„Wir fürchten um unsere Existenz“: So schlimm steht es um die Rosenheimer Nachtgastronomie

Haben viel Herzblut in ihre Bar gesteckt: die Inhaber der Bar „Nerdz“ Alexander Stöhr (links) und Franz Fischer.
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Die Rosenheimer Nachtgastronomie kämpft ums Überleben: Nachdem Bars und Diskotheken aufgrund der Corona-Pandemie weiterhin geschlossen bleiben müssen, fürchten viele der Inhaber um ihre berufliche Existenz. Ein Einblick in eine Branche, die von der Corona-Krise besonders schwer getroffen ist.


Marco Koob (26), Inhaber des Wuid Clubs: „Die vergangenen zwei Monate waren und sind eine sehr schwierige Zeit für meinen Club, meine Angestellten und mich selbst. Wir haben leider nicht die Möglichkeit, To-Go-Produkte anzubieten und können somit keinen Umsatz generieren. Natürlich entstehen dadurch große Existenzängste auch seitens meiner Angestellten, die teilweise auf ihren Lohn angewiesen sind. Eines der größten Probleme sind die fortlaufenden Fixkosten. Natürlich gibt es verschiedene Möglichkeiten, diese vorerst außer Kraft zu setzen, aber in naher Zukunft sind auch diese Kosten wieder fällig. Ich bin sehr dankbar, dass der Staat diese Soforthilfen eingeführt hat. Sie gibt uns vorerst einige Zeit zum Atmen, aber letztendlich sind auch die Soforthilfen nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wenn die Situation so weitergeht, wird die Nachtgastronomie in Rosenheim aussterben, davon bin ich überzeugt. Selbst mit bestimmten Auflagen wird es sehr schwierig, einen Club, egal wie groß er ist, halten zu können. Wenn die Nachtgastronomie dieses Jahr nicht mehr eröffnen darf, würde das für einen Großteil die Insolvenz bedeuten. Und selbst wenn wir dieses Jahr wieder öffnen dürfen, wird die Zeit nach Corona eine sehr harte und schwierige Zeit. Es weiß keiner wie es nach der Öffnung weitergehen wird, da die Ängste und Sorgen der Menschen trotzdem bestehen bleiben bis ein Impfstoff für Corona vorhanden ist.“

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Franz Fischer (34) und Alexander Stöhr (32), Inhaber der Bar „Nerdz“: „Seit einem Jahr betreiben wir jetzt schon die Bar ‚Nerdz‘ an der Samerstraße. Seit Januar läuft es richtig gut und wir haben endlich mehr Umsatz als Ausgaben. Die Corona-Krise hat diese Erfolgsstrecke jetzt leider unterbrochen. Die Bar ist zum Glück nur unser zweites Standbein, hauptberuflich bin ich Informatiker und Alexander arbeitet als Schreiner. Mit unserem Vermieter haben wir uns darauf geeignet, dass wir die Miete vorerst für drei Monate aussetzen. Aber auch das ist gefährlich. Denn das Aufschieben bringt nichts, wenn wir auch in Zukunft keinen Umsatz machen. Wenn wir in diesem Jahr überhaupt nicht mehr aufmachen können, wird es sehr kritisch und wir werden wahrscheinlich schließen müssen. Das wäre unheimlich schmerzhaft, weil wir viel Herzblut in die Bar gesteckt haben. Es ist auch deshalb eine schlimme Situation, weil alles den Bach runter geht und wir gar nichts dafür können oder etwas dagegen unternehmen können. Auch unter bestimmten Auflagen wäre eine Wiedereröffnung schwierig. Es wird immer irgendwo Reibungspunkte geben, egal ob beim Rauchen oder auf dem Weg zur Toilette. In unsere Bar passen rund 50 Leute, wenn aufgrund der Auflagen nur noch 15 rein dürfen, reicht das nicht aus, um unsere Kosten zu decken. Das Nachtleben in Rosenheim ist schon jetzt überschaubar. Müssen jetzt auch noch die letzten Lokale schließen, ist der Titel „Studentenstadt“ bald ganz weg.

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Korbinian Vogl (28), Geschäftsführer des Pubs „I‘m Irish“:„Weil unsere Bar eine Schank- und Speisewirtschaft ist, dürfen wir zum Glück am 18. Mai den Außenbereich und am 25. Mai den Innenbereich aufsperren. Darüber bin ich wahnsinnig erleichtert. Die Ungewissheit war für uns alle das Schlimmste. Jetzt müssen wir zwar unsere Öffnungszeiten anpassen und schließen statt um 1 Uhr, bereits um 22 Uhr, aber das nehmen wir gerne in Kauf. Weil wir nur jeden zweiten Tisch besetzen dürfen, gehen uns Plätze verloren, aber das ist machbar. Ich glaube, dass es einen allgemeinen Ansturm auf die Gastronomie geben wird. Dafür sind wir auf jeden Fall gewappnet. Ich selbst bin einfach froh, dass sich irgendwas bewegt hat.“

Steht vor einem „gewaltigen Berg von Problemen“:Tom Ottitsch, dem die Tatis Bar gehört. Schlecker

Tom Ottitsch (51), Inhaber der Tatis Bar: „Grundsätzlich stehen wir vor einem gewaltigen Berg an Problemen. In der Nachtgastronomie bist du sowieso auf zwei, maximal drei Umsatztage pro Woche beschränkt. Da ist ein kompletter Shutdown schon nach kurzer Zeit existenzgefährdend. Die notwendigen Abstandsregeln sind in unserem Segment auch kaum einzuhalten. Ich persönlich stehe mit meinem Verpächter, der Flötzinger Brauerei, in Kontakt. Sicherlich werden wir da Lösungen finden, um die laufenden Kosten abzufedern. Die Zeit jetzt wird für kleinere Reparaturen genützt, aber sonst steht in meinem Lokal alles still. Meine Kollegen kämpfen teilweise am Rande der Insolvenz. Leid tun mir auch die Angestellten und Aushilfen, die zum Nichtstun verdammt sind. Sicherlich sind die Corona-Regularien sinnvoll, schließlich geht es um die Gesundheit der Bevölkerung. Wir hoffen das Beste für die Zukunft und dass wir bald wieder zusammen feiern gehen können. Durchhalten ist die Devise.“

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Matthias Griehl (36), Mitglied der Geschäftsführung der Asta-Kneipe: „Für uns ist die Situation bitter, weil unheimlich viel wegfällt. Wir sind ja nicht nur eine Nachtgastronomie, sondern bieten zudem Künstlern eine Bühne, um ihre Musik zu präsentieren. Tagsüber sind wir eine Art Vereinsheim für Mitglieder des Asta-Vereins, auch das ist derzeit nicht möglich. Hinzu kommt die finanzielle Angst. Die Asta-Kneipe gibt es jetzt schon seit 45 Jahren und wir wissen aktuell nicht, ob sie weiter bestehen kann. Es war einfach, die Soforthilfe zu beantragen. Auch das Kurzarbeitergeld für die Geschäftsführung, aber das hilft unseren 450-Euro-Kräften wenig – die werden bei der Soforthilfe kaum berücksichtigt, und haben keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld. Wir haben zwar einen Außenbereich, aber ob wir den am 18. Mai aufsperren können, ist unklar. Das hängt ein bisschen davon ab, wie die Auflagen aussehen, weil wir nur einen begrenzten Platz zur Verfügung haben. Unsere Kneipe selbst muss aber geschlossen bleiben. Natürlich haben wir dafür Verständnis, auch weil Rosenheim ein Corona-Hotspot ist. Aber wenn wir weiterhin geduldig bleiben sollen, dann brauchen wir einfach weitere finanzielle Unterstützung. Sonst sieht es düster aus.“

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Michael Widmayer (40), Inhaber des Loft-Clubs:„Ich bin seit zehn Jahren selbstständig und die Corona-Krise ist mit Abstand das Schlimmste, was mir während dieser Zeit passiert ist. Auch weil ein Ende nicht absehbar ist. Meine komplette Existenz ist quasi wegradiert. Ich bin gerade auf der Suche nach einem neuen Job, um wenigstens ein bisschen Geld zu verdienen und nicht mein ganzes Erspartes aufzubrauchen. Die Soforthilfe hilft zwar meinem Betrieb, aber privat habe ich ja trotzdem keine Einnahmen. Die größte Hilfe im Moment sind meine Verpächter, die Familie Aicher. Wir wollen diesen Weg gemeinsam gehen.“

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