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Esoterik am Traberhof

Was ist das Geheimnis des Geistheilers? Wie Gröning in Rosenheim Tausenden „Heilstrom“ spendete

Tausende und Abertausende Verzweifelte, die in Bruno Gröning ihren Messias sahen, vor dem Traberhof in Rosenheim.
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Ein Meer von Menschen: Tausende und Abertausende Verzweifelte, die in Bruno Gröning ihren Messias sahen, vor dem Traberhof in Rosenheim.
  • Michael Weiser
    VonMichael Weiser
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Zeiten der Not, Zeiten der Wirrnis: Bruno Gröning lockte 1949 Zehntausende von Menschen nach Rosenheim. Noch heute bekennen sich Menschen zu dem Wunderdoktor mit dem Kropf.

Rosenheim – Der erste Auftritt des Wunderdoktors ging stumm über die Bühne. Gekleidet in eine zerknitterte, abgetragene blaue Hose, das Hemd bis zum Hals zugeknöpft, trat Bruno Gröning an einem Abend im August 1949 auf den Balkon des Traberhofs in Rosenheim. Er blickte über die 500 Menschen auf dem Platz vor dem Gehöft hinweg. Sagte kein einziges Wort. Und ging nach einer Minute des in-die-Ferne-Starrens wieder hinein.

Der Wundertäter war offenbar von seiner eigenen Anziehungskraft überrascht und musste sich erst sammeln. Und so mussten sich die Wartenden noch ein wenig gedulden, bis Bruno Gröning erneut vor die Balkontüre trat und zu sprechen anhob: Ein Mann mit kantigen, fast schon asketischen Gesichtszügen, mit stechenden blauen Augen und einem deutlich sichtbaren Kropf. Angeschwollen von der Kraft des Heilstroms, den er angeblich auf die Menschen übertragen könne, wie bald schon Zeitungen berichteten. Oder geschwollen von den Krankheitsstrahlungen der von ihm Geheilten, wie andere kolportierten.

Eine Verheißung, die Zehntausende anlockte

Mit ruhiger Stimme und ohne Gesten sprach er. Er wolle „jedem helfen“, könne aber auch nur denen helfen, „die an ihn glaubten und auch einen festen Glauben zum Herrgott hätten, der ihm die Heilkraft verliehen habe“, schrieb ein Zeuge mit. Die Verheißung lockte in den kommenden Wochen Zehntausende an.

Zuvor hatte Gröning in München für Aufsehen gesorgt. Nach Rosenheim kam er, weil ihn Leo Hawart eingeladen hatte, der Besitzer des Traberhofs. Hawart gab an, unter Lähmungserscheinungen zu leiden.

So begann eines der erstaunlichsten Kapitel in der jüngeren Geschichte Rosenheims. Ein Kapitel, das in seiner Wundergläubigkeit ganz ans ach so finstere Mittelalter erinnerte. Und den Traberhof zwischen Happing und dem Stadtrand von Rosenheim zur Kultstätte machte, zum Wallfahrtsort von Menschen mit echten oder eingebildeten Krankheiten, von Siechen, Blinden, Traumatisierten und Kriegsversehrten.

Manche schliefen auf bloßem Boden

„Ein Scharlatan“, so urteilt heute der Theologe Johannes Boldt aus Stephanskirchen. Doch damals reagierten auch die Medien fasziniert. „Der durch seine an Wunder grenzenden Heilungen bekannt gewordene Naturmensch Bruno Gröning“ habe für eine Klausur seine Zelte aufgeschlagen, berichtet das Oberbayerische Volksblatt. Der Traberhof sei nicht wiederzuerkennen, schreibt der Reporter und schildert die andachtsvolle Atmosphäre: „Es wird nur noch diskret geflüstert, stämmige Kellnerinnen und robuste Pferdeknechte bewegen sich auf Zehenspitzen und betätigen sich als Zerberusse, um den Schwarm neugieriger Besucher von dem ,Meister’ fernzuhalten.“

Wobei „Schwarm“ deutlich untertrieben war. Bis zu 18 000 Menschen wurden an manchen Tagen gezählt, viele von ihnen kampierten unter freiem Himmel vor dem Traberhof, manche auf dem bloßen Boden. Weil sie kein Geld hatten. Oder weil Hotels und Gaststätten in der Stadt belegt waren. Reporter berichten von extatischen Ausrufen der Menge, von spontan angestimmten Chorälen wie „Großer Gott, wir loben dich“. Manchmal unterrichteten Menschen jauchzend ihre Umgebung von ihrer gerade erfolgten Heilung.

Geistheiler und Scharlatane: Typisch für eine Zeit aus den Fugen

Die sanitären Zustände auf dem Gelände vorm Traberhof waren so schlimm, dass der Rosenheimer Landrat schließlich den Notstand ausrufen ließ. Wer nicht kommen konnte, schrieb: Im Rosenheimer Postamt stapelten sich die Briefe an Bruno Gröning.

Anhänger hatte Gröning auch bei der Obrigkeit. Landtagsabgeordnete verwendeten sich für ihn, der Münchner Polizeipräsident trat vor den Traberhof und dankte für Heilung durch Gröning, und auch Ministerpräsident Hans Ehard rief dazu auf, Gröning doch nicht zu behindern. Kritiker hatten immer wieder gefordert, das Heilpraktikergesetz in aller Härte auf den Wunderdoktor anzuwenden.

Phänomen aus einfachen Verhältnissen

Ein Phänomen, dieser Gröning, der eigentlich Grönkowski hieß und 1906 in Danzig geboren worden war. Für viele Menschen war der Mann aus einfachsten Verhältnissen, der seit 1936 Mitglied der NSDAP gewesen war, ein Gottgesandter, ein Wundertäter, der durch die Kraft seiner Gedanken heilte, ein Messias, dessen Ankunft durch die Apokalypse des Zweiten Weltkriegs angekündigt worden sein musste.

Für die US-amerikanische Historikerin Monica Black, die den Gröning-Kult in Rosenheim in ihrem Buch „Deutsche Dämonen“ ausführlich beschreibt, ist er allerdings ein Produkt der völligen moralischen und geistigen Zerrüttung der Deutschen nach zwölf Jahren Nazi-Regime und den Verheerungen des Weltkriegs.

Die gefährliche Kombination von einem Führer, der von seiner Mission überzeugt sei, und einer nach Führung lechzenden, leicht formbaren Masse, hatte der berühmte Heidelberger Psychiater Alexander Mitscherlich schon seinerzeit in dem Treiben am Traberhof erkannt.

Ein Geistheiler und viele Geschäftemacher

Gröning selbst verlangte kein Geld. Um den Geistheiler scharten sich aber „Helfer“ und „Manager“. Bruno Gröning und seine Entourage haben nie richtig Buch geführt. Aber es muss gereicht haben, um sich ein Leben in Saus und Braus zu leisten.

100 000 Mark sollen allein im Jahr 1950 ins florierende Kleinunternehmen mit seinem Angebot von Geistheilungen aller Art geflossen sein. Spenden, Honorar für Vorträge, aber auch für angebliche Kraftspender. Ältere Rosenheimer erinnern sich noch, wie so mancher junge Mensch in der Nachbarschaft sich Geld hinzuverdiente, mit dem Drehen von Stanniolkugeln, die angeblich Haare oder Fingernägel von Gröning enthielten oder zumindest energetisch von ihm besprochen worden waren.

Wie Unkraut auf Trümmerschutt

Nach einigen Wochen war es mit dem Geschäftsmodell vorbei. Die Gerüchte über Ausschweifungen und Korruption nahmen überhand, Politiker und Presse rückten von ihm ab, seine Heiltätigkeit brachte ihn immer wieder vor Gericht.

Bald verschwand er weitgehend von der Bildfläche, wie so viele dubiose Gestalten, die nach dem Zweiten Weltkrieg gediehen waren wie Unkraut auf dem Trümmerschutt. Gröning erkrankte an Magenkrebs, ließ sich, obwohl bekennender Gegner der Schulmedizin, schulmedizinisch behandeln. Allerdings viel zu spät für eine erfolgreiche Behandlung. Bruno Gröning starb 1959 in Paris.

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