Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


WACHTLBAHN: MINISTERIUM BESTÄTIGT STILLLEGUNGSANTRAG

Die Signale stehen auf „Halt“

Gilt jetzt offiziell als stillgelegt: Bei der Wachtlbahn, die seit 1991 auch im Personenverkehr das Zementwerk Kiefersfelden mit Wachtl in Tirol (Gemeinde Thiersee) verbindet, stehen die Signale auf „Halt“.  Aerzbäck
+
Gilt jetzt offiziell als stillgelegt: Bei der Wachtlbahn, die seit 1991 auch im Personenverkehr das Zementwerk Kiefersfelden mit Wachtl in Tirol (Gemeinde Thiersee) verbindet, stehen die Signale auf „Halt“. Aerzbäck

Ein Stück Geschichte von Kiefersfelden ist auf dem Weg zum Abstellgleis. Die Wachtlbahn steht still. Jetzt hat das Verkehrsministerium den Stilllegungsantrag genehmigt. Die Stimmung ist gedrückt.

Kiefersfelden – Auf der 6,1 Kilometer langen Strecke zwischen Zementwerk und Wachtl (Gemeinde Thiersee) fahren bereits seit Frühjahr keine historischen Personenzüge mehr. Manche sprechen nun vom „Todesstoß“, andere sind erschüttert oder einfach nur enttäuscht.

Der Stilllegungsbescheid entsprechend des Allgemeinen Eisenbahngesetzes durch das Bayerische Verkehrsministerium sei aufgrund der Sachlage unumgänglich gewesen, aber dennoch ein herber Schlag. „Wir werden trotzdem nochmals versuchen, die als technisches Denkmal geltende Wachtl bahn zu retten“, gibt sich Günter Ziegler kämpferisch.

Der Rosenheimer ist Eisenbahner durch und durch. Seit Jahrzehnten schlägt das Herz des Ingenieurs für die grenzüberschreitende Bahn im Inntal. Als Eisenbahnbetriebsleiter ist er nicht nur für die ordnungsgemäße Abwicklung des Personenverkehrs auf der Strecke zuständig. Er teilt sein Wissen auch mit Gleichgesinnten und veranstaltet Ausbildungen zum Hobby-Lokführer.

Das Dilemma macht nicht nur ihm zu schaffen. Auch Erwin Rinner, Ex-Bürgermeister und Präsident vom Verein Museums-Eisenbahn-Gemeinschaft Wachtl, spricht von einer gedrückten Stimmung. „Wir wollen versuchen, das Problem gemeinsam mit allen Beteiligten zu lösen“, verweist er auf eine Versammlung, in der Lösungsszenarien besprochen werden sollen. Über halbfertige Dinge zu reden, bringe im Moment nichts.

Die Situation ist verfahren. Die Südbayerische Portland-Zementwerk Gebrüder Wiesböck und Co. GmbH (SPZ), Betreiberin des Rohrdorfer Zementwerks und der Infrastruktur der Bahn, spricht von einem Investitionsbedarf von rund 200 000 Euro. Viele Schwellen sind marode, an der Technik der Schienenverbindung nagt der Zahn der Zeit. Hinzu kommen rund 40 000 Euro pro Jahr an Unterhaltskosten.

Eine enorme Belastung – und auch für Dritte, wie den Verein oder eine Privatperson, nicht zu schultern. „Selbst durch eine bundesweite Spendenaktion könnten die Gelder aus steuerlichen Gründen nicht an die SPZ weitergegeben werden“, ergänzt Experte Ziegler, der mit seinen Mitstreitern in den vergangenen 27 Jahren viel Herzblut, Zeit und Arbeit in die historische Einrichtung investiert hat. Er denkt jetzt über verschiedene Szenarien nach, unter anderem über die Gründung eines Fördervereins.

„Wir hoffen, dass es weitergeht“, teilt Hajo Gruber mit. Der Bürgermeister von Kiefersfelden setzt darauf, dass mit der Wiederaufnahme des Güterverkehrs auf der Strecke die nötigen Investitionen getätigt werden und dann so der Personenverkehr wieder rollen kann. Ihm gegenüber habe sich das Zementwerk grundsätzlich positiv geäußert. „Eins ist auch klar, niemals werden wir zulassen, dass Steine durch Kiefersfelden mit dem Lkw transportiert werden“, bekräftigt er.

Ganze Grenzregion profitiert

Auch auf österreichischer Seite hat man die elektrifizierte Schmalspurbahn im Blick. „Wir haben mit Bayern und Kiefersfelden immer gut zusammengearbeitet und hoffen sehr, dass der Betrieb weitergeht“, fasst Peter Thaler, Amtsleiter im Rathaus von Thiersee, zusammen. Schließlich profitierten auch weitere Betriebe, wie der Gasthof Wachtl, und die ganze Grenzregion von der seit 1991 im Personenverkehr betriebenen Attraktion.

Pro Jahr waren bis zuletzt 5000 Reisende in den Waggons unterwegs. Nach Angaben von Günter Ziegler gab es jeweils zwischen zehn und 30 Sonderfahrten, die nicht selten ein komplettes Menü beim Wachtlwirt gebucht hatten. „Fällt das weg, verliert der Wirt viele Gäste“, so Ziegler. Aber auch die Gastronomie auf deutscher Seite habe profitiert. Und die Geschichte vom „Wachtl-Express“ reicht sogar noch deutlich länger zurück. Bereits im 19. Jahrhundert wurde in Kiefersfelden Zement produziert. Seit 1880 werden Rohstoffe per Schiene transportiert, anfangs mittels Pferdetrambahn. In den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren es sogar bis zu 1000 Tonnen täglich.

Aber wie ist die Misere zu beenden? Den Verantwortlichen schwebt vor, die Strecke zum symbolischen Wert von einem Euro zu erwerben und provisorisch befahrbar zu machen. „Dann könnten wir im Frühjahr wieder fahren und hätten Einnahmen zu verbuchen“, rechnet Ziegler, einer der einstigen „Geburtshelfer“ des Betriebs, vor. Weiterer Vorteil: Bei Bedarf könnte dann auch die SPZ ihre Steinbruchrollbahn wieder kurzfristig auf die Gleise setzen. Ob das Konzept Zukunft hat, wird wohl demnächst bei einer Vereinsversammlung diskutiert. Bis dahin stehen alle Signale auf „Halt“.

Kommentare