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Zu Besuch im Atelier

Upcycling mal anders: Rosenheimerin stellt Schmuck aus jahrtausendealtem Holz her

Haben sich der Kreativität verschrieben: Sigi Hartmann-Thäle und ihr Mann Hanns aus Rosenheim
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Haben sich der Kreativität verschrieben: Sigi Hartmann-Thäle und ihr Mann Hanns aus Rosenheim
  • Anna Heise
    VonAnna Heise
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Gefärbte Knochen, Mooreiche oder altes Zahngold: Sigi Hartmann-Thäle hat für alles eine Verwendung. Die Rosenheimerin stellt seit vier Jahren Naturschmuck aus den unterschiedlichsten Materialien her. Ihr Atelier teilt sie sich mit ihrem Mann Hanns Thäle – einem Künstler und Architekt. Über zwei Menschen, die sich der Kreativität verschrieben haben.

Rosenheim  – Mitten auf dem Max-Josefs-Platz, im ersten Stock des Wirtshauses „Zum Santa“ haben Sigi Hartmann-Thäle und ihr Mann Hanns ihr Reich. Über eine Treppe gelangt man in das Atelier. Gleich am Eingang fallen mehrere Porträts ins Auge. Da wäre ein Gemälde von Altoberbürgermeisterin Gabriele Bauer oder von Barack Obama, der dem Betrachter zuprostet und dem Papst, vor dem eine Bierflasche steht.

„Ich wollte damit zeigen, dass der Papst auch nur ein Mensch ist“, sagt Hanns Thäle. Er grinst, lässt das Gesagte auf seinen Gegenüber wirken. Dann zieht er weiter zum nächsten Bild. Mehr als 100 Bilder hat der gebürtige Rosenheimer in den vergangenen Jahren gemalt. „Alles, was mich bewegt, bringe ich auf die Leinwand“, sagt er. Einige seiner Bilder zeigt er auf Ausstellungen, andere hat bis auf seine Frau noch niemand gesehen.

28 Jahre lang als Zahntechnikerin gearbeitet

Sigi Hartmann-Thäle steht nur wenige Meter entfernt. Sie ist eine kleine Frau, mit einer buntgemusterten Brille und einer lauten Stimme. 28 Jahre lang arbeitete sie als Zahntechnikerin, anschließend war sie im Holztechnischen Museum tätig. „Anfangs habe ich mich um die Verwaltung gekümmert, aber das war mir zu stupide“, sagt sie. Also bringt sie sich in die jeweiligen Ausstellungen mit ein und verarbeitet 2011 zum ersten Mal Schmuck aus dem Stamm einer 8000 Jahre alten Mooreiche.

Bei den Mooreichen handelt es sich um Bäume, die vor 600 bis 9000 Jahren gewachsen sind, durch Naturereignisse gefällt worden und über Jahrhunderte unter völligem Luftabschluss in Mooren lagerten. „Die Mooreichenstücke sind schwer zu verarbeiten“, sagt Hartmann-Thäle.

Ein Werk von Hanns Thäle zeigt Barack Obama.

Sie erzählt von dem harten Holz, das beim Drechseln Funken schlägt und den besonderen Strukturen des Holzes, die sie so faszinieren. „Lange Zeit hatte Mooreiche für mich keine Bedeutung“, sagt sie. Dann habe Rudl Endriß, ein Künstler aus der Region, ihr einen Teil des zwölf Meter langen Stammes überlassen, den Bauarbeiter beim Aushub in der Samerstraße gefunden hätten.

Geräte aus der Zahntechnik

Die einzelnen Stücke lagert Sigi Hartmann-Thäle in einer gelben Box in ihrem Atelier. Direkt neben dem Schreibtisch, auf dem zahlreiche Maschinen und Werkzeuge stehen, die sie schon während ihres Berufs als Zahntechnikerin verwendet hat. „Früher habe ich damit Zähne repariert, jetzt helfen mir die Geräte bei der Herstellung von Schmuck“, sagt die Künstlerin. Sie öffnet die Vitrinen mit den fertigen Ketten, Ohrringen und Armbändern. An manchen hat sie vier Tage gearbeitet, an anderen eine Woche. Feste Arbeitszeiten hat sie nicht. „Sonst klappt es nicht mit dem Kreativsein“, sagt sie.

Mit der Eisensäge beschnitten

Sie zeigt auf die Geräte und erklärt, wie aus einem 8000 Jahre alten Baumstamm, eine Kette mit einem Mammutanhänger entsteht. Direkt am Anfang male sie auf das Stück Mooreiche die Umrisse, die sie anschließend mit einer Eisensäge ausschneidet. Dann macht sich die Rosenheimerin an die Feinheiten.

„Das ist sehr schwer. Aufgrund der zahlreichen Jahresringe kommt es immer wieder vor, dass das Stück bricht“, sagt Hartmann-Thäle. Zum Schluss muss das Mammut dekoriert werden. Die Stoßzähne stellt sie aus einer 94 Jahre alten Klaviertaste her, für die Augen verwendet sie zwei Diamanten aus dem Familienschmuck. „Die hätte sonst niemand mehr getragen“, sagt sie.

Mithilfe ihrer Zahntechniker-Geräte stellt Sigi Hartmann-Thäle jetzt Schmuck her.

Generell sei es ihr wichtig, Dinge, die man sonst wegschmeißen würde, wieder „neues Leben einzuhauen“. Also verwendet sie neben dem Familienschmuck auch Muscheln, Äste, Zahngold, den Stimmring einer alten Oboe, Teile einer Pfeffermühle oder die Knöpfe einer alten Trachtenjacke. „Strukturen und Formen von Materialien inspirieren mich jeden Tag aufs Neue“, sagt Hartmann-Thäle.

Der Wunsch nach einer eigenen Ausstellung

Jetzt träumt sie davon, ihren Schmuck unter die Leute zu bringen. Sei es während eines „Tag des offenen Ateliers“ oder einer Ausstellung, die sie gemeinsam mit ihrem Mann Hanns auf die Beine stellen will.

Ein Stück Mooreiche vor der Verarbeitung.

„Corona hat uns schwer zu schaffen gemacht“, sagt er. Beide seien frustriert gewesen, weil sämtliche Möglichkeiten, ihre Kunst publik zu machen, abgesagt wurden. Ihre Kreativität habe das nicht beeinflusst. Nur verändert. So hat Hanns Thäle jetzt eben statt Barack Obama, Ministerpräsident Markus Söder gemalt, wie er während eines Interviews, die Corona-Politik erklärte. Auch dieses Porträt soll irgendwann gezeigt werden. Gemeinsam mit dem fast 8000 Jahre alten Schmuck seiner Frau.