Corona und Weihnachten

Telefonseelsorge statt Weihnachtsessen: „Rosenheimer Leibspeise“ will gegen Einsamkeit helfen

Ein eingespieltes Team: Kornelia und Peter Kaiser vom Verein „Rosenheimer Leibspeise“ haben über die Weihnachtstage eine Telefonseelsorge eingerichtet, für Menschen die nicht alleine sein wollen.
+
Ein eingespieltes Team: Kornelia und Peter Kaiser vom Verein „Rosenheimer Leibspeise“ haben über die Weihnachtstage eine Telefonseelsorge eingerichtet, für Menschen die nicht alleine sein wollen.
  • Anna Heise
    vonAnna Heise
    schließen

Das traditionelle Weihnachtsessen unter dem Motto „Gemeinsam – nicht einsam“ des Vereins „Rosenheimer Leibspeise“ ist coronabedingt abgesagt worden. Für viele Menschen, die jetzt über Heiligabend alleine sind, eine traurige Nachricht – doch es gibt Hoffnung.

Rosenheim - Die Einsamkeit ist für Elisabeth S. das Schlimmste. „Ich fühle mich wie im Gefängnis. Fast so als ob ich in Einzelhaft sitze“, sagt sie am Telefon. Im Hintergrund hört man leise Stimmen aus dem Fernseher. Ansonsten ist es still. Zögernd beginnt Elisabeth S. ihre Geschichte zu erzählen. Immer wieder zittert ihre Stimme, fast so, als ob sie nur mit Mühe und Not die Tränen zurückhalten kann.

Vor 15 Jahren zog sie, gemeinsam mit ihrem Mann, nach Rosenheim. Während er seine Freizeit nutzt, um Fußball zu spielen, und Rad zu fahren, macht Elisabeth S. neue Bekanntschaften. Durch Zufall lernt sie den Leiter des Vereins „Rosenheimer Leibspeise“, Peter Kaiser, kennen, besucht von da an die „Essen am Samstag“. „Das ist wie eine große Familie dort“, sagt die 83-Jährige. Sie fühlt sich wohl in ihrer neuen Heimat, ist zufrieden mit dem, was sie hat.

Das könnte Sie auch interessieren:

Junge Prienerin kocht an Weihnachten für Obdachlose

Wie die Rosenheimer „Fischküche“ Senioren durch den Corona-Lockdown helfen will

„Rosenheimer Leibspeise“ hilft

Bis vor zwölf Jahren plötzlich ihr Mann stirbt. Von einem Tag auf den anderen gerät Elisabeth S.‘ Leben aus den Fugen. „Für mich war das ein großer Schock“, sagt sie. Sie versucht, sich abzulenken mit langen Spaziergängen und Sendungen im Fernsehen. Ab und zu statten ihr ihre zwei Söhne einen Besuch ab. Doch die beiden sind beruflich sehr eingespannt, haben nur selten Zeit. Was bleibt, sind die Treffen mit der „Rosenheimer Leibspeise“. Auch Heilig Abend verbringt sie dort. Jahr für Jahr. Es wird gekocht, gesungen und über das Leben erzählt.

„Für ein paar Stunden vergessen die Menschen, dass sie eigentlich alleine sind“, sagt Peter Kaiser. Der 78-jährige Seelsorger und Pastor leitet, gemeinsam mit seiner Frau Kornelia, den Rosenheimer Verein. Er kümmert sich seitdem um all diejenigen, die Hilfe brauchen oder einfach nicht alleine sein wollen. Doch die Corona-Krise hat auch die Arbeit des Vereins erschwert. Lebensmittelsausgaben gibt es zwar auch weiterhin, doch die gemeinsamen Treffen und die Suppenküche mussten vorerst abgesagt werden. Und damit auch das traditionelle Weihnachtsessen. „Das ist für viele besonders schlimm. Es tut mir weh, dass wir nicht öffnen dürfen“, sagt Peter Kaiser.

Telefonisch helfen während des „Corona-Weihnachtsfests“

Zum ersten Mal seit zwölf Jahren wird der 78-Jährige nur für sich und seine Frau kochen und nicht wie sonst für 85 Leute. Froh darüber ist er nicht. Er will helfen. Auch an Weihnachten. Denn einfach mal die Beine hochlegen und die Zeit nutzen, um sich auszuruhen, das kam für Peter Kaiser und seine Frau noch nie in Frage. „Ich kann nicht einfach kneifen und die Menschen enttäuschen“, sagt er.

Also hat er die Entscheidung getroffen, drei Telefonleitungen einzurichten, um Menschen die Möglichkeit zu geben, auch während der Weihnachtstage mit jemandem zu sprechen. Egal über was. „Wir wollen so auch weiterhin für die Menschen da sein“, sagt Peter Kaiser.

Hilfe in Rosenheim

Wie wichtig diese Unterstützung ist, weiß Rolf F. (60). „Ich finde es gut, dass es diese Möglichkeit gibt, mit jemanden reden zu können.“ Vor drei Jahren hat er, gemeinsam mit seiner Frau, zum ersten Mal an dem traditionellen Weihnachtsessen der „Rosenheimer Leibspeise“ teilgenommen. „Wir waren bis dahin oft an Weihnachten alleine“, sagt Rolf F.

Doch dank des Vereins knüpfen die beiden schnell Bekanntschaften, schließen Freundschaften. „Wir wurden toll aufgenommen. Manchmal wünschte ich, wir wären schon früher hingegangen“, sagt der 60-Jährige. Seit drei Jahren habe er sich jeden Monat darauf gefreut, ein paar Stunden mit den anderen Besuchern der „Rosenheimer Leibspeise“ zu verbringen.

Doch auch diese glücklichen Momente gehören seit einigen Monaten der Vergangenheit an. Nicht nur wegen der Corona-Krise, sondern auch weil Rolf F.‘s Frau im Juni verstorben ist. „Sie fehlt mir sehr“, sagt er. Immer wieder muss er seine Erzählungen unterbrechen und weint. Er legt den Telefonhörer zur Seite, geht in den nächsten Raum, um sich ein Taschentuch zu holen und tief durchzuatmen. Dann nimmt er den Hörer wieder in die Hand, erzählt von seiner Veronika, seiner großen Liebe. „Sie war mein Leben und mein Inhalt. Mein Ein und Alles“, sagt er.

Er erzählt von dem Foto auf dem Küchentisch. Ein Foto, das ihn jeden Tag an das erinnert, was er verloren hat. „Ich komme einfach nicht darüber hinweg“, sagt er. Gerade jetzt, um die Weihnachtszeit, sei es besonders schlimm. Auch weil er sonst niemanden hat. „Ich werde Weihnachten wahrscheinlich alleine sein.“ Seine Stimme zittert. Früher habe ihm das nichts ausgemacht. Aber da gab es eben auch noch seine Veronika.

Ob er oder Elisabeth S. während der Feiertage zum Hörer greifen und Peter Kaiser anrufen, wissen sie noch nicht. Aber es helfe, zu wissen, dass es ein solches Angebot gibt. Dass auch an Weihnachten jemand da ist, der ein offenes Ohr hat und dabei hilft, dass sie für ein paar Minuten alles vergessen können. Auch die Einsamkeit.

Wer an den Weihnachtstagen jemanden zum Reden braucht, kann sich bei Kornelia und Peter Kaiser unter folgenden Telefonnummern melden: 08031/9003325 oder 08031/9003327 beziehungsweise unter 0172/8526034.

Mehr zum Thema

Kommentare