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Bei den Trachtlern brodelt es hinter den Kulissen

Rassistischer Witz und Hakenkreuz am Hut: Skandal beim Musikantenhoagascht in Rosenheim

Karl Heinz Fürst versteht die Aufregung nicht.
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Karl Heinz Fürst versteht die Aufregung nicht.
  • VonThomas Stöppler
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Beim Hoagarten des Trachtenvereins Rosenheim I Stamm im Kuko gab es nicht nur Musik: Der Sprecher machte einen antisemitischen und rassistischen Witz, ein Besucher trug ein Hakenkreuz am Hut. Noch Wochen nach der Veranstaltung am 2. April rumort es deshalb heftig hinter den Kulissen.

Rosenheim – Es sollte wohl ein Witz beim Musikantenhoagascht in Rosenheim sein, doch schon beim Nacherzählen schämt man sich für den Erzähler. Ein Schiff wird von einem Hai angegriffen, um diesen abzulenken, schmeißt der Kapitän dem Hai einen Juden und einen „Neger“ ins Maul. Als der Hai dann erlegt und aufgeschnitten wird, sitzen die beiden im Magen und der Jude verkauft dem Schwarzen Orangen. Gelächter, wenn auch verhaltenes.

Einleitung mit Problembewusstsein

OVB-Reporter Rainer W. Janka, der als Musikkritiker den Hoagarten des Trachtenvereins Rosenheim 1 Stamm begleitete, hat den Witz wie jeder andere auch gehört – und sich erschrocken. Janka erzählt, dass der Sprecher, der durch den Abend führte, den Witz damit einführte, dass dieser problematisch sei und man sich wohl darüber aufregen könne.

Aufregung gab es dann auch. Denn der Witz bedient sich abseits der Wortwahl antisemitischer und rassistischer Klischees. Etwas, was Sprecher Karl Heinz Fürst angesichts der Einleitung offensichtlich auch bewusst war. „Wenn man schon weiß, dass es für Unruhe sorgt, dann sollte man den Witz lieber nicht erzählen“, findet Lorna Stephens. Sie war ebenfalls an dem Abend anwesend und hat dem OVB geschrieben. Und nicht nur dem: Auch dem GTEV Rosenheim 1 Stamm, der an diesem Abend zum Hoagarten geladen hatte. Musik, Tanz und schöne Trachten. Und anscheinend fragwürdige Witze.

Geschrieben hat sie auch dem Rosenheimer Kultur- und Kongresszentrum (Kuko) beziehungsweise der Veranstaltungs- und Kongress GmbH (VKR). Der Ort macht den Witz besonders problematisch. Schließlich ist das Kuko kein Vereinsheim, sondern ein städtisches Unternehmen. Susanne Baumgartner, Leiterin des Kukos, zeigte sich schockiert: „Das geht gar nicht, bei uns sind alle Formen von Rassismus und Antisemitismus tabu.“ Allerdings sei das Kuko in diesem Sinne nicht handlungsfähig: „Wir entscheiden nicht, wer bei uns Räume mieten darf“, erklärt Baumgartner. Grundsätzlich bekommen alle eine Möglichkeit, Räume für Veranstaltungen zu mieten, „ob uns das gefällt oder nicht“.

Auch ein Sprecher der Stadt Rosenheim erklärte, man habe keine Handhabe: „Rassismus und Antisemitismus haben natürlich keinen Platz in Rosenheim“, betonte der Sprecher. Der Verein solle nun schnell die Geschehnisse aufklären und entsprechende Konsequenzen ziehen.

Franz Grießl war von dem Witz auch nicht begeistert.

Aber ganz so kurz ist der lange Arm der Stadt dann wohl doch nicht. Franz Grießl, Vorsitzender des Trachtenvereins, hat bereits mit Oberbürgermeister Andreas März gesprochen. Der hat den Vorfall anscheinend zumindest hinter den Kulissen zur Chefsache erklärt und mit den Verantwortlichen um Franz Grießl gesprochen. Glücklich über den Witz war der Vereinsvorsitzende auch nicht: „Der Witz ist heute nicht mehr salonfähig.“ Aber: „Ich kann nicht jeden Wortlaut kontrollieren.“ Karl Heinz Fürst sei als Sprecher kurzfristig eingesprungen und Grießl wusste im Vorfeld nichts über den Witz, wie er auf OVB-Anfrage erklärte. Und auch er fragt sich, warum Karl Heinz Fürst den Witz überhaupt erzählt hat, da ihm ja offenkundig bewusst gewesen sei, dass dieser nicht unproblematisch ist.

Fürst selber kann die Aufregung nicht so recht verstehen: „Der Witz ist 100 Jahre alt“, erzählt er auf OVB-Anfrage. Er habe ihn aus einem Buch von 1929 und ihn schon jüdischen Freunden vorgetragen, die das nicht problematisch gefunden hätten. Dass in dem Witz das antisemitische Klischee des geldgeilen Juden und des animalischen Schwarzen bedient wird, kann er nicht sehen. Der Witz illustriere nur, wie geschäftstüchtig Juden seien und das sei ja keine schlechte Eigenschaft. Aber: „Ich nehme die Beschwerde natürlich zur Kenntnis“, sagt er und will überlegen, ob er sich entschuldigt.

Der Witz ist nicht das Einzige, was Lorna Stephens an dem Abend unangenehm auffällt. Denn da ist noch dieser kleine Hutanstecker. Wirklich sehr klein, und Lorna Stephens gibt zu, dass, wenn sie nicht zwei Stunden hinter dem Hutträger gesessen hätte, hätte sie es nicht gesehen. Ihr Partner hat den Anstecker auch gesehen. Das kleine metallfarbene Hakenkreuz. Der Hutträger sei voll integriert gewesen, sagt sie, ratschte im Anschluss mit den anderen Trachtlern, stand immer mittendrin und nicht am Rand. Ob die anderen den Anstecker gesehen haben? Franz Grießl sagt, er habe ihn nicht gesehen, und hält fest: „Wenn jemand so einen Anstecker hatte, dann gehört der eingesperrt.“ In der Verantwortung sieht er dabei aber den Verein nicht, schließlich sei „nicht jeder in einem Trachtengewand bei uns Mitglied“.

Entschuldigung soll folgen

Für den Witz will sich Grießl noch öffentlich und bei Lorna Stephens entschuldigen – auch in Absprache mit OB März. Bis dahin ist für Stephens allerdings „Volksmusik im Kuko und der GTEV Rosenheim I Stamm erledigt“.

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