OVB-SERIE „CORONA UND ICH“

Virus macht erfinderisch: So bringen Rosenheimer Lehrer den Schulstoff in die Kinderzimmer

Matthias Fürst, Lehrer am Ignaz-Günther-Gymnasium und sein fünfjähriger Sohn Samuel nehmen gemeinsam Erklärvideos für Mathe und Physik auf. privat

Am 17. April enden offiziell die Osterferien. Doch auch dann heißt es, wie Bund und Länder jetzt beschlossen haben, für viele Schüler, den Lärmstoff daheim durchzuwälzen. Mit welchen kreativen Unterrichtsmethoden Rosenheimer Lehrer die Corona-Krise meistern, haben sie in der Serie „Corona und ich“ verraten.

Rosenheim – Selbst gedrehte Erklärvideos, virtuelles Handheben und ein eigener Radiosender: Kreative Unterrichtsmethoden sind Trumpf während der Corona-Krise. Über einige Beispiele wie Unterricht von daheim aus gestaltet werden kann, haben wir bereits berichtet. Ansporn für weitere Lehrer, von ihren Konzepten zu erzählen:

Daniel Striffler (39) Klassenlehrer der i-Pad-Klasse 10V1 an der Mittelschule in Aising: Viel hat sich für Daniel Striffler seit der Corona-Krise nicht verändert. Schon seit knapp fünf Jahren ist er mit seiner Klasse digital unterwegs. Jeder Schüler hat ein eigenes iPad, viele Aufgaben werden online erledigt. „Der persönliche Kontakt fehlt jetzt natürlich“, sagt Striffler. Trotzdem versucht er, das Beste aus der Situation zu machen. Er nimmt Videos auf, erklärt, wie man Gleichungssysteme löst oder Zeitformen bildet. Um das Ganze so real wie möglich zu gestalten, ist er sogar in die Schule gefahren und hat ein Foto von seinem Klassenzimmer gemacht. „Das ist jetzt unser Hintergrund“, sagt er und fügt hinzu: „Damit die Schüler wenigstens ein bisschen Heimatgefühl haben.“

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Über eine Lernplattform können die Schüler Fotos von ihren Hausaufgaben hochladen. Striffler korrigiert dann direkt auf seinem iPad und schickt den Schülern ein Feedback zurück. Entweder schriftlich oder per Sprachnachricht. Aller zwei Tage findet, um 10 Uhr, eine Videokonferenz statt. Die 19 Schüler können Fragen stellen, Probleme besprechen und in der Gruppe diskutieren. „Das funktioniert wirklich gut“, sagt Striffler. Und auch Hausaufgaben erledigen die Schüler ohne Murren. So mussten sie eine Videopräsentation über einen Politiker erstellen und diverse Matheaufgaben laut vorrechnen.

Daniel Striffler freut sich über die rege Teilnahme, sieht die Krise als „Chance, den Unterricht digital zu erweitern“.

Marion Huber-Eck (52), Englisch- und Lateinlehrerin am Ignaz-Günther-Gymnasium:„Ist Euch schon aufgefallen, dass Ihr im Englischen nicht „Ich liebe sie/ihn.“ sagen könnt. Das muss heute dringend geändert werden.“ So oder ähnlich beginnt Marion Huber-Eck ihre Onlinestunden. Lange hat sie überlegt, wie sie die Stunden so gestalten kann, dass alle Schüler selbstständig zuhause arbeiten können – ohne die Hilfe der Eltern. Ihr sei von Anfang an wichtig gewesen, dass Schüler „deren Eltern nicht als Coaches fungieren können“ nicht benachteiligt werden.

Viele Familien haben nur einen PC

Auch müsse bedacht werden, dass viele Familien nur einen Computer zu Hause haben. Die Schüler also nur zu bestimmten Zeiten an den Rechner können, um ihre Hausaufgaben zu erledigen. Daher setzt sich Marion Huber-Eck an ihren Schreibtisch und versprachlicht ihre Stunde. Wort für Wort. Sie schreibt eine Begrüßung auf, gibt Arbeitsanweisungen und Tipps. Am Schluss gibt es Hausaufgaben und eine kurze Verabschiedung. Ab und zu fügt sie Links zu Erklärvideos und kurzen Filmen ein. Die Materialien veröffentlicht sie anschließend auf der Online-Plattform Mebis. „Ich versuche, die Lerneinheiten genauso kleinschrittig und strukturiert darzubieten wie im Unterricht“, sagt sie. Dieses Vorgehen sei vor allem für ihre Sechst- und Siebtklässler wichtig, die gerade erst damit beginnen, eine Fremdsprache zu lernen.

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Wer etwas nicht versteht oder Hilfe bei einer Aufgabenstellung braucht, kann sich bei Marion Huber-Eck melden. Dafür hat sie eine tägliche Telefonsprechstunde eingerichtet. Auch mit den Eltern der Schüler komme sie so immer wieder in Kontakt. „Das Feedback ist durchweg positiv und sehr wertschätzend“, sagt sie.

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Doch damit will sich die Lehrerin nicht zufriedengeben. Sie hat über die Ferien an Online-Fortbildungen teilgenommen, will im Bereich des digitalen Lernens und Unterrichtens „noch mehr dazu lernen“. Und hat schon jetzt etliche Ideen. So will sie in den kommenden Tagen in die Schule fahren, sich in ihr Klassenzimmer stellen und eine Unterrichtsstunde filmen. Ob und wie gut ihre Unterrichtsgestaltung bei den rund 100 Schülern ankommt, kann sie nur vermuten. „Ich weiß nicht, ob es etwas bringt. Ich probiere es einfach aus.“

Matthias Fürst (36), Mathe- und Physiklehrer am Ignaz-Günther-Gymnasium: Wie schwierig die Arbeit im Homeoffice sein kann, musste Matthias Fürst schon nach einigen Tagen feststellen. Während er in seinem Arbeitszimmer versuchte, kleine Lernvideos für seine 200 Schüler aufzunehmen, ertönten aus dem Kinderzimmer nebenan allerlei Geräusche, die auf einem Mathevideo eigentlich nichts zu suchen hatten. „Ich habe am Anfang Stunden damit verbracht, diese Geräusche rauschneiden“, sagt Fürst. Weil ihm diese Arbeit aber zu mühsam war und sein Sohn Samuel „interessant fand, was der Papa so treibt“, wurde der Fünfjährige kurzerhand zum Helfer benannt.

Sohn Samuel wird zum Helfer

Er spricht die Intros, stellt Fragen und lässt sich vom Papa erklären was ein Algorithmus und ein Hypothesentest ist. „Papa, wer soll denn das verstehen. Das ganze Zeug mit Hypothesentest. Kannst du das nicht noch anders erklären“, ruft er beispielsweise bei Matthias Fürst jüngstem Video. Die Stimme gehört dem kleinen Samuel, der mit seinen Auftritten die Herzen der Schüler erobert hat. „Es ist eine Abwechslung, die, glaube ich, gut ankommt“, sagt Matthias Fürst.

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Über eine Videoplattform hält er den Kontakt zu seinen Schülern Nimmt sich vor allem Zeit für di,e Zwölftklässler. „Die haben jetzt den meisten Druck“, sagt er. Einmal wöchentlich bietet er deshalb eine zweistündige Online-Fragestunde an. Die Abiturienten können Fragen stellen, sich Aufgaben vorrechnen und sich Lösungswege erklären lassen. „Es macht mit sehr viel Spaß. Trotzdem freue ich mich natürlich wieder auf ein bisschen Normalität“, sagt er. Einziges Problem: Zu seiner ersten Stunde zurück am Ignaz-Günther-Gymnasium muss er wohl oder übel seinen Sohn Samuel mitbringen. Darum haben schon etliche Schüler gebeten.

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