OVB-SERIE „KULTURMINUTEN“

Vom Römergrab zum Nierentisch: Im städtischen Museum auf den Spuren der Rosenheimer Geschichte

5000 Exponate werden ausgestellt, weitere 20.000 sind eingelagert: Das städtische Museum in Rosenheim gewährt normalerweise tiefe Einblicke in die Geschichte der Stadt. Ein Besuch im Rahmen der OVB-Serie „Kulturminuten“.

von Rebecca Seeberg

Rosenheim – Ein enges Treppenhaus windet sich in halsbrecherischen Kurven hoch hinauf in den dritten Stock des Mittertors – zum Speicherdepot des städtischen Museums. Der Leiter der Einrichtung, Walter Leicht, schiebt einen roten Vorhang beiseite, der, einmal durchschritten, mit schwerem Flappen zufällt.

Den langen Gang, der sich dahinter öffnet, säumen massiv gezimmerte Holzregale, deren Inhalt den Betrachter in eine Art Zwischenwelt entführen.

OVB-Kulturminuten: Eine visuelle Tour durch das Städtische Museum in Rosenheim

Austellung zeigt 5000 Exponate

Hier, unter den spitz zulaufenden Giebeln des alten Stadttors, schlummern viele Artefakte, die die Rosenheimer Stadtgeschichte dokumentieren: 5000 Exponate befinden sich für die Öffentlichkeit zugänglich in den Ausstellungsräumen, im ersten und zweiten Stock des Mittertors. Weitere 20 000 sind eingelagert: die kleineren im „Speicherdepot – Inhouse“, die großen ausgelagert in einer ebenerdigen Halle.

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Leicht nimmt sich Zeit – er lauscht den Geschichten, die ihm die Gegenstände zuflüstern. Der Historiker ist seit dem Jahr 2001 für das städtische Museum zuständig. Zusammen mit seinen drei Kolleginnen führt er, wie auch seine Vorgänger, den Sammlungsauftrag des 1985 gegründeten Museums aus: alle Gegenstände mit Rosenheimer Bezug und historischer Bedeutung aufzunehmen, zu katalogisieren und zu restaurieren.

Die Einrichtung ist „das lebendige Gedächtnis der Stadt“, betont Wolfgang Hauck, Kulturreferent der Stadt Rosenheim, die auch Trägerin des Museums ist. Zusätzlich unterstützt der „Förderverein städtisches Museum“ die Arbeit.

„Skelettbaukasten“ in der Römerausstellung

Ockerfarbene römische Keramik trifft bayerische Steinkunst in Form von Bierkrügen: Im Speicherdepot manifestiert sich der Auftrag des Museums. Über einem Stapel Plastik- und Stofftüten hängt ein Sammelsurium an Kleiderbügeln. Der historische Wert dieses Gebrauchsgegenstandes erschließt sich dem Laien nicht unmittelbar – Historiker Leicht geben die braunen Bügel jedoch einen Einblick in die Rosenheimer Vergangenheit: Jeder einzelne erinnert an ein Rosenheimer Bekleidungsgeschäft, das es heute in dieser Form nicht mehr gibt.

Die Kleiderbügelsammlung erzählt ein Stück der Rosenheimer Wirtschaftsgeschichte.

Museumswürdig, das sind also nicht nur die Säbel des königlich bayerischen Landwehr-Bataillons Rosenheim, oder der goldene Helm des Eishockeyteams Staarbulls, aus jener Saison, in der die Mannschaft den Pokal des Deutschen Eishockey-Bunds gewann. Auch Bierkrüge, Kleiderbügel oder die Kücheneinrichtung aus den 60er Jahren haben einen historischen Wert. Denn auch jene Gegenstände, die heute noch alltäglich sind, wecken Erinnerungen und erzählen ein Stück Stadtgeschichte.

Breite Zeitspanne

Der Slogan des Museums „Vom Römergrab zum Nierentisch“ gibt dazu die Zeitspanne wieder, mit der sich auch dessen Dauerausstellung befasst. Tatsächlich liegt ein echtes Römerskelett im ersten Saal des Gebäudes.

Walter Leicht muss schmunzeln, denn es handelt sich eigentlich um Knochen gleich dreier männlicher Römer. Die menschlichen Überreste, vermutlich von Legionären, entdeckten Forscher Mitte des 20. Jahrhunderts bei Ausgrabungen im Raum Rosenheim. Sie setzten die Teile anschließend zu einem vollständigen Skelett zusammen. Erst vor ein paar Jahren habe man hier den Irrtum erkannt: Eine Anthropologin untersuchte das Skelett genauer und stellte fest.

Die Füße bestehen aus Handknochen

Die Unterschenkelknochen sind unterschiedlich lang, die Füße bestehen aus Handknochen, die einzelnen Wirbel weisen verschiedene Krankheiten auf, die nicht nur von einem Menschen stammen können – „Das ganze Skelett erwies sich als zusammengebastelt“, erzählt der Museumsleiter.

Der Römer bleibt trotzdem in einem Stück. Die Geschichte rund um das „Fake-Skelett“ soll in der neuen Römerausstellung des städtischen Museums eine Rolle spielen. Dessen Umbau soll im Rahmen der geplanten Sanierungsarbeiten am Gebäude stattfinden.

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Mit dem Nierentisch, jenem Standardmöbel aus den 50er-Jahren, endet die Ausstellung. Die fehlenden Jahre ergänzt die jüngste Sonderausstallung, in der Bilder des Rosenheimer Fotografen Stefan Trux zu sehen sind. Auf insgesamt einer Million Negativen hielt er die Stadtgeschichte der vergangenen 40 Jahre fest – „ein Schatz von unbezahlbarem Wert“, betont Historiker Leicht. Sobald sein Museum wieder öffnen darf, ist aufgrund des großen Erfolgs der ersten eine zweite Trux-Ausstellung geplant.

Auf eine zweite Foto-Ausstellung des stadtbekannten Fotografen Stefan Trux können sich die Rosenheimer freuen.

Derzeit alleiniges Reich des Teams

In der Zwischenzeit inventarisieren, katalogisieren und konservieren die Mitarbeiter. „Wir machen jetzt fundamentale Museumsarbeit“, sagt der Direktor. Denn: „Museen, die aufhören zu arbeiten, geben sich selbst auf“, lautet zumindest der aufmunternd gemeinte Spruch auf einem Transparent neben noch zu katalogisierender römischer Keramik.

Nicht mal der Römer hat sich gerührt

Das Gebäude ist während des Lockdowns das alleinige Reich des vierköpfigen Museum-Teams. Oder lauern hier doch noch andere Kreaturen und Kräfte? Was passiert eigentlich nachts im Museum? Von zum Leben erwachten Exponaten berichtet der Museumsleiter nichts, nicht einmal der krumme Römer soll sich gerührt haben.

Rubriklistenbild: © Seeberg

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