Innenstadt im Lockdown

„Wir machen auf...merksam“: Rosenheimer Einzelhändler nehmen an Onlinekampagne teil

„Für den Einzelhandel ist es fünf nach zwölf“: Karl-Georg Reindl vom gleichnamigen Schuhhaus.
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„Für den Einzelhandel ist es fünf nach zwölf“: Karl-Georg Reindl vom gleichnamigen Schuhhaus.

Rosenheim – Mit der Aktion „Wir machen auf...merksam“ soll die Politik auf die prekäre Situation des stationären Einzelhandels während des Lockdowns sensibilisiert werden. Auch Händler aus Rosenheim beteiligen sich an der Aktion und schildern, warum sie von der Politik mitunter enttäuscht sind.

von Jens Kirschner

Karl-Georg Reindl, Schuhaus Reindl: „Für den stationären Einzelhandel ist es fünf nach zwölf. Es gibt viele Verbraucher, die meinen, wir erhalten staatliche Unterstützung, aber wir kriegen nur Bruchteile. Wir machen null Umsatz im stationären Handel, haben aber momentan nicht annähernd irgendwelche Stützungshilfen, die funktionieren.

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Das Hilfspaket III wird allerorts beworben, kann aber noch gar nicht beantragt werden. Für den Einzelhandel ist es sehr, sehr eng – vor allem beim Modehandel. Die Politik haben das System dort nicht verstanden: Die Ware wird mit Voraussicht bestellt und muss bezahlt werden. Nun bleiben wir zu großen Teilen auf Ware sitzen, weil wir keinen Kontakt zum Verbraucher haben. Ärgerlich für mich ist: Die Politik hat den Lock-Down verlängert und jetzt diskutieren man schon wieder über eine Verlängerung, ohne abzuwarten, ob die Beschränkung nicht auch schon Wirkung gezeigt hätten.“

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„Wir können nur überleben, wenn wir offen haben“

Karin Michalzik, „In.ti.mi Bademoden“: „Wir können nur überleben, wenn wir offen haben. Meine Forderung wäre, uns aufsperren zu lassen, beim ersten Lock-Down durften wir das ja auch mit einer begrenzten Anzahl von Kunden. Wir werden ja alle gezwungen, Onlinehändler zu werden, aber nicht jedes Produkt ist für den Online-Handel geeignet. Außerdem sind wir ja gerne stationäre Händler, wir wollen den Kunden ja beraten und mit ihm gemeinsam das beste Produkt finden. Jeder Umsatz ist für uns wichtig.

„Wir können nur überleben, wenn wir offen haben“: Karin Michalzik von „In.ti.mi Bademoden“.

Extrem hohe Solidarität durch Stammkunden

Beim ersten Lockdown war es für mich noch undenkbar, dass der Laden zugesperrt würde. Ich dachte, dass dauert vielleicht zwei Wochen, dann waren es sechs Wochen – in einer Zeit, in der wir extrem hohe Wareneingänge hatten. Und das in einer für uns vom Warenvolumen her sehr starken Saison. Damals erfuhren wir aber extrem große Solidarität unserer Stammkunden, die Gutscheine orderten. Im Vergleich zum jetzigen Lockdown haben wir die Soforthilfe relativ zeitnah bekommen. Auch unsere Bank half uns weiter, indem sie den Kontokorrentkredit erhöhte. Aber letztendlich können wir nur überleben, wenn wir aufsperren dürfen und für die fast sechs Wochen Umsatzverlust in der verkaufsstärksten Saison entschädigt werden.

Kunden konnten nicht stöbern

Brigitte Wagner, Buchhandlung Beer: „Das Weihnachtsgeschäft wurde ja plötzlich abgeschnitten, mir fehlen circa ein Drittel vom Dezember-Umsatz, die Umsätze im Januar sind ja auch noch recht gut. Zwar haben die Leute auch viele Gutscheine verschenkt, wir sind aber dennoch ausgebremst, weil die Kunden nicht stöbern können.

„Wir sind ausgebremst“: Brigitte Wagner von der Buchhandlung Beer.

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Natürlich haben wir auch beim ersten Lock-Down im Frühjahr Umsatzeinbußen gehabt, etwa 15 000 Euro. Aber jetzt sind es viel mehr. Wir hoffen auf die Ausgleichszahlungen, doch unser Steuerberater muss erst den Jahresabschluss machen, bevor wir ernsthafte Aussagen über unsere Situation machen können.“

„Viele Politiker haben Ernsthaftigkeit noch nicht verinnerlicht“

Paul Adlmaier, Adlmaier Mode für Männer: „Wir kennen die Aktion, und wir finden sie hervorragend. Es ist so, dass wir das Gefühl haben, dass viele Politiker, die prekäre Situation und die Ernsthaftigkeit noch nicht verinnerlicht haben. Viele Politiker sind der Meinung: Jetzt, wo wir online sowie Click und Collect haben, müsste uns das doch helfen.

„Wir finden die Aktion hervorragend“: Paul Adlmaier vom gleichnamigen Modegeschäft.

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Genauso wie die Überbrückungshilfen I und II. Das ist aber nicht der Fall. Seit dem 16. Dezember vielen uns sämtliche stationären Umsätze in der umsatzstärksten Zeit des Jahres weg. In den Wochen nach Weihnachten sind die Umsätze sogar noch mal höher. Jetzt haben die Händler natürlich das Problem, das auf einmal alle Geschäfte einen viel höheren Lagerbestand haben, als zu normalen Zeiten.

Winterware verliert an Wert

Der nicht getätigte Umsatz fehlt den Firmen und damit die Liquidität – jetzt, wenn bereits die neuen Waren für Frühjahr und Sommer kommen. Ein anderes Problem ist, dass jene Winterware, die jetzt da ist, mit jedem Tag an Wert verliert. Die müssen wir mit Rabatten von mindestens 30 bis 40 Prozent verkaufen. Von daher finde ich „Wir machen auf_merksam“ eine absolut eine tolle Aktion, mit der wir hier noch einmal gemeinsam darauf hinweisen, wie schlecht es um die Lage des stationären Einzelhandels in dieser Lockdown-Situation bestellt ist.“

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