30 Jahre Deutsche Einheit

Verblasste Freundschaft: Warum sich Rosenheim und Greiz aus den Augen verloren haben

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Zur Zeit der Wiedervereinigung beschloss der Stadtrat von Rosenheim, die Stadt Greiz in Thüringen zu unterstützen. 30 Jahre später ist der Kontakt nahezu vollständig abgebrochen. Was bleibt sind schöne Erinnerungen jener, die damals der Kreisstadt zur Seite standen.

von Korbinian Sautter

Rosenheim – Die „Perle des Vogtlandes“ wird Greiz heute genannt. Die Kreisstadt im Thühringer Süden umfasst rund 20 000 Einwohner und liegt geradezu malerisch im Kessel des „Tals der Weißen Elster“. Doch so schön, wie es heute aussieht, war es nicht immer. Vor 30 Jahren stand die Stadt, wie so viele andere Kommunen der neuen Bundesländer, an einem wirtschaftlichen Tiefpunkt. Zu dieser Zeit begann die Patenschaft mit Rosenheim.

Die bayerische Hilfe in der größten Not

Zur Wiedervereinigung schickte die oberbayerische Stadt eine kleine Delegation in das Vogtland, um eine Spende von 25 000 Mark zu überbringen. Zwischen den damaligen Bürgermeistern Michael Stöcker und Andreas Hemmann wurde am 3. Oktober 1990 eine Patenschaftsurkunde aufgesetzt, in der festgehalten wurde, der Stadt Greiz beim Aufbau zu helfen und die Verbindungen zwischen den Bürgern sowie die Einrichtungen beider Städte nach Kräften zu fördern.

Rosenheim hilft Greiz: Wenige erinnern sich

Diese historische Vereinbarung lockerte sich in den letzten 30 Jahren immer mehr, um jetzt scheinbar vollends zu verschwinden. Denn nur noch wenige erinnern sich an die einst festgesetzte Förderung. Einer von ihnen ist Horst Rankl. Der Schauspieler, Schriftsteller und Regisseur war damals Hauptamtsleiter der Stadt Rosenheim und hat in seinem privaten Ordner die verbliebenen Erinnerungen festgehalten: „Wir sind damals mit ganzen Lastwägen rüber gefahren, voll mit allem, was wir in Rosenheim nicht mehr zwingend brauchten. Alte Möbel, Computer, aber auch banale Sachen wie weißes Kopierpapier. Damals ist mir schon aufgefallen, wie marode alles war. Da dachte ich mir schon: Mein Gott sind das arme Hunde, die hier in einer verfallenen Gegend hausen müssen.“

Greiz 1995: Fünf Jahre nach der Rosenheimer Starthilfe.

Bayern hilft Thüringen

Zusammen mit Diethard Schinzel, dem damaligen Stadtdirektor von Rosenheim, sorgte Rankl daraufhin für einen regen Austausch und organisierte diverse Veranstaltungen in der Patenstadt: „Wir haben damals alles Mögliche gemacht. Ich bin mit meinem Theater hingefahren und wir sind im dortigen Bürgerhaus aufgetreten. Es gab gemeinsame Feste, die Bürgermeister waren im engen Kontakt und es gab Programme für Sport, Wirtschaft und Kultur. Das Ganze begann 1990 erst einmal schleppend, aber bis 1998 wurde der Austausch von Jahr zu Jahr intensiver.“

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Nach zehn Jahren bricht der Kontakt ab

Was aber passierte danach? Tatsächlich wohl relativ wenig. Mit der Zeit verblassten die Erinnerungen an den gewählten Paten und die Personen, die damals beteiligt waren, sind heute nicht mehr im Amt. In Greiz ist es Gerd Grüner, Bürgermeister von 2006 bis 2018, der noch an der ein oder anderen Veranstaltung zwischen Oberbayern und dem Vogtland teilnahm. „Wir waren damals in den Anfangsjahren sehr dankbar für die unerwartete Hilfe, die aus Rosenheim kam. Jetzt aber leben wir in anderen Zeiten. Wir sind glücklicherweise gewachsen und können uns unabhängig weiterentwickeln.“Diese Entwicklung ging im Lauf der Zeit immer mehr ohne Rosenheim vonstatten. Das letzte Mal, dass ein Bürgermeister aus Greiz bei der alljährlichen Neujahrsfeier der Rosenheimer teilnahm, ist schon einige Jahre her. Laut der Pressestelle der Stadt Rosenheim wird zwar nach wie vor eine Einladung nach Greiz gesandt, die aber immer häufiger höflich und förmlich abgelehnt wird.

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Ähnlich verhält es sich umgekehrt mit dem alljährlichen Greizer Stadtfest, wie die für die Städtepartnerschaften verantwortliche Corinna Zill berichtet: „Es ist sehr schade, dass der Kontakt zwischen den Städten immer mehr abbricht. Eine kurze Einladung zum Stadtfest ist eindeutig zu wenig. Ich wünsche mir sehr, dass die Kommunikation zwischen unseren Städten wieder aufgenommen wird.“Der derzeitige Greizer Bürgermeister Alexander Schulze konnte dagegen keine Aussage zur bestehenden Patenschaft machen, das dieses Thema nicht mehr in seinen Zuständigkeitsbereich fällt.

Horst Rankl erinnert sich an die Rosenheimer Starthilfe

So bleibt von der „Perle des Vogtlandes“ heute lediglich eine schöne Erinnerung für diejenigen, die damals wie Rankl dabei waren und der Kreisstadt nach der Wende zur Seite standen. „Der schönste Moment, an den ich mich erinnere, war, als wir zum ersten Mal ein Theaterstück in Greiz organisierten. Es kamen so viele Leute in das Bürgerhaus, die dieses Gebäude seit Jahren nicht mehr betreten haben, weil es für sie eng mit der politischen Lage dort verknüpft war. Diesen Leuten ein Stück weit die Angst zu nehmen, war unglaublich bewegend.

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