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Was es mit dem Werk „Vater Inn“ in der Hafnerstraße in Rosenheim auf sich hat

Seit 1995 schaut „Vater Inn“ von Georg Albertshofer nicht mehr über den Max-Josefs-Platz, sondern in die Hafnerstraße.
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Seit 1995 schaut „Vater Inn“ von Georg Albertshofer nicht mehr über den Max-Josefs-Platz, sondern in die Hafnerstraße.

Der Künstler Georg Albertshofer hat auch in Rosenheim seine Spuren hinterlassen. Eine Geschichte über sein Terrakotta-Relief und warum das Werk in der Hafnerstraße wenig Sinn macht.

Rosenheim – Auf seinen mächtigen, weit ausgespannten Armen trägt „Vater Inn“ einen Schiffszug, wie er bis ins 19. Jahrhundert auf dem Inn unterwegs war. Drei Pferde, die ein Reitbub lenkt, ziehen an einem armdicken Seil, dem Buesen, eine der mächtigen Plätten innaufwärts. Georg Albertshofer, der die Terrakotta-Plastik gestaltet hat, lässt die Personifizierung des Flusses in barocker Tradition aus einer Volute hervorgehen.

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Die muskulöse Gestalt und der windzerzauste Bart der Halbfigur zeugen von der Kraft und Wildheit des Gebirgsflusses, der über fast zwei Jahrtausende die Lebensader der ganzen Region war.

Auch den Fischbrunnen am Ludwigsplatz entworfen

Georg Albertshofer war in Rosenheim kein Unbekannter. Durch seine Freundschaft mit dem Architekten German Bestelmeyer und dem Rosenheimer Stadtbaurat Ferdinand Schlögl ergaben sich für den Münchner Bildhauer auch immer wieder lokale Aufträge. Im gleichen Jahr 1927, in dem der Künstler den „Vater Inn“ modellierte, entwarf er auch den humorvollen Fischbrunnen am Ludwigsplatz.

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Durch sein Studium an der Münchner Kunstakademie bei Wilhelm von Rümann, dessen bekanntestes Werk die Löwen an der Münchner Feldherrnhalle sind, und der Arbeit im Atelier von Ferdinand von Miller, dem Schöpfer der monumentalen „Bavaria“ auf der Theresienwiese, war Albertshofer vertraut mit der Gestaltung von Kunst im öffentlichen Raum. So zeigt auch „Vater Inn“ in seinem neobarocken Naturalismus eine starke Präsenz.

Werk hing ursprünglich am Max-Josefs-Platz

Das Terrakotta-Relief und seine Dreiecksform ergeben am heutigen Platz, einer schlichten Fassade in der Hafnerstraße, wenig Sinn. Das sah am ursprünglichen Ort ganz anders aus. Albertshofer hatte „Vater Inn“ für den Vorgängerbau konzipiert, den die Bayerische Vereinsbank bis 1927 errichtet hatte.

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Hier war das kräftige Relief an der Fassade zum Max-Josefs-Platz hin angebracht und fügte sich mit seiner Dreiecksform ganz wunderbar in den Zwickel zwischen die beiden mächtigen Arkadenbögen. An dieser prominenten Stelle konnte der Flussgott seinen Blick über den weiten Marktplatz schweifen lassen. Mit dem Neubau 1994/95 musste „Vater Inn“ dem neuen Firmennamenszug weichen und umziehen. Seither schaut er die Hafnerstraße stadtauswärts zum OVB.

Schwaiger betrieb Eisenhandel

Diese Arkaden mit ihren Laubengängen prägen als Kennzeichen des Inn-Salzach-Stiles die Marktplätze und Altstädte von Südtirol bis an die Donau. So auch in Rosenheim, und tatsächlich standen hier an der Ecke zur Hafnerstraße schon einige Vorgängerbauten in dieser Bauweise.

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Abraham Schwaiger ist der erste namentlich bekannte aus der langen Reihe der Hausbesitzer. Von 1627 bis 1658 wohnte er in dem damals noch deutlich kleineren Haus, dessen rückwärtiger Teil zur Hafnergasse noch nicht bebaut war und Platz bot für einen kleinen Garten und einen Stadel, und betrieb, wie die nachfolgenden Besitzer, einen Eisenhandel.

Ein Haus mit Geschichte

1806 verkaufte schließlich der letzte hier wohnende Eisenhändler und Bürgermeister Bernhard Quirin Plest das „Eisenhändler-Haus“ an den bayerischen Staat, der es nach einem kräftigen Umbau als Wohn- und Amtshaus des Landrichters nutzte. Franz Joseph von Kloeckel (1773 bis 1833), der 1815 seine bekannte Beschreibung von Rosenheim veröffentlichte, war der erste, der hier residierenden Landrichter.

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Nach dem Umzug der Landrichter 1874 ins neue Amtsgerichtsgebäude in der Bismarckstraße kaufte der Druckereibesitzer Michael Niedermayr das Haus; 1911 erwarb es die Handelsbank und 1921 die Bayerische Vereinsbank, die es durch den 1927 fertig gestellten Neubau ersetzte.

Peek & Cloppenburg setzt sich für Restaurierung ein

Anfang der 1990er Jahre kaufte schließlich die Textilhandelskette Peek & Cloppenburg das frühere Bankgebäude und riss es 1994 für einen Neubau ab, der sich gut in das Platzensemble einfügt. Dankenswerterweise blieb „Vater Inn“ erhalten, auch wenn er umziehen musste. Erfreulich auch, dass die Firma Peek & Cloppenburg das empfindliche Terrakotta-Relief 2010 durch den Steinrestaurator Clemens Muth restaurieren ließ. Ein kräftiges Netz schützt Albertshofers Werk, das nicht unter Denkmalschutz steht, vor dem zerstörerisch wirkenden Taubenkot.

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