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Zum Weltfrauentag

Wie viel Emanzipation braucht man(n)? Neun Rosenheimerinnen stellen sich der Frage

Eine Frau mit einer Botschaft: Auch in Rosenheim gibt es ähnliche Meinungen.
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Eine Frau mit einer Botschaft: Auch in Rosenheim gibt es ähnliche Meinungen.
  • Anna Heise
    VonAnna Heise
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Rosenheim – Ist Emanzipation reine Frauensache? Und was sollten die Männer anders machen? Neun Rosenheimerinnen stellen sich am Weltfrauentag den Fragen – und liefern teils überraschende Antworten.

Gabriele Leicht

Gabriele Leicht, Stadträtin und Dritte Bürgermeisterin der Stadt: „Emanzipation ist zunächst die Befreiung aus einem Zustand der Abhängigkeit, und dann die Gleichstellung. Anders als Frauen mussten Männer nicht um die Befreiung aus der Abhängigkeit und die Gleichstellung kämpfen. Aber sie müssen jetzt mit den Folgen der Emanzipation der Frauen umgehen. Das heißt konkret, damit fertig werden, dass eine Frau Chefin ist, dass die Aufgabenverteilung in Familien sich ändert. Noch immer wird der größte Teil der Elternzeit von Frauen in Anspruch genommen. Hier können Männer sich emanzipieren, für die Gleichstellung eintreten, dass Arbeitgeber Elternzeit in längerem Umfang von Männern akzeptieren und dabei nicht die Karriere in Frage gestellt wird. Denn während Frauen ihre Gleichstellung im Beruf erkämpfen, ist noch nicht für alle Männer die Gleichstellung in der Familienarbeit und der Kinderbetreuung ein erstrebenswertes Ziel. Hier ist eindeutig noch Luft nach oben. Jedes Paar sollte frei für sich entscheiden können, wie es die Aufgaben in der Familienarbeit aufteilt. Zu dieser freien Entscheidung gehört aber auch, dass Gesellschaft und Arbeitgeber nicht mehr als selbstverständlich erwarten, dass Mütter sich emotional und körperlich um die Kinder kümmern und Väter monetär. Liebe Männer, es lohnt sich, dass ihr euch auf diese Emanzipation und Gleichstellung einlasst.“

Professor Dr. Brigitte Kölzer

Prof. Dr. Brigitte Kölzer, Frauenbeauftragte der Technischen Hochschule: „Betrachtet man den Begriff Emanzipation aus Sicht der lateinischen Sprachherkunft, so bedeutet dies, Befreiung aus einem Zustand der Abhängigkeit. Das ist zunächst für jede Person, egal ob männlich oder weiblich, wichtig und wünschenswert. Es bedeutet, dass sich jede Person in einem selbst gewählten Bereich individuell verwirklichen kann, ohne sich an externen Rahmenbedingungen ausrichten zu müssen. Dann müsste man die Frage mit „sehr viel“ beantworten. Bei der allgemein genutzten Begriffsbedeutung von Emanzipation im Sinne der einer rechtlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung der Geschlechter, sieht es schon differenzierter aus. Zwar haben wir in Deutschland die Gleichstellung rechtlich verankert, doch in der Realität sieht es noch anders aus und Lebensentwürfe folgen oft noch sehr den traditionellen Rollenbildern der vergangenen Jahrzehnte. Besonders deutlich ist es bei dem Thema Familie und Beruf. Die eine Gruppe wünscht sich eine gleichberechtigte Beziehung mit einer Aufteilung der beruflichen und familiären Aufgaben. Diese Haltung findet sich vor allem in der jüngeren Generation. Sie findet Gleichberechtigung selbstverständlich und strebt nach einer ausgeglichenen Aufteilung beruflicher und häuslicher Aufgaben. Es gibt aber auch die gegenteilige Gruppe, welche bewusst das traditionelle Rollenmodell lebt und sich die klassische Rollenteilung wünscht: Der Mann verdient das Geld und die Frau kümmert sich um Familie und Soziales. Auch diese Gruppe wächst ebenfalls wieder im Sinne einer „Gegenbewegung“ und schimpft gegen die Emanzipation. Im Alltag findet sich eher das Phänomen, dass eine stark steigende Akzeptanz für moderne Werte und gleichberechtigte Lebensmodelle besteht, aber die Umsetzung oft auf der Strecke bleibt. Sobald Kinder ins Spiel kommen, wenden sich viele emanzipierte Männer und Frauen wieder einem klassischen Rollenmodell zu und alles ist ähnlich wie vor 30 Jahren. Zusammenfassend kann man sagen, dass sich schon viel bewegt hat und auch vieles möglich ist, aber dennoch die klassischen sozialen Rollen – gerade in Deutschland – immer noch eine sehr starke Kraft haben. Das wird sich auch nicht ganz so schnell ändern. Letztlich würde ich die Frage „Wie viel Emanzipation braucht der Mann“ beantworten mit der Aussage: „Noch viel mehr und die Frauen auch!“

Dagmar Häfner-Becker

Dekanin Dagmar Häfner-Becker: „Ich tue mir schwer mit einer pauschalen Antwort auf die Frage „Wie viel Emanzipation braucht der Mann?“. Grundsätzlich glaube ich, dass der Mann genau so viel Emanzipation braucht wie alle anderen. Wovon sich ein Mensch emanzipieren möchte oder sollte, ist bei jeder und jedem individuell unterschiedlich. Das hängt immer auch mit dem Umfeld zusammen. Wenn ich das Thema der Hausarbeit nehme: Warum sollte ein Mann Staubwischen, wenn er hinterher gesagt bekommt, dass er es nie richtig macht? Zur Emanzipation gehört für mich auch, dass man die Art akzeptiert, wie eine oder einer etwas macht. Das ist auch für ein gelingendes Miteinander im Berufsleben Voraussetzung. Auf jeden Fall tut es allen Seiten gut, sich von seinen oder ihren Ängsten zu emanzipieren, die beispielsweise dazu führen, sich nicht in die Karten schauen zu lassen, von Gewohntem nicht Abschied nehmen zu wollen, sich etwas nicht zu trauen. Ich glaube, dass vor allem unsere Ängste, wie auch immer sie aussehen, ein Hindernis für Emanzipation und Gleichberechtigung sind.“

Martina Bielawski

Dr. Martina Bielawski, kaufmännische Leiterin für die Romed Klinik Bad Aibling: „Traditionelle Rollenbilder drängen Frauen und Männer gleichermaßen bestimmte Erwartungen auf. Deshalb darf man am 8. März Männern ebenso wie Frauen wünschen, dass sie gesellschaftliche Anforderungen an sich und andere hinterfragen: Warum soll nur einer für die wirtschaftliche Situation der Familie verantwortlich sein? Warum soll nur einer am beruflichen Erfolg gemessen werden? Warum soll nur einer vorwiegend soziale Aufgaben in der Familie und Nachbarschaft wahrnehmen? Man wird vielleicht zu dem Schluss kommen, dass es keine guten Gründe dafür gibt, lediglich gesellschaftliche Strukturen, die es schwer machen aus diesem Muster auszubrechen. Diese Strukturen zu verändern resultiert am Ende in mehr Freiheit sowohl für Frauen als auch für Männer. Deshalb brauchen wir alle mehr Emanzipation.“

Diana Frankenberg

Diana Frankenberg, pflegerische Zentrumsleitung für Pädiatrie, Gynäkologie und Geburtshilfe am Romed Klinikum Rosenheim: „Die Frage nach dem ‚wieviel‘ ist aus meiner Sicht falsch, denn das würde möglicherweise bedeuten, dass die Gesellschaft an einem erreichten Punkt X das Thema als erledigt betrachtet. Und es braucht nicht der Mann Emanzipation – die Gesellschaft braucht Emanzipation. Es ist ja fast ein Armutszeugnis, dass noch immer Frauenquoten politisch „erzwungen“ werden müssen. Traditionelle Rollenmuster, in welchen zum Beispiel Erziehungs- und Pflegetätigkeiten überwiegend von Frauen übernommen werden, sind nach wie vor stark verankert. Es braucht Strukturen, die von beiden Geschlechtern gleichermaßen zum Beispiel diese Übernahme einfordert, fördert, anerkennt und wertschätzt. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die notwendige Abkehr von traditionellen Rollenbildern und damit verbundenen Machtverhältnissen in den heranwachsenden Generationen zu verfestigen.“

Monika Hauser-Mair

Monika Hauser-Mair, Leiterin der Städtischen Galerie: „Die Frage deprimiert mich. Bereits 1949 wurde im Grundgesetz die Gleichberechtigung von Frau und Mann festgelegt. Dann hat es aber fast 30 Jahre gedauert bis die „Hausfrauenehe“ abgeschafft, das Partnerschaftsprinzip eingeführt wurde und nach wiederum 40 Jahren gibt es beispielsweise immer noch Gehaltsunterschiede von bis zu 20 Prozent und einen extremen Überhang an weiblichen Teilzeitkräften. Und dann fragen wir uns, wie viel Emanzipation der Mann braucht? Wir sind bei der Emanzipation der Frauen leider noch immer nicht so weit, wie das das Grundgesetz vor über 70 Jahren vorgesehen hat. Wir brauchen nicht mehr emanzipierte Männer. Wir brauchen intelligente vernetzte Menschen.“

Dagmar Deisenberger

Dagmar Deisenberger, Stadtführerin: „Solange überhaupt das Wort noch gebraucht wird, sind wir noch nicht am Ziel. Es braucht soviel Emanzipation, wie gerade Platz hat. Ein Wandel im Denken dauert halt. Bis es wirklich selbstverständlich ist, dass Mann und Frau gleiche Rechte und Möglichkeiten haben, bis es keine Frauenquote mehr braucht und auch keine Frau in Führung als Quotenfrau abgewertet wird. Und kein empfindsamer Mann als Softie belächelt wird. Bis es soweit ist, müssen wir dran arbeiten, Mann und Frau, miteinander, und jeder, so gut er oder sie kann und wo die Stärken liegen, unabhängig vom Geschlecht.“

Christine Mayer

Christine Mayer, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt: „Die Rollenbilder werden von der Gesellschaft und dem Elternhaus vorgelebt. Im Laufe unseres Lebens verändern sich die Bilder und die Werte. Ich denke da beispielsweise an die Männer und Frauen zwischen 50 und 60. Eine Generation, der auch ich angehöre. Uns wurde noch vorgelebt, dass die große Mehrheit der Frauen zuhause ist und die Familie managt, während, der Mann das Geld nach Hause bringt und die wichtigen Entscheidungen trifft. Wir müssen aber akzeptieren, dass es Frauen gibt, die mit einer solchen Rollenverteilung wie dargestellt sehr zufrieden sind.

Aber: Die Rollenverteilung hat sich mittlerweile gewandelt. Das zeigt sich bereits in meiner Generation und besonders in der jungen und jetzigen Elterngeneration. Mittlerweile übernehmen die Männer viel mehr Aufgaben. Der Anteil der Väter, die das Elterngeld beanspruchen hat sich seit 2007 verdoppelt. Aktuell nutzen 42 Prozent der Väter das Elterngeld. Das ist doch schon mal ein guter Weg in Richtung Emanzipation des Mannes. Auch wenn es hier noch viel Luft nach oben gibt. Nach wie vor übernehmen die Frauen den größten Teil der Kinderbetreuung. Das galt bereits vor der Pandemie und hat sich im Sommer des zweiten Pandemiejahres noch verstärkt. Außerdem übernehmen die Männer immer noch deutlich weniger Pflegeverantwortung als die Frauen. 

Natürlich ist die Emanzipation, und ich spreche hier nur von der sog. Care-Arbeit, für den Mann auch eine große Herausforderung. Von den Männern wird erwartet, dass sie in der Arbeit alles geben. Möchten sie mehr für die Kinder da sein und deshalb beruflich kürzer treten, stellen sich viele Männer die Frage: Wie reagiert mein Arbeitgeber darauf? Ich denke, auch für die Männer ist es nicht so leicht, alles unter einen Hut zu bringen. Als Gesellschaft sollten wir überlegen: Wie können wir mehr Anreize schaffen, damit die Sorgearbeit zwischen Mann und Frau gerecht aufteilt wird? Wie schaffen wir es, die erkennbaren positiven Trends schneller voranzubringen für mehr Emanzipation zum Wohle für alle?“

Andrea März

Andrea März, Vorsitzende des Vinzentiusvereins: „In der heutigen Zeit ist es mehr eine Frage, was für die Familie oder den Einzelnen passt, denn jeder sollte selbst den Grad an Emanzipation von Frau oder Mann in einer Beziehung/Familie wählen. Die heutige Zeit bietet viele Möglichkeiten für Frau respektive Mann, sich im Beruflichen und Privaten zu emanzipieren, der Staat kann die Rahmenbedingungen schaffen und hier ist noch viel Luft nach oben, aber jeder Einzelne sollte selbst das richtige Maß für sich entscheiden können. Sei dies eine traditionelle Aufteilung oder eine umgekehrte mit der Frau als Hauptverdiener oder auch mit beiden Partnern in Vollzeitbeschäftigung und Fremdbetreuung der Kinder. Jeder muss und sollte dies für sich selbst entscheiden dürfen.“

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