Im Jahr 1887 aufgestellt

Wetter für alle: Die Geschichte des Rosenheimer Wetterhäuschens

Ein Blick zurück: Eine nebenamtliche Wetterstation in Rosenheim wurde erst im städtischen Krankenhaus und ab 1893 im Realschulpensionat untergebracht.
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Ein Blick zurück: Eine nebenamtliche Wetterstation in Rosenheim wurde erst im städtischen Krankenhaus und ab 1893 im Realschulpensionat untergebracht.

In Rosenheim wurde 1887 das erste Wetterhäuschen aufgestellt. Deutschlandweit etablierten sich sogenannte Wettersäulen um 1900 im Stadtbild. Sie sind gleichermaßen Ausdruck der sozialen und ästhetischen Ansprüche sowie des technischen Fortschritts um die Jahrhundertwende.

von Christopher Kast

Rosenheim – Am 29. November 1959 ging das Wetter auf Sendung. Im Testprogramm des Nordwestdeutschen Rundfunks wurde zum ersten Mal eine Wetterkarte ausgestrahlt, ehe „Das Wetter morgen“ ab dem 1. März 1960 seinen festen Sendeplatz im Anschluss an die Tagesschau erhielt. Erst zwei Jahre später wurde der erste Wetterbericht in einer Zeitung veröffentlicht.

Tabelle mit meteorologischen Kennzahlen

Am 14. Mai 1962 veröffentlichte das Londoner Wochenblatt „Sammlung für den Fortschritt von Landwirtschaft und Handel“ ohne weiterführende Erläuterungen eine Tabelle mit Messungen des Luftdrucks und der Windstärke. Ob die Leser damit etwas anfangen konnten, darf bezweifelt werden – einiger Beliebtheit erfreute sich die Tabelle dennoch.

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Auch in den folgenden Ausgaben des Wochenblatts wurde deshalb ein Wetterbericht abgedruckt, ehe sich andere Zeitungen dieser Praxis alsbald anschlossen. Anders als damals muss heutzutage für den Wetterbericht nur noch die entsprechende App auf dem Mobiltelefon geöffnet werden. Diese gibt dann überall und zu jeder Zeit minutengenau über ein ganzes Bündel von meteorologischen Kennzahlen Auskunft. Wie informierte man sich aber um 1900 über das Wetter, wenn der Rosenheimer Anzeiger damals lediglich rückblickend darüber berichtete und es keine Wettervorhersage gab?

Nach königlicher Anordnung

Der Rosenheimer Stadtmagistrat dürfte sich mit dem Themenkomplex „Wetter“ und „Wettervorhersage“ seit dem 6. Oktober 1878 beschäftigt haben. Mit der Urkunde über „Die Errichtung einer Meteorologischen Centralstation in München mit 34 Beobachtungsstationen an verschiedenen Orten Bayerns betreffend“ schuf Ludwig II. das Fundament für die professionelle Wettervorhersage in Bayern.

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Der königlichen Anordnung entsprechend wurde auch in Rosenheim eine nebenamtliche Wetterstation eingerichtet. Zunächst im städtischen Krankenhaus und ab 1893 im Realschulpensionat untergebracht, lieferte die Rosenheimer Zweigstelle Daten zum Wetter nach München.

Nach Initiative eines Rosenheimer Bürgers

Die Einrichtung der nebenamtlichen Wetterstation war ausschlaggebend für die baldige Aufstellung eines Wetterhäuschens, die am Ende des 19. Jahrhunderts deutschlandweit aus dem Boden wuchsen. Der Stadtmagistrat in Rosenheim wurde erstmals auf Initiative des Rosenheimer Bürgers Johann Baptist Rappel in Wetterangelegenheiten aktiv. Ihm wurde am 20. April 1887 die Aufstellung von drei Plakatsäulen genehmigt, wovon eine der Säulen als „Wetterhäuschen“ fungieren sollte. Die meteorologischen Instrumente hierfür wurden für die Stadt vom Rosenheimer Apotheker Herold besorgt, der jedoch die Bedingung stellte, dass das Häuschen mit von der Stadt bezahltem Personal betrieben werden sollte.

Vereinbarung mit einem Uhrmacher

Am 5. November 1887 wurde deshalb mit dem stadtbekannten Uhrmacher Georg Lüttich vereinbart, dass er das Wetterhäuschen betreiben solle. Am 25. November 1887 überließ Herold der Stadt die einzelnen Instrumente sowie die Anleitung zur Aufstellung der registrierenden Baro- und Thermometer, die an der Wettersäule am Hayler-Garten eingebaut wurden. Geeignet, meteorologische Daten zu erheben, waren die Instrumente aber nicht. Die äußerst beliebten Wettersäulen erfüllten zunächst eine Bildungs- und Erziehungsfunktion und verliehen der wachsenden Begeisterung für die Naturwissenschaften um 1900 Ausdruck.

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Verbunden war diese in Rosenheim mit Sicherheit auch mit der wachsenden Beliebtheit des Bergsteigens. Seit Februar 1903 brachte an der Wettersäule, die aufgrund des Neubaus des Gillitzerblocks an das Nordeck des Salinengartens versetzt wurde, auch die Rosenheimer Alpenvereinssektion regelmäßig einen Wetterbericht für das Brünnsteinhaus an, das immer häufiger von Touristen besucht wurde.

Aufstellung eines drei Meter hohen Kunstgusses auf einem Sockel

Die Aufstellung der Wettersäulen wurde zudem früh von kommerziellen Interessen begleitet. Das erste nachweisbare Angebot erhielt der Rosenheimer Stadtmagistrat am 5. Juli 1887 von der Hamburger „Annoncen-Uhr-Actien-Gesellschaft“, die einen drei Meter hohen Kunstguss auf Sockel in der Stadt aufstellen lassen wollte. Ausgestattet mit Uhr, Barometer, Thermometer und Wetterprognose biete diese auch Geschäftstreibenden die Möglichkeit, Werbeannoncen „attractiv und vornehm“ zu platzieren, so das Schreiben an den Magistrat.

Angebote aus ganz Deutschland

Die stetig zunehmende Kommerzialisierung in den 20er Jahren spiegelt sich schließlich in den zahlreichen Angeboten aus ganz Deutschland, die der Stadtmagistrat unter anderem von der „Allgemeinen Propaganda-Gesellschaft Schramm & Co“ aus Nürnberg, der „Internationalen Reclame-Gesellschaft Dr. Karl Meyer“ aus Leipzig oder von „Werbe-Kästen Walter Kampe“ aus Würzburg erhielt. Es verwundert deshalb nicht, dass die Rosenheimer Industrie- und Handelskammer bald vor der Aufstellung der Wetter- und Reklametafeln warnte, da dort „sehr viel Schund“ beworben werde.

Karten am Kulturbauamt

Neben dem Anbringen von Wetterkarten am Wetterhäuschen war der Aushang einer Wetterkarte spätestens seit 1914 am Kulturbauamt in Rosenheim gängig. Die Wetterkarten erfreuten sich größer Beliebtheit, wie „eine kleine Anregung“ aus dem „Rosenheimer Tagblatt Wendelstein“ vom 17./18. Juni 1932 verdeutlicht.

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Mit der Verlegung des Kulturbauamts aus den Räumlichkeiten der Stadtpost in das Bezirkskommando kam anscheinend auch der gängige Aushang der Wetterkarten zu einem plötzlichen Ende. Grund genug für das Tagblatt zu fordern: Der „löbliche Brauch“ solle wieder eingeführt werden – Wetter für alle! – die Kosten seien für die Stadt doch gering.

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