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OVB-SERIE „KUNST IM ÖFFENTLICHEN RAUM“

Zierliche Gestalt mit Kurzhaarfrisur: Das„Mädchen mit Muschel“ an der Rosenheimer Lessingstraße

1955 schuf der Oberaudorfer Bildhauer Joachim Berthold die Figur eines zarten Mädchens mit einer Muschel in der Hand, von der ein weiterer Guss 1962 in der Städtischen Wohnanlage an der Lessingstraße 43 aufgestellt wurde.
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1955 schuf der Oberaudorfer Bildhauer Joachim Berthold die Figur eines zarten Mädchens mit einer Muschel in der Hand, von der ein weiterer Guss 1962 in der Städtischen Wohnanlage an der Lessingstraße 43 aufgestellt wurde.

Etwas Kindlich-Spielerisches zeigen die nackten Füße des „Mädchens mit der Muschel“. Dabei hat das Kind, welches der Künstler Joachim Berthold in Form einer Bronzestatur gebannt hat, eigentlich gar keine Muschel in der Hand.

Rosenheim – Ein Bronze-Mädchen steht auf einem zylinderförmigen Steinsockel vor dem Wohnungsgebäude an der Lessingstraße 43. Die zierliche Gestalt mit der Kurzhaarfrisur hat den rechten Arm leicht zur Seite gespreizt und blickt mit einem verträumten Blick auf eine Muschel in ihrer linken Hand. Sie trägt ein eng anliegendes Kleid, das bis zu den Handgelenken und Knöcheln reicht und oben am Hals mit einem runden Saum abschließt.

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Die nackten Füße geben etwas Naturverbundenes und Kindlich-spielerisches, die starke Stilisierung und Reduzierung des Gewandes betonen den künstlerischen Anspruch. Selbstbewusst hat der Bildhauer rückwärtig auf der Plinthe, der flachen Standfläche, mit „Joachim Berthold“ in Versalien signiert.

Erstguss aus dem Jahr 1955

Der Erstguss dieser Brunnenfigur wurde von Joachim Berthold 1955 für eine Gartenanlage bei Diplomatenwohnungen in München geschaffen, wie Heinz Leitermann in seinem Berthold-Buch von 1957 angibt. Auch, wenn in Rosenheim das Brunnenbecken fehlt. Der Mainzer Kunsthistoriker charakterisiert weiter: „Die Figur wirkt in dem weich fließenden Umriss heiterbeschwingt und behauptet sich mit ihren einfachen großen Flächen in jeder Beleuchtung wie alle klassische Freiraum-Plastiken.“

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In München steht das Mädchen auf seinem runden Steinsockel auf dem vorspringenden Rand eines flachen Brunnenbeckens, in das aus der Muschel Wasser fließt. Da beim Rosenheimer Exemplar keine Ausflussöffnung in der Muschel ist, war es wohl nie als Brunnenfigur gedacht.

Gehäuse einer Schnecke

Der Titel der Bronzeplastik lautet „Die Muschel“, auch wenn es sich im streng biologischen Sinne nicht um eine Muschel, sondern um das Gehäuse einer Schnecke handelt. Dieses Tritonshorn, wie es genannt wird, soll vom Meeresgott Triton geblasen worden sein, und wird dementsprechend assoziiert mit Wasser und Musik, da es zudem eines der ältesten Musikinstrumente sein soll.

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Joachim Berthold greift das Motiv spielerisch-heiter auf, nicht der furchterregende Meeresgott der griechischen Mythologie hält das Horn, sondern ein junges Mädchen. Es bläst auch nicht darauf, sondern schaut versonnen dem Wasserstrahl nach.

Eigener persönlicher Stil

Mitte der 50er Jahre entwickelte Joachim Berthold seinen ganz persönlichen Stil. Er ging weg von den spukhaften Dämonen- und Drohgestalten, in denen er seine Erlebnisse während des Zweiten Weltkrieges verarbeitete, und wandte sich der menschlichen Gestalt zu.

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Direkt vergleichbar mit dem Mädchen der „Muschel“ sind die beiden „Singenden Kinder“, die der Oberaudorfer Bildhauer 1954 ebenfalls als Brunnenfiguren für eine Siedlung in Fürstenfeldbruck schuf. „Der Schauende“ aus dem gleichen Jahr für die Grünanlage der Siemens-Hochhäuser in der Schuckertstraße in München-Obersendling verweist dagegen schon auf die späteren stark abstrahierten Figuren menschlicher Archetypen. Die ansprechenden Kinderfiguren erscheinen in späteren Katalogen nicht mehr. Offensichtlich sah sie Berthold wohl nicht mehr als grundlegend für sein Schaffen an.

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Der Kulturausschuss des Stadtrates Rosenheim hatte am 9. November 1961 den Beschluss gefasst, dass an den städtischen Wohnbauten entlang der Lessingstraße neben einer Steinplastik des Bildhauers Rudolf Triebel (siehe Folge 132), auch eine Bronzeplastik von Joachim Berthold aufgestellt werden soll. Welch noble Zierde und welch schöne Förderung regionaler Künstler.

Joachim Berthold.

Der Künstler:

Joachim Berthold 1917 in Eisenach geboren, studierte ab 1936 an der Kölner Werkschule Bildhauerei. Hier lernte er auch seine spätere Frau Gisela Sames (1917 bis 1996) kennen. 1941 beendete Berthold sein Studium an der Münchner Akademie der bildenden Künste als Meisterschüler bei Professor Joseph Wackerle. Von 1940 bis zu seinem Tod 1990 lebte Berthold in Oberaudorf. International bekannt wurde der Bildhauer ab Ende der 1950er-Jahre durch seine in strenger Abstraktion formulierten Großplastiken, die stets um das zentrale Thema „Mensch“ kreisen und vielfach Aufstellung im öffentlichen Raum gefunden haben.

Das Werk:

„Die Muschel“, Brunnenfigur aus Bronze auf Steinsockel, 1955; Figur: Höhe 165 Zentimeter, Breite 90 Zentimeter, Tiefe 55 Zentimeter, Sockel: Höhe und Durchmesser 45 Zentimeter; Signatur „Joachim Berthold“ rückwärtig auf der Plinthe; Lessingstraße 43, Rosenheim.

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