„Weibsbilder“: Neue Führung zeigt den enormen Einfluss von Frauen auf Rosenheims Geschichte

Die „Minzetteln“, die Franziska Rieder (Dagmar Deisenberger) hier Karin Wiesböck anbietet, sind möglicherweise ihre eigene Erfindung gewesen. Thomae
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Die „Minzetteln“, die Franziska Rieder (Dagmar Deisenberger) hier Karin Wiesböck anbietet, sind möglicherweise ihre eigene Erfindung gewesen. Thomae
  • vonJohannes Thomae
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Sie hat vermutlich nicht nur die „Minzetteln“ erfunden, sondern war auch maßgeblich daran beteiligt, dass Rosenheim einst zur Stadt erhoben wurde. Gemeint ist Franziska Rieder, die nun – gemeinsam mit vielen anderen einflussreichen Frauen – mit einer neuen Stadtführung wieder zum Leben erweckt wird.

  • Eine neue Stadtführung in Rosenheim zeigt die Geschichte einflussreicher Rosenheimerinnen.
  • Rosenheim hat es ein gutes Stück weit einer Frau zu verdanken, dass es überhaupt zur Stadt wurde.
  • Die Stadtführung kann über die Tourist-Info in Rosenheim gebucht werden.

Rosenheim – Riederpark, Apothekergarten: Die Dame, die da in einem eleganten, altertümlichen Kostüm vor einem Beet kniet, an den Pflanzen nestelt, und offenbar auch leise mit ihnen spricht, fällt im doppelten Sinn aus der Zeit. Nicht nur wegen ihrer Kleidung, sondern auch, weil sie eigentlich schon seit hundert Jahren tot ist.

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Es ist Franziska Rieder, die Frau des ehemaligen Rosenheimer Bürgermeisters Dr. Georg Rieder, die von 1834 bis 1920 lebte. Um ihr zu begegnen, muss man sich nicht gegen Mitternacht zur Geisterstunde in den Riedergarten wagen, es geht auch am helllichten Tag, auf einer Stadtführung mit dem Titel „Weibsbilder“.

Vom 15. bis ins 20. Jahrhundert

Franziska Rieder ist nicht die einzige, die man auf dieser Führung trifft. Insgesamt sechs Frauen aus Rosenheims Vergangenheit sind es, die die beiden Stadtführerinnen Karin Wiesböck und Dagmar Deisenberger vorstellen – Persönlichkeiten vom 15. bis ins 20. Jahrhundert.

Stadtgeschichte sozusagen einmal an Frauengestalten und aus ihrer Sicht heraus erklärt und damit nicht nur aus persönlichem, sondern speziell weiblichem Blickwinkel.

Bürgermeisteramt als nebenberufliche Tätigkeit

So erfährt man auch, dass sich Bürgermeister Dr. Georg Rieder nicht so in das Bemühen, Rosenheim zu einer Stadt zu machen, hätte hineinhängen können, wenn ihn nicht seine Frau bei der Leitung der Riederschen Apotheke tatkräftig unterstützt hätte. Vor der Stadterhebung war das Bürgermeisteramt in Rosenheim nämlich sozusagen eine nebenberufliche Tätigkeit.

Die Teilnehmer an der Stadtführung dürfen sich auch auf szenische Elemente freuen.

Hinter Franziska Rieders Einsatz stand nicht nur der Zwang der Umstände, sondern wohl auch echte Berufung, hat sich sie sich doch mit Leidenschaft des Apothekergartens angenommen, dessen Pflanzen damals die Grundlage fast aller Medikamente waren. Dies übrigens gepaart mit solidem Geschäftssinn: Denn wahrscheinlich war sie es, die auf die Idee kam, „Minzetteln“ herzustellen, kleine Pfefferminzbonbons, die sie als Heilmittel für kleine Wehwechen aller Art anpries. Und die weit über Rosenheim hinaus bekannt waren.

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Sie wird, davon darf man ausgehen, ihren Mann auch immer wieder bestärkt und aufgerichtet haben, wenn er im Magistrat wieder einmal eine Niederlage erlitt: Drei Anläufe bedurfte es, bis es zu dem notwendigerweise einstimmigen Beschluss kam, König Ludwig um die Stadterhebung zu bitten. Viele im Magistrat scheuten sich wohl vor den damit verbundenen höheren Abgaben. Zu erkennen, dass man bei der beginnenden Industrialisierung nur als Stadt würde vorne mitspielen können, bedurfte Weitblick, den nicht alle hatten.

Weibliche Rolle in Ehe und Gesellschaft früher fest definiert

Hinter jedem erfolgreichen Mann steckt eine starke Frau, heißt ein alter Spruch. Und wenn er auch heute alles andere als zeitgemäß ist, weil er der Frau eine zurückhaltende und dienende Rolle zuschreibt, so trifft er für frühere Zeiten die Sache wohl doch auf den Punkt.

Die weibliche Rolle in Ehe und Gesellschaft war einfach fest definiert und durchaus eingeschränkt. Dennoch gab es immer wieder Frauen, die es verstanden, die verbliebenen Spielräume tatkräftig auszunutzen. Sie erarbeiteten sich damit einen Wirkungsbereich, der deutlich über die Grenzen des zeitgenössischen Frauenbilds hinausging.

Dass das selbst im Einzelfall allenfalls ein Ansatz zur Emanzipation war und sicher nur ganz wenig Auswirkungen auf die allgemeine Lage der Frauen hatte, wird in der Führung nicht verschwiegen. Allerdings wird auch deutlich, dass man die errungenen kleinen Freiheiten nicht aus heutiger Sicht bewerten darf, sondern aus der Zeit heraus und mit den Augen der Betroffenen sehen muss.

Mit den Damen in Kontakt treten

Für Karin Wiesböck war es deshalb klar, dass man auf der Führung „Weibsbilder“ den beschriebenen Frauen selbst würde begegnen müssen. Eine Idee, mit der sie, wie sie sagt, schon jahrelang schwanger gegangen war. Man sollte immer wieder mit den „Rosenheimer Weibsbildern“ in unmittelbaren Kontakt treten können, während auf dem Weg von einer Station zur anderen das historische Umfeld erläutert würde.

Was ihr dazu fehlte, war eine Mitstreiterin, die die Frauen verkörpern und damit lebendig werden lassen könnte. Diesen Konterpart fand sie, als Dagmar Deisenberger vor knapp zwei Jahren zur Stadtführergilde stieß, die dank ihrer Spielerfahrung im Tam-Ost die ideale Ergänzung war.

Über viele Monate recherchiert

Nach vielen Monaten der Recherche steht die Führung nun, gerade rechtzeitig zu Wiederaufnahme der Stadtführungen nach der erzwungenen Corona-Pause. Zwei Rundgänge im Rahmen des Führungsprogramms der Rosenheimer Touristinfo gibt es zunächst.

Die beiden bieten aber auch Führungen für private Gruppen an, wobei sie sich das unter anderem gut als Geburtstagsgeschenk vorstellen könnten: Wenn das Geburtstagskind weiblich ist, würden sie seine Lebensgeschichte kurzerhand in ihre Führung mit einbauen: Das ganze dann nicht mehr nur eine historische Führung mit viel Unterhaltungseffekt sondern erweitert durch einen aktuellen Zeitbezug.

Für die Führung am 12. Juli sind noch Plätze frei

Für die „Weibsbilder“-Führung am kommenden Sonntag sind noch einige Plätze frei. Wer mitgehen möchte, wendet sich einfach an die Touristinfo Rosenheim unter Telefon 0 80 31 / 3 65 90 61. Wer Interesse an einer privaten Gruppenführung hat, findet alle nötigen Informationen auf der Website von Karin Wiesböck unter www.rosenheim-stadtmfuehrung.de oder auf der Homepage von Dagmar Deisenberger unter der Adresse www.stadtfuehrungrosenheim.de.

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