Stadt Rosenheim baut bekannte Kreuzung um – nach tödlichem Radl-Unfall 2018

Zur mahnenden Erinnerung an die tödlich verunglückte Sandra hat ihr Ehemann dieses sogenannte Ghostbike an der Westerndorfer Straße in Rosenheim aufgestellt. Die Mutter von zwei Kindern war mit dem Rad unterwegs, ein Lastwagen-Fahrer hatte sie übersehen und angefahren.
  • Ilsabe Weinfurtner
    vonIlsabe Weinfurtner
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Mit höheren Bordsteinen und mehr Warteraum für Fußgänger an der Ampel reagiert die Stadt Rosenheim auf den Tod einer 45-jährigen Radfahrerin. Sie war im April 2018 von einem Lkw erfasst und tödlich verletzt worden.

Rosenheim – Es war ein Unfall, der die Menschen in Rosenheim lange bewegt hat: Ein Lkw-Fahrer hatte im April 2018 beim Rechtsabbiegen eine Radfahrerin übersehen. Die 45-Jährige wurde überrollt und starb an der Unfallstelle, der Kreuzung Westerndorfer Straße (B15)/Schlösslstraße. In der Folge hat die Stadt nun die Einmündung umgebaut.

Unfall-Drama bewegt die ganze Stadt

Es war eine Tragödie, die großen Kummer nach Rosenheim gebracht hatte. Nicht nur, weil die Frau keine Chance hatte, zu überleben. Sondern auch, weil einige Schüler der nahegelegenen Grund- und Mittelschule in Westerndorf Zeugen des Geschehens geworden waren. Denn der Unfall hatte sich an jenem 16. April 2018 um 7.45 Uhr ereignet, also kurz vor Schulbeginn.

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Die Betreuung der betroffenen 15 Buben und Mädchen hatten damals nicht nur die Rettungskräfte übernommen, sondern auch ein Notfallseelsorger und Mitglieder des Kriseninterventionsteams.

Auf der Suche nach mehr Sicherheit

In Folge des Unfalls hatte es ein Gespräch darüber gegeben, wie die Gefahr an der Kreuzung reduziert werden kann, und die Verkehrsteilnehmer besser geschützt werden können. Daran beteiligt waren einige Eltern, deren Kinder die Schule besuchen, sowie Schulweghelfer, Polizei und Mitarbeiter des staatlichen Bauamtes. Die Stadt hat jetzt reagiert und den Gehweg im Kurvenbereich von der Westerndorfer Straße zur Schlösslstraße mit einem sogenannten Hochbord versehen – einer besonderen Form des Bordsteins, der Straße und Gehweg deutlich voneinander trennt. Außerdem wurde der Aufstellbereich für Fußgänger provisorisch vergrößert. Auf diese Weise, so hofft die Stadt, können die Fahrer von Bussen und Lastwagen früher als vorher bemerken, dass ihr Fahrzeug beginnt, die Straße zu verlassen.

Der Unfall in Rosenheim ist eines von zahlreichen Unglücken, bei denen im vergangenen Jahr Radfahrer von Lkw erfasst und tödlich verletzt worden sind. Schätzungen gehen bundesweit von bis zu 40 solcher Unfälle aus. Als Ursache im Fokus: der tote Winkel, in dem die Radler für einen Moment verschwinden

Mehr Einblick in den toten Winkel

Abhilfe bringen soll ein Abbiegeassistent für Lastwagen und Busse, für dessen freiwilligen Einbau der Bund finanzielle Unterstützung verspricht. Ein Gerät im Cockpit, das die Fahrer beim Abbiegen warnt vor Radfahrern und Fußgängern rechts neben dem Fahrzeug. Das Geräusch in Verbindung mit einem optischen Reiz wird ausgelöst, wenn der Fahrer den rechten Blinker setzt oder langsamer fährt, als es im Hilfssystem voreingestellt ist.

Bislang geschieht der Einbau auf freiwilliger Basis. So hat die Stadt Rosenheim vor zwei Jahr beschlossen, bei Neuanschaffungen von Lastwagen für den Baubetriebshof ausschließlich Fahrzeuge zu kaufen, in denen der Abbiegeassistent eingebaut ist. Eine Maßnahme, die sicher sinnvoll ist, aber nur ein erster Ansatz sein kann. Denn natürlich fahren nicht nur die Lkw des Baubetriebshofs durch die Stadt Rosenheim, und die Regelung gilt bisher lediglich für Neuanschaffungen, wie die Stadt mitteilt.

Ein Problem, das viele Kommunen kennen und handhaben – und das die EU in zwei Stufen lösen möchte: Ab 2022 wird der Abbiegeassistent EU-weit für alle neuen Fahrzeugtypen Pflicht. Von 2024 an für alle neuen Lkw und Busse. Allerdings: Auch diese Regelung bedeutete eine Übergangsfrist, in der Fahrzeuge ohne den Assistenten weiterhin unterwegs sein dürfen und damit eine Gefahrenquelle in Abbiegesituationen bleiben.

Einfahrverbot in die Gefahrenzone

Verhindern ließe sich das, mit einem Einfahrverbot zumindest für Lkw in alle Straßen einer Kommune, in denen das Rechtsabbiegen potenziell gefährlich ist. Das zumindest hat ein Rechtsgutachten der Hochschule Darmstadt ergeben, das die Bundestagsfraktion der Grünen in Auftrag gegeben hatte. Demnach lässt es die Straßenverkehrsordnung zu, Lkw ohne Assistent die Einfahrt in Städte zu verbieten – jedenfalls an all jenen Stellen, die die Kommunen für zu gefährlich halten. An solchen örtlichen Gefahrenpunkten könnte eine Kommune eine Beschränkung aussprechen.

Die Zufahrt nur Lastwagen zu erlauben, die über einen Abbiegeassistenten verfügen, urteilen die Gutachter. Und auf diese Weise eine Übergangsregelung schaffen, bis das EU-Recht verbindlich zu den Abbiegeassistenten eingeführt ist. In der Folge könnte die Stadt Rosenheim also im Fall der Westerndorfer Straße das Abbiegen verbieten, mit dem Argument, dass an dieser Stelle Gefahr drohe. Allerdings: Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer sieht diese Möglichkeit nicht. In seinen Augen verstößt eine Umsetzung des Grünen-Vorschlags gegen geltendes EU-Recht. Gleichwohl weiß auch er, dass die Übergangszeit erneut viele Unfälle mit sich bringen kann. Erneut eine Mutter von zwei Kindern auf dem Radl tödlich verletzt werden.

Weißes Fahrrad erinnert an Tote

Heute erinnert nahe der Unfallstelle in Westerndorf St. Peter ein weiß gestrichenes Fahrrad an die Verunglückte. Dieses sogenannte Ghostbike, das in der Westerndorfer Straße an einem Laternenmasten neben dem Bushäuschen lehnt, hat der Ehemann der Verstorbenen aufgestellt. Es soll eine Mahnung sein für alle Verkehrsteilnehmer.

Eine Mahnung, umsichtiger und rücksichtsvoller zu fahren. Es ist das erste dieser Art in Rosenheim. Und wird nun für lange Zeit an den Tod der 45-Jährigen erinnern – und daran, dass die Kreuzung Westerndorfer Straße/Schlösslstraße eine Gefahrenstelle für Radfahrer ist.

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