Zwischen Angst und Hoffnung: Viele Einzelhändler in Rosenheim müssen ihr Geschäft schließen

Ab jetzt auch Lebensmittelverkäufer: Johann Struck verkauft ab jetzt nicht nur Bücher, sondern auch Nudeln.

Schichtbetrieb, Hoffnung, aber auch Sorge um die Existenz: Das sind die Reaktionen der Rosenheimer Geschäftsleute auf die Verordnung, dass der Einzelhandel von, Mittwoch an geschlossen bleiben muss. Aufsperren darf demnach nur, wer zur Versorgung im Bereich Lebensmittel und Medizin beiträgt. Die Corona-Pandemie fordert ihr Tribut. Aber nicht bei jedem.

von Ilsabe Weinfurtner

Rosenheim – Matthias Wolter hat es eilig. Sein Geschäft ist schon am Vormittag gut besucht. Eine Schlange hat sich vor dem Eingang der „Feinbäckerei Wolter“ gebildet. Die Menschen warten darauf, hereingelassen zu werden. Das dauert ein wenig. Ein Schild weist an, dass „sich nicht mehr als drei Personen gleichzeitig im Verkaufsbereich“ aufhalten dürfen.

Positive Reaktionen, dankbare Menschen

Am vergangenen Samstag hat es der Inhaber und Geschäftsführer Wolter ins Fenster geklebt. Er will seine Kunden schützen vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus. So gut es geht jedenfalls. Die Reaktionen seien überaus positiv, sagt er. „Die Menschen sind dankbar dafür.“

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Wolter hat Glück, er darf seine Bäckerei offenhalten. Doch er muss umdenken: Seine zwölf Mitarbeiter arbeiten ab sofort in zwei Gruppen. Sechs pro Woche. Damit Backstube und Verkauf selbst dann laufen, wenn sich jemand mit dem Virus infizieren sollte. Die Öffnungszeiten sind verkürzt, verkauft wird viel. „Die Leute brauchen Brot, Brot, Brot“, sagt Matthias Wolter.

Lohberger ändert Öffnungszeiten nicht

Frische Lebensmittel jenseits aller Hamsterkäufe im Discounter: Darauf bauen jene Rosenheimer, die bei der Metzgerei Lohberger einkaufen oder den Fleischautomaten nutzen, den es seit 2017 gibt. Hubert Lohberger, sein Sohn Lukas und die 20 Angestellten haben alle Hände voll zu tun. Die Nachfrage steigt. Das liege vor allem daran, dass in vielen Familien nun Kinder versorgt werden müssten, die unter regulären Bedingungen in Schulen oder Horts essen würden, sagt Lukas Lohberger. Trotzdem: Verlängerte Öffnungszeiten, wie sie die Verordnung zulässt, wollen sie nicht anbieten. Die Familie versucht, gelassen auf die kommenden Wochen zu schauen. „Wir denken und überlegen von Tag zu Tag“, sagen Vater und Sohn. Und fürchten doch, irgendwann selbst von einer Schließung betroffen zu sein.

Adlmeier lässt Angestellten Überstunden ausgleichen

Wie sich das anfühlt, das erfährt in diesen Tagen Paul Adlmaier am eigenen Leib. Der Vorsitzende des City-Management Rosenheim führt selbst ein Geschäft für Herrenmode. Niemand habe mit einem solch drastischen Schritt gerechnet, sagt er und ahnt, dass die Verordnung nicht nur bis zum 30. März gelten könnte. Sondern bis weit in den April hinein. Für die kommenden 14 Tage schickt Adlmaier seine 30 Angestellten in noch abzubauenden Urlaub oder lässt sie Überstunden ausgleichen. Das ist die eine Sache.

Einnahmen fehlen, Umsatz bricht weg

Die andere aber: Zwei Wochen Umsatz brechen weg. Nicht nur ein bisschen, sondern komplett. Sollte die Frist gar verlängert werden, wird das weiter jeden Tag so gehen. Dabei steht jetzt die Frühjahrs- und Sommersaison an. Die Ware ist geordert, sie muss bezahlt werden. Dafür aber fehlen die Einnahmen. Es kann ja niemand einkaufen. „Und wer will denn eine neue Badehose, wenn der Sommer schon da ist“, sagt er. Oder eine Übergangsjacke? Niemand.

Sorge um Zukunft des Einzelhandels

Die Aussichten sind düster. Dabei hat Adlmaier selbst keine ganz schlechten Bedingungen. Immerhin muss er nicht Miete für seine Verkaufsfläche zahlen. Andere schon. Deshalb sorgt sich der Vorsitzende des City-Managements um die Zukunft des Einzelhandels in Rosenheim. „Wenn die Verordnung bis in den Sommer geht, dann wird es viele Geschäfte in der Stadt in dieser Form nicht mehr geben.“

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Aber es hilft nicht, den Kopf in den Sand zu stecken, davon ist er überzeugt. Seinen Mitgliedern im City-Management rät er, nach vorne zu gehen. Die Dinge in die Hand zu nehmen. Mit den Mitarbeitern das offene Gespräch zu suchen, ebenso wie mit der Hausbank und dem Steuerberater. Selbst Kleinigkeiten können jetzt wichtig werden, mahnt er. „Vergessen Sie nicht das Schild für den Paketzulieferer oder für die Post rauszuhängen. Zeigen Sie an, wann und wo sie zu erreichen sind.“

Adlmaier setzt auf persönliche Beratung

Einen Vorteil hat derzeit, wer seine Waren online anbieten kann. Davon ist Wirtschaftsdezernent Thomas Bugl überzeugt. Er sagt: „Wer einen Internetauftritt hat und digital sichtbar ist, der hat es jetzt leichter.“ Gerade für viele Filialisten in der Stadt mag das einfach sein, denn ihre Homepages pflegen Mitarbeiter in den Zentralen.

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Der Rosenheimer Einzelhändler kann auf solche Strukturen nicht zurückgreifen. Oder ist nicht überzeugt vom Verkaufen im Netz. Paul Adlmaier etwa bietet seine Herrenmode dort nicht an. „Das ist nicht, wofür wir stehen. Wir setzen auf die persönliche Beratung“, sagt er.

Bücher-Johann mit pfiffiger Idee

Bugl versucht derweil auszuloten, wie sich der finanzielle Druck für die Einzelhändler minimieren lässt. Die Stadt prüfe, zusammen mit der Kämmerei und dem Finanzamt, eine vorübergehende Aussetzung der Gewerbesteuer-Vorauszahlungen, sagt er. Zugleich hofft er, dass die vom Freistaat zugesagten finanziellen Hilfen nicht über die Regierung von Oberbayern sondern direkt über die Kreisverwaltungsbehörden laufen werden. Das habe sich bei der Hochwasser-Katastrophe bewährt. Käme doch auf diese Weise, das Geld schneller und direkt bei denen an, die es brauchen.

Bücher, Nudeln, Öl, Reis und Schokolade

Manchmal können in der Not pfiffige Ideen helfen. So wie die von Johann Struck, besser bekannt als der „Bücher Johann“. Als Buchhändler müsste auch er sein Geschäft schließen. Doch der Einzelhandelskaufmann, der bei Rewe gelernt hat, hat sich an seine Gewerbeanmeldung erinnert. Dort steht, dass er Lebensmittel verkaufen darf. Flugs hat der clevere Unternehmer beim Großhändler Nudeln, Öl und Reis besorgt. Sogar Osterhasen hat er nun im Sortiment. „Ich bin jetzt Lebensmittelhändler“, sagt er – und sperrt am Mittwoch auf.

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