VÖLKERWANDERUNG UND EISUNFÄLLE AUF DEN HEIMISCHEN SEEN

Tausende begeben sich in Gefahr

Auch ein Rettungshubschrauber kam bei der Bergung eines 55-jährigen Mannes zum Einsatz, der 200 Meter südwestlich der Herreninsel auf dem Chiemsee eingebrochen war.
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Auch ein Rettungshubschrauber kam bei der Bergung eines 55-jährigen Mannes zum Einsatz, der 200 Meter südwestlich der Herreninsel auf dem Chiemsee eingebrochen war.

Es war der Wahnsinn! Tausende begaben sich am Wochenende trotz eindringlicher behördlicher Warnungen auf die Eisflächen der heimischen Seen und brachten sich damit teilweise in akute Lebensgefahr. Am Chiemsee brach ein 55-jähriger Mann ein und kam ins Krankenhaus, glimpflich endete ein weiterer Zwischenfall am Simssee.

Prien/Stephanskirchen – Großes Glück hatte nach Polizeiangaben ein Winterwanderer, der am Samstag gegen 12 Uhr etwa 200 Meter südlich der Herreninsel im Eis einbrach. Ein Passant hatte dies bemerkt und unverzüglich einen Notruf abgesetzt. Einem weiteren Mann, der mit einem Schlitten auf der Eisdecke unterwegs war, gelang es, das Gefährt in Richtung des Verunglückten zu bugsieren, sodass sich der 55-Jährige aus dem Landkreis Rosenheim an dem Schlitten festhalten konnte. Mit vereinten Kräften zogen ihn Helfer zurück auf die Eisfläche und brachten den Mann unverzüglich auf die Herreninsel, wo sich die Besatzung eines Rettungshubschraubers um ihn kümmerte. Er trieb laut Polizei etwa 15 Minuten hilflos im eiskalten Wasser und hatte bei seiner Bergung nur noch eine Körpertemperatur von 30 Grad. Er kam auf die Intensivstation des Priener Krankenhauses.

Hubschrauber im Einsatz

„Ja sollen wir denn den ganzen See mit Flatterleinen absperren?“ Diese Frage stellte sich den Beamten der Wasserschutzpolizei Prien und Wasserrettern nach Angaben des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd in Rosenheim angesichts der zahlreichen Ausflügler, die auf dem See unterwegs waren, immer wieder. Sie sprachen von einer „enorm unterschätzten Gefahr“, weil die Eisdecke teilweise nur eine Dicke von zehn bis zwölf Zentimetern aufweist.

Weil alle Warnungen von vielen Leuten einfach in den Wind geschlagen wurden, zog die Polizei am Samstag die „Notbremse“. Ein Polizeihubschrauber flog über den Chiemsee und forderte die Spaziergänger auf, die Eisfläche zu verlassen. Dies geschah dann auch. Anschließend flog die Maschine zum Königssee weiter, wo ebenfalls zahlreiche Menschen zum Verlassen der Eisfläche aufgefordert wurden. Auf dem Rückflug überquerte die Besatzung noch einmal den Chiemsee und entdeckte prompt eine Schar Kinder, die in der Feldwieser Bucht bereits wieder Eishockey spielten und ihre sportlichen Aktivitäten unverzüglich einstellen mussten. Am Sonntag wanderten ebenfalls zahlreiche Spaziergänger auf dem Chiemsee, allerdings weniger als am Samstag.

Ein ähnliches Bild bot sich am Simssee. „Am Samstag sind bestimmt 2000 Leute über den See gewandert“, schätzt Florian Städtler, Leiter der Schnellen Einsatzgruppe (SEG) der Wasserwacht in Rosenheim. Sie hätten sich zu Fuß, mit Schlitten, mit Kinderwagen und sogar mit Fahrrädern auf das Eis begeben. „Das war brutal. Wir haben nur gehofft, dass alle rechtzeitig ihr Hirn wieder einschalten“, sagt der Wasserwachtler. Aufgrund der Gefahrensituation hat die Wasserwacht für das Wochenende eine Eiswache am See installiert, die aus sechs bis acht Ehrenamtlichen bestand. Sie hatten das Geschehen ständig im Blick. Beinahe wären sie am Samstag bei einem Rettungseinsatz gefordert gewesen. Gegen 15 Uhr sei ein Mann im Eis eingebrochen, habe sich aber aus eigener Kraft aus seiner misslichen Lage befreien können, so Städtler.

Gert Kleinhans, seit über 50 Jahren Mitglied bei der Wasserwacht Prien und Mitglied der Eiskommission für den See, hat für solch ein Verhalten nur Kopfschütteln über. „Das ist wirklich sehr leichtsinnig“, sagt er. Die Wasserwacht Prien-Rimsting hat am Samstag aus aktuellem Anlass eine Rettungsübung für aktive Mitglieder und interessierte Eissportler angeboten. Kleinhans verfügt auch über Aufzeichnungen, die Aufschluss über die Tragfähigkeit der Eisdecke auf dem Chiemsee geben. Demnach war es 2006 letztmals gefahrlos möglich, über den See zur Herreninsel zu gehen. Dies sollte man derzeit tunlichst lassen. Die aktuelle Gefahrenwarnung der Polizei gilt unvermindert weiter.

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