Spiel mit der Realität in Rosenheim: Welcher Automat ist hier der echte?

Kaugummiautomat
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Toninho Dingl zwischen einem echten Automaten und einem gemalten.
  • Anna Heise
    vonAnna Heise
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Sie sind alt, heruntergekommen und voll mit Aufklebern: Kaugummi- und Kondomautomaten. Während sie früher an jeder Ecke zu finden waren, sind sie in den letzten Jahren selten geworden. Diesem Trend will ein junger Künstler aus Altötting jetzt entgegenwirken. Auch in Rosenheim.

Rosenheim –Toninho Dingl (32) hat eine Schwäche für alte Kaugummi- und Kondomautomaten. Sie erinnern ihn an seine Kindheit, sind für ihn ein „Relikt aus alter Zeit“. Aber es sind nicht nur die Automaten, die ihn faszinieren. Es sind die Dinge, die er damit verbindet. Er spricht von Realität und Virtualität, davon wie es ist, eine neue Wirklichkeit zu schaffen. Um nachzuvollziehen, wovon Dingl spricht, muss man erst versuchen, ihn und seine Arbeit zu verstehen.

Phantastischer Realismus

Er hat Geografie und Malerei studiert, ist seit neun Monaten Papa. Er surft gerne, hat früher Fußball gespielt. Seit sieben Jahren arbeitet er als Künstler. In dieser Zeit hat er verschiedene Kunstrichtungen ausprobiert, blieb schließlich am „Phantastischen Realismus“ hängen. Hier wird das Reale mit dem Surrealistischen vermischt. Statt Bleistift und Pinsel setzt er auf das digitale Grafiktablet.

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Vor vier Monaten entdeckte er dann die Kaugummi- und Kondomautomaten für sich. „Neben den Automaten war noch so viel Platz. Ich dachte mir, da passt noch ein zweiter hin und wie lustig es wäre, ihn zu kopieren“, sagt Dingl. Von der Idee gepackt, zieht er los. Er kauft eine Leinwand, Ölfarben und einen Holzrahmen. Dann macht er sich an die Arbeit. Er misst die Automaten nach, fotografiert sie und prägt sich jedes Detail ein. Er spannt die Leinwand, grundiert sie mit Leim und Kreidegrund. Anschließend kommen die Ölfarben zum Einsatz.

Eine virtuelle Scheinwelt

Immer wieder schaut er sich das Original-Bild an. Er benutzt Grün, Pink und Blau. Er malt die Aufkleber, die Tasten und die abbröckelnde Farbe nach. Zehn Tage später hält er die fertige Attrappe in den Händen.

Um seine Kunstwerke unter die Leute zu bringen, hängt er die Attrappe neben das Original. Er fotografiert sie, lädt die Bilder auf Facebook und Instagram hoch. Dann packt er das Bild wieder ein und geht nach Hause.

„Die sozialen Medien spielen bei meinem Projekt eine sehr große Rolle“, sagt er. Dadurch entstehe eine virtuelle Scheinwelt. „Die Leute denken, die Kunstaktion ist immer noch real, obwohl die Automaten nur für fünf Minuten dort angebracht waren.“

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Bestes Beispiel: der Süßigkeiten-Automat in der Sandstraße in Rosenheim. Auch von ihm hat Dingl eine Attrappe erstellt. Wer in den sozialen Medien unterwegs ist, bekommt den Eindruck, dass es in der Straße seit Kurzem zwei Automaten gibt. Doch die Menschen, die in den vergangenen Tagen in der Sandstraße unterwegs waren, mussten feststellen: Von dem zweiten Automaten fehlt jede Spur. „Es steckt zu viel Arbeit in den Bildern, um sie draußen hängen zu lassen“, sagt Dingl.

Stattdessen stehen die Leinwände jetzt eben bei ihm Zuhause. Mittlerweile sind es 15 Stück. Zehn davon zeigen einen Kaugummi-Automaten, vier einen Kondom-Automaten und auf einem ist der Rosenheimer Süßigkeiten-Automat zu sehen. Außerdem gibt es ein Bild, auf dem das Verkaufsfenster eines Dönerladens festgehalten ist. Irgendwann soll es auch eine Ausstellung mit allen Werken geben. „Ich verkaufe die Bilder, aber es geht mir mehr um den Spaß“, sagt Dingl.

Spaß am Verwirren

Doch es ist nicht nur der Spaß, der für Dingl im Vordergrund steht. Er mag es, die Leute zu verwirren, liebt das Spiel mit der Realität und der Virtualität. „Ich will damit zeigen, dass in der virtuellen Welt der sozialen Medien oft mehr Schein als Sein herrscht“, sagt er. Er betont das immer wieder, will deutlich machen, wie wichtig es ihm ist. „Ohne diesen Aspekt fände ich die Aktion zu banal.“

Noch einige Automaten sollen folgen, dann ist Schluss mit der Aktion und der 32-Jährige will sich neuen Projekten widmen. Ideen hat er viele. So träumt er beispielsweise davon, alte Briefkästen nachproduzieren zu lassen. Geht es nach ihm, soll es in Zukunft rosa Briefkästen für Liebesbriefe geben, blaue für Rechnungen und kaputte für Verwarnungen. Ob die dann genauso gut ankommen werden, wie die Automaten, wird sich zeigen.

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