Vertrauen von Anfang an

Büchertisch mit Autor (von links): Sylvia Weber von der Buchhandlung Bensegger, Autor Dr. Stephan Valentin und Bettina Sölch von der Stadtbibliothek.  : Seberath.
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Büchertisch mit Autor (von links): Sylvia Weber von der Buchhandlung Bensegger, Autor Dr. Stephan Valentin und Bettina Sölch von der Stadtbibliothek. : Seberath.

Rosenheim „Ich rate Eltern immer, sich frühzeitig wieder eigene Freiräume zu schaffen“, so Valentin.

Stephan Valentin in seinem Vortrag „Freie Eltern, freie Kinder“ in der Stadtbibliothek. In dieser Kooperationsveranstaltung von Stadtbibliothek, katholischem Bildungswerk und KoKi, dem „Netzwerk Frühe Kindheit“ der Stadt Rosenheim, erläuterte der promovierte Psychologe, wie das Zusammenleben in Familien klappen kann, ohne sich selbst aufzugeben und wie die Entwicklung des Kindes zur Selbstständigkeit gefördert wird.

Um langfristig zufrieden sein zu können, dürfe man nicht immer zurückstecken. Das fördere Depressionen und Burnout. Selbst Babys von vier, fünf Monaten könnten mal in Obhut zurückgelassen werden, damit Eltern alleine und ungestört ausgehen können. Außerdem lerne so schon das Kleinkind, dass die Eltern Vertrauen in es haben, dass es etwas alleine schafft.

„Viele Kinder und Jugendliche sind heute überbehütet“, so Valentin weiter. Der gebürtige Heidelberger studierte in Paris Schauspiel und anschließend Psychologie. Er arbeitete in Krankenhäusern in Elendsvierteln von Südafrika und Indien. Dabei lernte er unterschiedliche Kulturen kennen und den Einfluss, den die Landeskultur auf die Menschen ausübt.

In Deutschland und anderen europäischen Industriestaaten herrsche derzeit eine „Förderhysteriewelle“, hat Valentin festgestellt: „Strampelanzüge mit Aufdruck Abi 2030 sprechen für sich“, sagte Valentin, der aus Erfahrung weiß: „Heute ist es für Eltern erst beruhigend, wenn das Kind sich nicht durchschnittlich, sondern überdurchschnittlich entwickelt.“ Dieses Wunschbild wird von der Gesellschaft suggeriert.

So werde von Anfang an Druck aufgebaut – Druck für die Eltern, die nur das Beste für ihr Kind und nicht aus der Rolle fallen wollen, und Druck für das Kind, das die Eltern nicht enttäuschen will. Ein Tipp des Experten: „Zeigen Sie Ihrem Kind immer, dass Sie es lieben, dass Sie Vertrauen in das Kind haben.“ Der Satz „Du kannst so gut sein oder so schlecht sein, wie Du willst, ich liebe dich so, wie Du bist“, solle von den Eltern auch ausgesprochen, der Inhalt nicht als selbstverständlich betrachtet werden.

Völlig unabhängig von dem Druck aus der Gesellschaft sollen Kinder die Möglichkeit bekommen, sich frei zu entwickeln, eigene Hobbys, Vorlieben, Talente entdecken dürfen. Doch das sei gar nicht so einfach, wenn alle ihre Kinder zum Babyschwimmen, Flötenkurs oder Ballett schicken. „Was Kinder wirklich brauchen, sind Freiräume und die Zeit zum Spielen“, betonte der Referent.

Um Sozialkompetenz zu erlernen, brauche es von den Eltern klare Regeln und Grenzen, so der Psychologe: „Ein ,Nein‘ ist wichtig für die Entwicklung. Auch Jugendliche brauchen Grenzen, um zu erkennen, wann sie die Grenzen überschritten haben.“

Ebenso wichtig wie das Setzen von Grenzen sei es auch, die Regeln, die für Grenzüberschreitungen aufgestellt wurden, durchzusetzen. Laut Valentin wollen Eltern von Jugendlichen heute lieber Kumpel als Erzieher sein, wichtige und notwendige Regeln würden oft nur lasch gehandhabt.

Letzter Tipp Valentins am Ende eines überaus dialoggeprägten Vortragsabends: „Lernen Sie abzugeben. Leben Sie Ihrem Kind Freiheit vor. Schaffen Sie sich selbst wieder Freiräume, denn nur so können Sie sich selbst weiterentwickeln. Das Kind wächst und lernt, wenn es allein ist.“ csi

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