Rosenheimer Rentner fühlt sich seit Corona ausgeschlossen - Denn so vieles geht nur noch online

Ärgert sich über den Lokschuppen: Dieter Seydel aus Rosenheim hat keinen Computer und kein Internet. Um die Ausstellung „Saurier – Giganten der Meere“ im Lokschuppen zu besuchen, braucht es aber genau das. Denn wie auf diesem Schild vermeldet: Eintritt nur mit Online-Ticket.
+
Ärgert sich über den Lokschuppen: Dieter Seydel aus Rosenheim hat keinen Computer und kein Internet. Um die Ausstellung „Saurier – Giganten der Meere“ im Lokschuppen zu besuchen, braucht es aber genau das. Denn wie auf diesem Schild vermeldet: Eintritt nur mit Online-Ticket.
  • Anna Heise
    vonAnna Heise
    schließen

Arzttermine, Corona-Warn-App oder Karten für den Ausstellungsbesuch: Vieles läuft in Corona-Zeiten nur noch über das Internet. Doch was ist mit denjenigen, die keinen Zugriff haben? Die Geschichte eines 81-jährigen Rosenheimers.

Rosenheim – Dieter Seydel fühlt sich von der Gesellschaft ausgeschlossen. Das sagt er selbst. Der Grund: Vor einigen Tagen wollte er, gemeinsam mit seiner Frau, die Ausstellung „Saurier – Giganten der Meere“ im Rosenheimer Lokschuppen besuchen.Doch der Eintritt ist nur mit einem Online-Ticket möglich. Damit sollen lange Schlangen an der Kasse vermieden werden. An sich eine gute Idee – für diejenigen, die einen Zugang zum Internet haben.

Ein Leben ohne Computer

Dieter Seydel hat keinen. Auch einen Computer besitzt er nicht. „Und ich werde mir auch keinen anschaffen“, sagt er. Er sagt es bestimmt, lässt keinen Spielraum für Diskussionen. Sein Leben lang sei er ohne Computer ausgekommen, habe nicht vor, an diesem Zustand etwas zu ändern. Ärgern tut er sich trotzdem. „Ich fühle mich ausgegrenzt“, sagt er.

Lesen Sie auch: Rosenheim: Josef Kugler bleibt Vorsitzender des Seniorenbeirates

Die Ausstellung konnte er sich bis jetzt nämlich noch nicht anschauen. Und das obwohl der Rentner ein begeisterter Lokschuppen-Besucher ist, schon etliche Ausstellungen gesehen hat. Statt die Situation einfach hinzunehmen, machte er seinem Ärger jetzt Luft und meldete sich bei unserer Zeitung. „Es hat mir einfach gereicht.“

Vorsitzender des Seniorenbeirats hat Verständnis

Verständnis für den Unmut des Rosenheimers hat Josef Kugler (83), Vorsitzender des Seniorenbeirats. „Da geht es einigen so“, sagt er. Auch er habe bis zu seinem Ruhestand nichts mit Computern und Handys am Hut gehabt. Mittlerweile kann er sich ein Leben ohne nicht mehr vorstellen. Doch nicht jeder Senior ist wie Kugler. Viele sehen die Notwendigkeit einer Anschaffung nicht, gerade weil sie ihr gesamtes Leben ohne Computer und Internet gemeistert haben. Dieter Seydel ist so jemand. Aber auch in seinem Bekanntenkreis gebe es etliche, die vor einem ähnlichen Problem stehen.

Ab sofort: Tickets auch per Telefon

„90 Prozent aller Senioren haben keinen Computer“, sagt er und verlangt nach einer Lösung. Eine Lösung, die ihm Dr. Peter Miesbeck, der Leiter des Ausstellungszentrums Lokschuppen, jetzt liefert. So könnten Leute, die keine Möglichkeit haben, online ihre Tickets zu kaufen, sich unter Telefon 08031/3659036 im Lokschuppen melden und ein Ticket reservieren.

Mehr Rücksicht auf Menschen ohne Internet

Freude darüber gibt es bei Dieter Seydel. Er hofft, dass in Zukunft mehr Rücksicht auf Menschen ohne Internet genommen wird. Ein Wunsch, den auch Kugler hat. Er will sich des Themas annehmen, versuchen, eine Lösung zu finden.

PC-Club für Senioren

Wie die aussehen könnte, zeigt Manfred Heyer. Der ehemalige Mathematik- und Physiklehrer bietet – bereits seit sechs Jahren – einen PC-Club für Senioren an. Dieser richtet sich zwar überwiegend an Senioren, die einen Computer haben. Es bestehe aber auch die Möglichkeit, sich einen auszuleihen. „Das Angebot wird sehr gut angenommen“, sagt Heyer.

Erst in Traunstein, jetzt in Prien

Zuerst gab es den PC-Club in Traustein, mittlerweile hat er sich auch in Prien einen Namen gemacht. Heyer bringt den Teilnehmern bei, wie man eine E-Mail schreibt, wie man ein Adressbuch einrichtet und wie man Internetseiten speichert, um sie später wieder aufzurufen. „Ich will gemeinsam mit den Senioren die Faszination der digitalen Welten erkunden“, sagt er. Einmal im Monat bietet er zudem einen Kurs zum Thema Handybenutzung an. Außerdem gibt es die Möglichkeit, dass er die Senioren beim Kauf eines Computers begleitet und sie bei der Auswahl berät.

VHS mit Angeboten für Senioren

Auch die Volkshochschule unterstützt Senioren, bietet den Kurs „Mein Smartphone und ich“ an. Des Weiteren haben Senioren die Möglichkeit ihren eigenen, maßgeschneiderten Kurs zu bekommen. Dieser findet an Freitagen und Samstagen statt, aber auch Termine an Abenden unter der Woche sind möglich.

Besuch steht nichts mehr im Weg

Ob Seydel eines dieser Angebote in Anspruch nimmt, wird sich zeigen. Aber eins steht fest: Seinem Besuch bei den Sauriern im Lokschuppen steht nichts mehr im Weg.

Mehr zum Thema

Kommentare