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Verneigung vor den Opfern

Setzen sichfür eine individualisierte Erinnerungskultur ein: Karl-Heinz Brauner (links) und Dr. Thomas Nowotny.
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Setzen sichfür eine individualisierte Erinnerungskultur ein: Karl-Heinz Brauner (links) und Dr. Thomas Nowotny.

„Es war ein bewegendes Erlebnis“, bringt Dr. Thomas Nowotny seine Erinnerungen an die Verlegung des ersten Stolpersteines für ein NS-Opfer in München im Jahr 2007 auf den Punkt.

Für den Kinderarzt aus Stephanskirchen war diese individualisierte Form des Gedenkens an Heinrich Oesterreicher, den im KZ Theresienstadt ermordeten Neffen der Urgroßmutter, der Anlass, sich zum ersten Mal intensiv mit der Geschichte des jüdischen Teils seiner Familie auseinanderzusetzen. Heute gehört Nowotny zu den Initiatoren der Aktion „Stolpersteine für Rosenheim“.

Rosenheim– Als „belastend“ empfand Nowotny das Schweigen der Nachkriegsgenerationen, wenn es um die Aufarbeitung der NS-Zeit ging. Auch in der eigenen Familie wurde lange nicht über die Tatsache gesprochen, dass Mitglieder wie der Großvater von Nowotny, Berthold Walter, nach der Entrechtung aus Verzweiflung vom siebten Stock eines Gebäudes am Hamburger Gänsemarkt in den Tod sprangen, dass viele emigrierten und nie wieder nach Deutschland zurückkehrten, deportiert und ermordet wurden.

Brief an die Oberbürgermeisterin

Auch heute gebe es noch Angehörige, die nicht über diese Zeit sprechen wollen, unterstreicht Claudia Bultje-Herterich, die im Auftrag des Historischen Vereins Rosenheim die Biografiearbeit für die Aktion Stolpersteine im Raum Rosenheim begleitet. Bei ihren Nachforschungen ist sie auch auf viele Nachkommen gestoßen, die eine Verlegung für ihre Angehörigen ausdrücklich begrüßen. Der Historiker Professor Dr. Manfred Treml, der ebenso wie Dr. Peter Miesbeck Dokumentationen zur jüdischen Geschichte in Rosenheim verfasst hat, vermittelte beispielsweise den Kontakt zu einer in London lebenden Cousine von Elisabeth Block. Das Mädchen lebte mit seiner Familie in Prutting und wurde im Alter von 19 Jahren im Vernichtungslager ermordet. Die Nachfahrin stimmte einer möglichen Verlegung des Stolpersteines sofort zu – ebenso wie ein in Israel lebender Verwandter in einem persönlichen Brief an Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer.

Einmal kam bereits eine halbe Stunde nach der ersten E-Mail eine Antwort – von Nachkommen einer jüdischen Familie, die in die USA geflohen war und sich über die Nachfrage aus der alten Heimatstadt, aus der die Vorfahren vertrieben worden waren, sehr gefreut hatten. Neue Kontakte sind zur Freude von Initiativenmitglied Karl-Heinz Brauner auf diese Weise entstanden, die die jüdischen Bürger 70 Jahre nach Kriegsende wieder ein wenig mit ihrer alten Heimat verbunden haben.

Doch noch lange sind nicht alle Angehörigen der gut 30 jüdischen Familien, die in Rosenheim um 1930 lebten, gefunden. Viele Nachfahren emigrierten, ihre Spuren verloren sich in den USA, in Brasilien oder in der Schweiz, berichtet Claudia Bultje-Herterich. Sie ist zwar auf hilfreiche Datenbanken gestoßen, doch oft lassen sich über alte Rosenheimer Namen verschollene Nachkommen, die einen anderen Namen tragen, nur noch schwer ermitteln. Das ist jedoch notwendig, denn die vom Kölner Künstler Gunter Demnig ins Leben gerufene Stolperstein-Bewegung, der sich die Rosenheimer Initiative angeschlossen hat, hält sich an klare Regeln: Ein Stein wird nur dann verlegt, wenn die Nachfahren, die ermittelt werden, diesem Schritt zustimmen.

Die 20 aktive Mitglieder umfassende Initiative hat sich außerdem vorgenommen, das individuelle Gedenken am letzten freiwillig gewählten Wohn-, Arbeits- oder Schulort auf alle Opfer des Nationalsozialismus zu erweitern. Auch in der Region Rosenheim sind neben Bürgern jüdischen Glaubens Gewerkschaftler, Kommunisten, Behinderte, Sinti und Roma sowie Homosexuelle verfolgt, vertrieben, ermordet oder in den Tod getrieben worden. Der DGB hat bereits angekündigt, die Patenschaft für fünf Steine zu übernehmen – egal, für welche Opfergruppen sie verlegt werden.

Eine Geschichte hinter jedem Namen

Hinter jedem Namen verbirgt sich eine Geschichte, die in Kurzfassung auf dem Stein und ausführlich in Dokumentationen veröffentlicht werden soll. Geschichte vermitteln über persönliche Geschichten: Das ist nach Überzeugung von Geschichtslehrer Brauner der beste, weil nachhaltigste Weg der Vermittlung der Historie. „Niemand kann sich heute den Massenmord an Millionen unschuldiger Menschen wirklich vorstellen. Aber das Schicksal von Familien und Einzelpersonen, die in unserer Nachbarschaft gelebt

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