Weniger Gräber, mehr Park: Rosenheim berät über Bestattungsformen

Paradebeispiel: Der alte Nordfriedhof in München ist längst mehr Parkanlage als Friedhof. Was auch daran liegt, dass bei vielen der historischen Grabstellen die Nutzungsrechte längst abgelaufen sind. DPa
  • Ilsabe Weinfurtner
    vonIlsabe Weinfurtner
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Friedhöfen gelten als Orte der Trauer und der Stille. Doch mit dem Wandel der Bestattungskultur ändert sich ihr Erscheinungsbild. Daher wird in vielen Kommunen darüber nachgedacht, Friedhöfen aus dem Schatten zu holen. Auch in Rosenheim wird über das Angebot alternativer Bestattungsformen nachgedacht.

Rosenheim – Der Friedhof als Rückzugsraum für die Lebenden, das ist nicht neu. Gerade in Großstädten gelten Friedhöfe als Möglichkeit der Naherholung. Besonders dann, wenn der Friedhof unter Denkmalschutz steht und es keine Grabnutzungsrechte mehr gibt.

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Der Friedhof als Spiegel der Gesellschaft: So könnte man die Entwicklung der vergangenen Jahre, auch in Rosenheim, zusammenfassen. Weil immer mehr Menschen alleine leben, die Familien übers Land verstreut sind und im hektischen Alltag kaum Zeit bleibt für die Angehörigen, sich um die Gräber der Verstorbenen zu kümmern, nimmt die Zahl der Feuerbestattungen zu.

Im Wandel der Zeit: Auf dem Friedhof am Kapuzinerkloster in Rosenheim sind bereits zahlreiche der Erdgräber aufgelassen. Immer mehr Menschen entscheiden sich für ein Urnengrab. SChlecker

Immer mehr Feuerbestattungen

Mehr als zwei Drittel der Verstorbenen in Deutschland würden mittlerweile eingeäschert, meldet „Aeternitas“, die „Verbraucherinitiative Bestattungskultur“. Auf den drei Friedhöfen in Rosenheim, Fürstätt und Aising wurden im vergangenen Jahr insgesamt 317 Menschen eingeäschert, im Jahr 2010 waren es 254. Die Zahl der Erdbestattungen ist im gleichen Zeitraum gesunken, von 199 auf 137. Ein Urnengrab ist nicht nur günstiger im Unterhalt, es ist auch leichter zu pflegen. Zumal dann, wenn es das Gefäß in einer Urnenwand oder in einem Kolumbarium verwahrt wird, wie es auf dem Friedhof am Kapuzinerkloster möglich ist.

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Mit dem Rückgang der Erdbestattungen und den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen geht einher, dass viele Angehörige die Nutzungsdauer ihrer Familiengräber nicht verlängern. Sie werden nach Ablauf der Liegedauer aufgelöst. Was mit diesen sogenannten Überhangsflächen passieren soll, das beschäftigt die Rosenheimer CSU-Stadtratsfraktion. In einem Antrag hatte sie bereits vor der Corona-Krise für den Friedhof in der Innenstadt eine intensivere Pflege des Grüns gefordert, „um das Erscheinungsbild insgesamt in Richtung einer gepflegten Parkanlage zu verbessern“. Die damit verbundenen Mehrkosten sollen so umverteilt werden, dass sie sich nicht auf die Friedhofsgebühren niederschlagen. Also nicht die Hinterbliebenen finanziell belasten. Eine schöne Idee. Doch die Kommune muss selbst rechnen, in Zeiten von Corona noch mehr als bisher: Dem erhöhten Grünpflegeaufwand stehen Gebühreneinbußen gegenüber.

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Der Friedhof als Park? Ist das nicht pietätlos? Nein, finden zahlreiche Kommunen. Und denken um. So gibt es etwa in Würzburg seit dem Jahr 2010 die „Urnengärten“. Eine Anlage, die bestückt ist mit Grabsteinen, die die Angehörigen nach ihrem Geschmack ausgesucht haben. Aber auch eine Gemeinschaftsstele und Namenstafeln, die plan auf der Erde liegen, gehört zu den „Urnengärten“. Dank dieser neuen Neugestaltungen hat sich das Bild auf den Friedhöfen der fränkischen Stadt verändert. Bunter ist es geworden, vielfältiger. Dass dabei aber ein gewisser Rahmen eingehalten wird, dafür sorgt, wie überall, die Friedhofsatzung.

Neue Angebote auch in Aising

Eine andere Möglichkeit zur Neugestaltung bieten Ideen jenseits der klassischen Bestattungsformen: Baumbestattungen und Bestattungswälder etwa, oder Bereiche, in denen sich Verstorbene gemeinsam mit ihrem Tier beerdigen lassen können.

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In Rosenheim gibt es diese Möglichkeiten bisher nicht. Vermutlich einer der Gründe, warum zunehmend mehr Angehörige ihre Toten im Landkreis gegraben lassen, heißt es im Antrag der CSU. Ein Defizit, um das die Stadt weiß – und das sie ändern möchte. Ziel sei es, neue Formen auf den Friedhöfen in Rosenheim und in Aising noch in diesem Jahr anbieten zu können, teilt sie mit.

Bürger sollen mitreden

„Denkanstöße, um den Wandel der Trauerkultur in unserer Gesellschaft zu bestehen“ will die bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau geben. Gemeinsam mit der bayerischen Gartenakademie informiert das Amt zum Thema „Zukunftsmodell Friedhof – Kulturgut oder Kostenfaktor?“. Geraten wird darin insbesondere, die Bürger in die Überlegungen mit einzubeziehen, mit ihnen in den Dialog zu treten.

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