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TRAGISCHER TOD EINES VIERJÄHRIGEN

Warum musste David sterben?

Davids Schicksal hinterlässt Spuren. Seine kleinen Handabdrückeerinnern auf der Rückseite seines Sterbebildes an den Vierjährigen. Hartl Prien

Ein vierjähriger Bub aus Rosenheim verschluckt Magnetteile. Niemand weiß davon. Er klagt über Bauchschmerzen. Zwei Tage später stirbt er. Trotz zweimaliger Untersuchung durch Bereitschafts-Kinderärzte. Wie konnte es soweit kommen? Eine Frage, die nicht nur seine Eltern umtreibt.

Rosenheim – Kreidebleich und völlig entkräftet liegt David im Bett seiner Mutter. „Drück mich ganz fest, Mami“, flüstert der Vierjährige, als ob er spürt, was gleich passieren wird. Seine Mutter schließt ihn in die Arme. Plötzlich hört sie ein dumpfes Geräusch aus dem Inneren seines Körpers, dann weicht das Leben aus David. Daran ändern auch Reanimationsmaßnahmen, die der Rettungsdienst wenig später durchführt, nichts. Die Obduktion zeigt schließlich: David hatte drei magnetische, etwa Tic-Tac-große Teile eines Spielzeug-Sets verschluckt. Die führten zu einem Darmverschluss. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Traunstein.

Samstagmorgen, zwei Tage zuvor. David hüpft vom Sofa in der Wohnung seiner Eltern. Als der Bub auf dem Boden aufkommt, krümmt er sich vor Schmerzen. „Mama, ich hab‘ Bauchweh“, sagt er. So sehr, dass er zum Arzt möchte. Am Romed-Klinikum in Rosenheim trifft die Familie auf einen Belegarzt, der die Räumlichkeiten im Haus vorübergehend angemietet hat. Die Untersuchung haben Davids Eltern folgendermaßen in Erinnerung: Der Bereitschaftsarzt lässt David erst springen, um eine Blinddarmentzündung auszuschließen, und tastet ihn dann ab. Auf Höhe des Bauchnabels angekommen, sagt David: „Hier tut‘s weh.“ Die Diagnose des Arztes: Darminfekt. Für Davids Mutter, selber Krankenschwester, nur schwer nachzuvollziehen. Zum einen, weil David erst drei Wochen zuvor an einem Magen-Darm-Infekt erkrankt war. Zum anderen, weil er mit Ausnahme von Bauchschmerzen keine Symptome aufwies: „Ich dachte, das schießt dann oben und unten raus.“

Auch der zweite Arzt tastet David nur ab

Zumindest Ersteres ließ nicht lange auf sich warten. In der Nacht übergibt sich David mehrmals. Seine Eltern sind besorgt. Am Sonntag bringt der Vater den Vierjährigen erneut ins Klinikum. Diesmal kümmert sich eine Bereitschaftsärztin um den Buben. „Ich bin erst mal blöd angeredet worden“, erzählt Davids Vater. „Sie hat gesagt: Schauen Sie mal, wie der ausschaut.“ Bleich und apathisch. Auch die Ärztin vom Sonntag habe den Vierjährigen nur abgetastet und es dabei belassen wollen. Auf Verlangen des Vaters nach einer genaueren Untersuchung, habe sie eine Urinprobe angeordnet. Das Ergebnis: Übersäuerung. Laut Ärztin eine Folge des Erbrechens und Auslöser der Bauchschmerzen. Davids Vater ruft die Mutter an. Die gelernte Krankenschwester weist die Medizinerin darauf hin, dass David die Bauchschmerzen schon am Tag zuvor hatte. Vor dem Erbrechen.

Dennoch verordnet die Ärztin schließlich Kohlehydrate – entweder stationär per Infusion oder zu Hause. David bekommt daheim Traubenzucker, aufgelöst in Tee. „Leider“, sagt sein Vater. „Kohlehydrate sind mit das Schlimmste bei einem Darmverschluss.“ Am nächsten Morgen ist der Bub tot.

Davids tragischer Tod wirft eine Menge Fragen auf. Etwa: Wo hat er die Magnetteile verschluckt? Und warum? Letzteres wird wohl für immer sein Geheimnis bleiben. Auch das Wo ist nicht abschließend zu klären. Auf jeden Fall nicht zu Hause, sagt der Vater: „Wir kannten das Spielzeug gar nicht.“ Das könne nur im Kindergarten geschehen sein – schließlich sei David im entsprechenden Zeitraum nur dort und zu Hause gewesen. Die Einrichtung habe das Spielzeug auch geführt – das will Davids Vater aus Kindergarten-Kreisen erfahren haben.

Im Kindergarten wehrt man sich entschieden gegen diese Anschuldigung. Wenn überhaupt, müsse ein anderes Kind die Magneten mitgebracht haben. „Wir hatten zwar magnetisches Spielzeug, aber in völlig anderer Form und Farbe“, sagt die Leitung. „Das könnte man nicht einmal verschlucken, wenn man wollte.“ Sämtliche Magneten habe man der Polizei übergeben. Das entsprechende Modell sei nicht dabeigewesen, meint Davids Vater. Wohl aber das nächst größere in derselben Farbe. Sein Verdacht: Der Kindergarten hat die Teile verschwinden lassen. Die Zeit dazu habe man gehabt: „Die Polizei hat vorher im Kindergarten angerufen und gefragt, ob sie solche Magneten haben.“ Für ihn eine Art unabsichtliche Vorwarnung.

Magneten aus Kindergärten verbannen

So oder so, die Schuld an Davids Tod sehen seine Eltern nicht beim Kindergarten. Magnetspielzeug führen auch zahlreiche andere Einrichtungen. Und genau das soll sich ändern: „Wir wollen nur, dass so etwas nie wieder passiert“, sagt der Vater. „Magnetspielzeug hat in Kindergärten nichts verloren.“

Wütend macht die trauernden Eltern der Umgang mit Davids Tod. Vonseiten des Kindergartens habe sich anschließend niemand gemeldet, ganze zwei Monate habe man auf einen Gesprächstermin gewartet. „Den Eltern der übrigen Kinder hat man erzählt, David sei krank gewesen.“ Die wahren Umstände seines Ablebens seien bewusst verschwiegen worden.

Auch diesen Vorwurf weist die Kindergartenleitung zurück. Man habe nur das weitergegeben, was an Davids Todestag seitens der Eltern mitgeteilt wurde: „Ich sehe keinen Bedarf, das zu kommunizieren. Auch aus Gründen des Datenschutzes.“ Dass kein Gespräch zustande kam, sei der Tatsache geschuldet, dass die Leiterin krankheitsbedingt einen Monat lang nicht im Haus war.

Den Gesprächstermin hätte es nicht gebraucht, hätte zumindest einer der beiden Ärzte genauer hingeschaut, so der Vorwurf. Aber: „Bauchschmerzen sind eines der schwierigsten Themen“, sagt die Sprecherin des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte. „Und das ist ein ganz extremer Fall.“ Ohne Hinweis denke man nicht an einen Darmverschluss. Die Ärztin vom Sonntag, so Dietz, hätte aber hellhörig werden und Maßnahmen wie ein Blutbild- oder eine Ultraschall-Untersuchung durchführen müssen.

Der Arzt vom Samstag wollte sich auf Nachfrage nicht äußern, die Ärztin vom Sonntag war nicht zu erreichen. Zumindest Ersterer hat der Familie sein Beileid in einem Brief kundgetan. Die Ärztin vom Sonntag und auch der Kindergarten dagegen nicht. Und genau das ist es, was Davids Familie umtreibt: nicht gesehen zu werden. „Das ist wie ein Schlag ins Gesicht“, sagt der Vater.

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