Verbalgrätschen aus der Biker-Werkstatt beim Rosenheimer Starkbieranstich

Von Panik wegen des Coronaviruswar in der Inntalhalle nicht zu spüren. Die Gäste waren in Scharen gekommen.

Handwerksmesse: abgesagt, Leipziger Buchmesse: abgesagt, Politiker-Derblecken auf dem Nockherberg: voraussichtlich abgesagt – doch wegen so ein bisserl Coronaviren verzichten doch die Rosenheimer nicht auf ihren Starkbier-Anstich! Und so versammelte sich in der Inntalhalle wie jedes Jahr das Großkopferten-Publikum aus Politik und Behörden sowie Geschäftspartnern von Auerbräu, um sich richtig einschenken zu lassen: das süffige Starkbier von Braumeister Thomas Frank und die hinterfotzige Suada von Peter Kirmair.

Rosenheim – Der hatte seine Rede unter das Motto „Highway to hell“ gestellt und widmete sich der Frage, ob es besser wird in der Welt im Allgemeinen und in Rosenheim im Speziellen. Wie das Urteil ausfallen würde, verriet schon der Untertitel: „Dahi geht’s!“, so Kirmairs Übersetzung des AC/DC-Krachers.

Einfahrt auf dem Motorrad

Spektakulär begann Kirmairs Auftritt: Während AC/DC aus den Boxen dröhnte, fuhr er auf dem Sozius eines schweren Motorradrads quer durch die Halle zur Bühne. Mit obligatorischem schwarzen T-Shirt, Sonnenbrille und Kutte – hier eine Trachtenweste mit Auerbräu-Logo auf dem Rücken – betrat er die Bühne, die mit Werkzeug, Ölkanistern und Zapfsäule als Motorrad-Werkstatt ausstaffiert war. Begleitet wurde er von vier Burschen in Lederhosen mit Helm und Sonnernbrillen. Allerdings war das Quartett – in Zeiten des Klimawandels und des Rosenheimer Radentscheids – nicht auf Harleys unterwegs, sondern mit dem Radl da – „Analog-Biker“, wie es Kirmair nannte.

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Beim Blick in die versammelte Runde zeigte Kirmair sich ästhetisch überfordert, nachdem „i seit Wochen eire photogeschopten Gfriesa vo den heißumkämpften Plakatwänd und de Banner owe und aus de Zeitungen und de Fleyer auße oschaugn muaß. Jetzt hockts a no do drunt, in Natur, unretuschiert. Furchtbar. I packs boid nimma.“

Mit der bevorstehenden Kommunalwahl wollte Kirmair sich eigentlich gar nicht beschäftigen: „Ich habe eine sehr ausgeprägte Wahlkampf-Namenserkennung-Blockade. Mia foid zu manche Gsichte ums Varrecka koa Nama mehr ein. Mei, der Körper schützt sich selba, gell.“

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Statt dessen riet er den Noch-Bürgermeistern und -Stadträten, den Termin zu genießen: „Heid seids no olle wichtig. Am Sonndog in acht Dog dann etliche scho fast nimma und ab Mai dann endgültig gar nimma. Und dann Freunde, dann scheißt sich koana mehr wos um eich. (...) Der König ist tot, hoch lebe der König.“

Die Schnelllebigkeit der Politik verleitete Kirmair auch zu nachdenklichen Sätzen: „Ja, des is scho ein Scheißspui de Politik, a de kloane. Schauts moi unsern Landrat o (...) Von oam Dog auf den andern hod sich dem Berthaler Wolfgang sein Leben verändert. Und hod sich noch einer gewissen Zeit jemand no was drum gschissn? Allgemeines Bedauern und dann, ja mei, dann wars des scho. As Tagesgschäft geht weida.“

„Kandidatenschwemme“

Ganz konnte Kirmair das Thema Kommunalwahlkampf aber dann doch nicht umschiffen. Denn angesichts der neun Bewerber für den Posten des Rosenheimer Landrats und sieben Kandidaten für den Chefsessel im Rosenheimer Rathaus hatte Kirmair eine „Kandidatenschwemme“ ausgemacht. „Aba wenn ma sich dann de ganzn Listen so oschaut. De Leid de do drauf san. Do host scho diam des Gfui, dass do der Begriff Füllmaterial eine neue Bedeutung kriagt.“

Warnung an die OB-Kandidaten

Für die Rosenheimer Aspiranten hatte Kirmair noch eine Warunung parat: „Aba nomoi, OB-Kandidaten, sogts amoi, kennts ihr olle den Herrn Bugl ned? Habts eich ihr vorher ned richtig informiert? So a sechzgjahriger Berufsintregant, sorry, Berufspolitiker wuit i sogn, ist immer mit äußerster Vorsicht zu betrachten. Und der is scho gwählt, den müaßts dann mit übernemma. Erblast hoaßt ma des.“ Um seine Heimatstadt war Kirmair angesichts der bevorstehenden Wahl in Sorge: „Ich bin mir übrigens a ned sicher, ob Rosenheim oder Deutschland scho reif für eine männliche Führung is.“

Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer bekam zum Abschied von Kirmair eine Medaille überreicht – „für 18-jähriges tapferes Aushoitn drunt am Biertisch“. Auch für etliche andere Bürgermeister, die nicht mehr antreten, hatte Kirmair einen Spruch parat. Wie alle Jahre kam auch CSU-Abgeordneter Klaus Stöttner nicht aus: „Da Markus hat Größeres mit Eahna vor – ja, ois Bundesverkehrsminister warn Sie die Idealbesetzung, dann nach den anderen Pfeifen.“

„Kante müaßn mia olle zogn“

Kirmair zogen einen großen thematischen Bogen – von der Klimahysterie zu den Brenner-Trassen, vom Brexit zur Blockabfertigung, vom Sommerstival zu den Dünge-Regeln. An einer Stelle wurde er unerwaret ernst: „Do fahrt oana mit dem Auto in a Menschenmenge nei, do rennan Wahnsinnige mit legetimierten Schusswaffen rum und daschiaßn harmlose Mitbürger. Und natürlich, meistens sans psychisch krank, de Täter. Und völlig überraschend oft aus dem rechtsextremistischen Lager (...) Traurig, aber san ma ehrlich, es is doch so: Kante müaßn mia olle zogn gega de, de uns ogreiffan.“

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