30 Jahre Wiedervereinigung: So interessiert ein Wasserburger Lehrer die Schüler für das Thema

Geht aus unterschiedlichen Blickwinkeln das Unterrichtsthema Wiedervereinigung an: Gerhard Widmann, Geschichtslehrer am Wasserburger Gymnasium.
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Geht aus unterschiedlichen Blickwinkeln das Unterrichtsthema Wiedervereinigung an: Gerhard Widmann, Geschichtslehrer am Wasserburger Gymnasium.
  • Winfried Weithofer
    vonWinfried Weithofer
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Er ist Zeitzeuge, deshalb fällt es ihm nicht schwer, das Thema Wiedervereinigung im Unterricht lebendig zu vermitteln. Warum der Wasserburger Geschichtslehrer Gerhard Widmann dieses Kapitel deutscher Historie so besonders wichtig findet.

Wasserburg – Vor 30 Jahren wurde der Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland vollzogen. Wie wird dieses historische Datum im Unterricht vermittelt? Die Wasserburger Zeitung hat Gerhard Widmann (55), Geschichts- und Sozialkundelehrer sowie Fachschaftsleiter am Luitpold-Gymnasium Wasserburg, gefragt, wie es gelingt, Jugendliche zu interessieren, die die Mauer zwischen West- und Ostdeutschland und ihren Zusammenbruch nicht erlebt haben.

Haben Sie selbst Ende der 80er Jahre mit einer Wiedervereinigung Deutschlands gerechnet?

Gerhard Widmann: Ich wusste natürlich, dass das Ziel der Wiedervereinigung politisch besteht. Aber ich hätte es Ende der 80er Jahre nicht für möglich gehalten, dass ein solches Ereignis Wirklichkeit wird. Ich hatte mich darauf eingestellt, dass die Teilung Deutschlands ein Dauerzustand ist. Mit dieser Vorstellung bin ich aufgewachsen und so kam die Entwicklung für mich völlig überraschend. Überraschend war auch, dass die Mehrheit der DDR-Bürger im März 1990 für Parteien gestimmt haben, die sich für eine schnelle Einheit eingesetzt haben.

Widmann:Der 9. November hat für mich mehr Bedeutung, weil er für eine friedliche Revolution steht. Weil er zeigt, dass man eine Diktatur von innen zu Fall bringen kann. Eine Sternstunde der deutschen Geschichte. Es hat eine Art Selbstbefreiung stattgefunden - sensationell!

Widmann: In den Klassen sechs bis zehn geht es zuerst um die Steinzeit, dann um die Ägypter, um die Griechen und Römer, um die germanische Völkerwanderung, dann um das Mittelalter, um den Absolutismus, schließlich um das 19. und 20. Jahrhundert. Schließlich folgt in der zehnten Klasse die Wiedervereinigung. In dieser Stufe haben die Schüler insgesamt 38 Stunden Geschichtsunterricht. Acht Stunden entfallen auf das Kapitel Auflösung des Ostblocks und deutsche Einheit. In der 11. Jahrgangsstufe beschäftigen wir uns noch einmal mit demokratischen Systemen und Diktaturen in der deutschen Geschichte. Dabei werden die Bundesrepublik und die DDR verglichen. Deshalb denke ich schon, dass dem Thema Wiedervereinigung ausreichend Zeit eingeräumt wird.

Welche Schwerpunkte setzen Sie?

Widmann: Zum Beispiel behandele ich die Frage, ob die DDR ein Unrechtsstaat war. Das ist ja in der Politik bis heute umstritten. Und damit setze ich mich mit den Schülern auseinander. Am Gymnasium soll Geschichte nicht nur als Abfolge von Ereignissen vermittelt werden. Es geht auch um die verschiedenen Perspektiven, die man bei der Betrachtung der Ereignisse einnehmen kann. Wiedervereinigung – das war für die einen ein Akt der Befreiung, für die anderen der soziale Absturz.

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Wie geschichtsbewusst sind Ihre Schüler?

Widmann: Die Motivation ist, wie bei allen Fächern, sehr unterschiedlich. Es gibt aber viele Schüler, die an Geschichte sehr interessiert sind. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich den Stoff den Schülern am besten in einem lebendigen Lehrervortrag vermittle, mag das auch konservativ sein. Bei der modernen Didaktik, die auf eigenständige Quellenarbeit fixiert ist, bleiben die schwächeren Schüler oft auf der Strecke.

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Wie können Sie die nötige Aufmerksamkeit für das Thema Wiedervereinigung erreichen?

Widmann: Ich bin Zeitzeuge und daher in einer guten Position. Für die Schüler ist es interessant, was man damals erlebt hat. Ich habe 1989 in München vor dem Kreisverwaltungsreferat die Schlangen von Menschen gesehen, die dort ihr Begrüßungsgeld abgeholt haben. Es ist mein Prinzip, das Thema möglichst breit darzustellen, offen zu sein für die verschiedensten Beurteilungen. War die Währungsunion richtig oder falsch? Musste das Grundgesetz beibehalten werden? Solche strittigen Fragen lassen Raum für Diskussionen.

Diskussionen, die den Unterricht beleben.

Widmann: Ja. In Dorfen habe ich vor Jahren in einer zehnten Klasse DDR-Geschichte unterrichtet, von einer Physiklehrerin, die aus Thüringen stammte, haben die Schüler allerdings eine völlig andere Sichtweise erzählt bekommen, Themen wie Versorgungsmängel oder Schießbefehl wurden von ihr relativiert. Das ist eine optimale Situation für den Unterricht, wenn verschiedene Perspektiven zur Sprache kommen. Auch heute konfrontiere ich die Schüler mit verschiedenen Aussagen. Zum Beispiel mit der von Gregor Gysi, für den die DDR kein Unrechtsstaat war.

Die Wiedervereinigung ist und bleibt ein spannendes Thema?

Widmann: .Aber ja. Von der „Bundesstiftung Aufarbeitung“ habe ich Plakate zum Thema deutsche Einheit erhalten, die in der kleinen Aula ausgestellt werden – das soll ebenfalls Interesse wecken. Geplant ist auch, im Lauf des Schuljahres so wie bei früheren Gelegenheiten DDR-Zeitzeugen einzuladen. Das soll trotz Corona möglich sein. Und im April 2021 wollen wir mit der Q11 wieder nach Berlin reisen. Wir hoffen, dass das klappt.

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