeitungsbericht von 1959 ist auch die Rede von einer „Protpanch“, also einer Brotbank, die es laut städtischer Chronik bereits seit 1347 gab. Die „Protpanch“ hatte ihre Sinnhaltigkeit darin, die Erzeugnisse der Bäcker der Nachprüfung durch die Stadtverwaltung unterziehen lassen zu können. Gleichzeitig konnte die Stadtverwaltung damit auch den Brotpreis und das Gewicht der Backwaren durch jeweils bestimmte Taxen festlegen.

Bereits in den Stadtkammerrechnungen über den Neubau des Rathauses im Jahr 1455 wurde über die künftige Nutzung als Brothaus berichtet. Die städtischen Bäcker wurden forthin verpflichtet, nur im Brothaus ihre Ware verkaufen zu lassen. Für den treuhänderischen Verkauf war forthin auch ein vom Bürgermeister bestellter „Brothüter“ tätig, der in den Archivalien erstmals am 6. Juni 1586 erwähnt wurde.

Für die Kundschaft ergab sich hiermit nicht zuletzt der Vorteil, zentral an einem Ort die besten Produkte der jeweiligen Bäcker auswählen und erwerben zu können. Ein positiver Nebeneffekt war zudem: Durch Ratsch und Tratsch erfuhr man an dieser zentral-prominenten Stelle unkompliziert die neuesten Nachrichten aus der ganzen Stadt.

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Gleichzeitig war es für die Wasserburger Bäcker umso positiver, je mehr sie „auf dem Kerbholz“ hatten. Wurde doch für jeden Bäcker die Menge an verkauften Backwaren vom Brothüter mittels Ritzmarke in den Kerbhölzern dokumentiert. Dabei gab es für jeden Bäcker zwei Kerbhölzer. Beide passten genau bündig zueinander.

Ein Kerbholz brachte jeweils der Bäcker mit, das zweite bündige Kerbholz hatte der Brothüter. Beide Hölzer legte der Brothüter zur Abrechnung deckungsgleich übereinander und markierte mittels Ritzmarke auf beiden Hölzern jeweils die vertriebene Menge und den Verkaufswert an Semmeln und Broten.

Mit dem Kerbholz ergab sich doppelte Buchführung

Damit ergab sich eine ganz natürliche „doppelte Buchführung“ und die etwaige Gefahr des Betruges mittels vom Bäcker heimlich eingeritzter Kerben konnte auf einfach Weise relativiert werden.

Trotz der über Jahrhunderte hinweg andauernden Tradition des Brothauses und des Überstehens der beiden Weltkriege regten sich ab 1958 dann doch bereits erste Auflösungstendenzen.

Zunächst war die Einrichtung ab der zweiten Jahreshälfte 1958 geschlossen. Die vormalige Brothüterin, die „Brothaus-Marie“, wie die Wasserburger Zeitung am 14. März 1959 schrieb und wie die Verkäuferin im Volksmund auch genannt wurde, war betagten Alters und konnte ihren Dienst nicht mehr versehen. „Das Brothaus ist verwaist“, wie die Stadtverwaltung nüchtern feststellte.

„Brothaus oder Bedürfnisanstalt?“ urteilte die Wasserburger Zeitung in einem Artikel gleichen Datums dann auch plakativ. Anstoß war eine Stellungnahme des damaligen Obermeisters der Bäckerinnung. „Die Bäcker hätten erklärt, kein Interesse mehr am Brothaus zu haben. Sie seien zwar bereit, wieder ins Brothaus zu liefern, sie würden es jedoch nicht gerne tun.“

Er machte zugleich den Vorschlag, die Räumlichkeiten in eine Bedürfnisanstalt umzuwandeln. Oder als Nachtwache für die Polizei zu verwenden. Die Wasserburger Zeitung berichtete in der Folge darüber, dass dieser „Vorschlag so absurd“ anmutete, „dass er von den anderen Stadträten überhaupt nicht ernst genommen wurde.“ Und weiter: „Der Bäcker-Obermeister ist als Stadtrat zwar Friedhofsverwalter, doch fällt es nicht unter seine Befugnisse, auch die historischen Werte der Stadt zu Grabe zu tragen.“

Zudem brachte ein Stadtrat auch noch Gedanken ins Spiel, die Schrannenhalle und somit das Brothaus für die Fahrschüler der städtischen Schulen zur Verfügung zu stellen, zumal die Bäcker offensichtlich kein Interesse mehr an einer Weiterführung der Institution hätten.

Heimatverein, Stadt und Bäcker versuchten’s nochmal

Seit 1975 wird die Schranne als Tagescafé betrieben und öffnet im September mit einem neuen Konzept neu.

Trotz aller Interessenskonflikte kamen schließlich die Stadtverwaltung, ein Großteil der heimischen Bäcker sowie der Heimatverein im April 1959 überein, die vakante Stelle der Brothüterin wieder nachzubesetzen und im gegenseitigen Zutun die traditionsreiche Institution des Brothauses nach umfangreichen Renovierungsarbeiten weiterhin zu betreiben.

Kurzfristig konnte im August 1959 dann eine Nachfolgerin für die Brothüterin gefunden werden. Bereits mit Schreiben der Stadtverwaltung vom 13. August 1959 erging die Bitte an die beteiligten Bäcker, die Belieferung des Brothauses am 17. August 1959 wieder aufzunehmen. Die Wiedereröffnung erfolgte an besagtem Tage um 7 Uhr, mit Erfolg.

Dennoch nagte der Geist der Zeit an der Institution und auch aufgrund anderweitiger Anlässe entschied sich der Stadtrat im Dezember 1973, das Brothaus in der Schrannenhalle in ein Tagescafé umzubauen. Letzteres wird nun schon seit dem Spätherbst 1975 betrieben. Neue Pächterin ist Barbara Hinterberger, Konditormeisterin aus Soyen. Die Renovierung und gleichzeitig auch die Vorstellungsgepräche für das Personal laufen auf Hochtouren. Im September soll eröffnet werden. Das genaue Datum steht noch nicht fest.

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