Per Podcast zum Klassenziel: Rosenheimer Lehrer machen Unterricht in Zeiten von Corona

Guten Morgen aus der Quarantäne: Florian Weilnhammer nimmt in seinem Arbeitszimmer Videos für die Schülerinnen der städtischen Mädchenrealschule in Rosenheim auf. privat
+
Guten Morgen aus der Quarantäne: Florian Weilnhammer nimmt in seinem Arbeitszimmer Videos für die Schülerinnen der städtischen Mädchenrealschule in Rosenheim auf.
  • Anna Heise
    vonAnna Heise
    schließen

Selbst gedrehte Videos, Hausaufgaben per Mail und Vokabelabfrage übers Telefon: Lehrer in Rosenheim werden bei der Unterrichtsgestaltung in Zeiten von Corona kreativ. Warum die Krise auch eine Chance ist.

Rosenheim – „Willkommen zurück auf Radio Corona. Vielen Dank fürs Einschalten“ tönt es aus den Lautsprechern. Die Stimme ist angenehm, nicht zu laut und nicht zu leise. Musik wird eingespielt. Ein bisschen Schlagzeug, ein bisschen Gitarre. Dann gibt die Stimme eine kurze Übersicht über die Themen des Tages. Zeitformen stehen auf dem Plan. Übungen zu Schottland, am Ende soll es eine „große Überraschung“ geben. Bevor die ersten Vokabeln abgefragt werden, gibt es eine kurze Zusammenfassung, welche Materialien gebraucht werden. Englischbuch, Arbeitsheft und Schreibzeug. Es folgt die erste Arbeitsanweisung. Datum aufschreiben, dann sollen die Zuhörer die Stammform von „fliegen“ aufschreiben. Auf Englisch versteht sich. Nach einer kurzen Pause gibt es die nächste Anweisung.

Um 7.30 Uhr kommt der erste Podcast

Die Stimme aus dem Radio gehört Markus Maier (48), Lehrer an der städtischen Realschule für Mädchen in Rosenheim. Seit 23 Jahren unterrichtet er Englisch und Deutsch. Eine Situation wie die der Corona-Krise, hat auch er noch nicht erlebt. „Es ist eine Herausforderung, aber eine positive“, sagt er.

Markus Maier hat „Radio Corona“ ins Leben gerufen.

Seit Mitte März sind die Schulen in Rosenheim zum Schutz vor der Ausbreitung des Coronavirus geschlossen – vorerst bis zum Ende der Osterferien am 19. April. Eine einheitliche Lösung, wie der Lernstoff während Zwangspause vermittelt wird, gibt es nach Aussage von Maier nicht. Und so ist es an den Lehrer, das Beste aus der Situation zu machen. Einige schicken Arbeitsanweisungen per Mail, andere haben Lernpakete vorbereitet. Und dann gibt es Lehrer wie Markus Maier, der kurzerhand einen Radiosender ins Leben gerufen und ihn „Radio Corona“ genannt hat.

Podcast von Markus Maier für seine Schülerinnen

Wenn man Maier fragt, warum er sich ausgerechnet für diese Variante entschieden hat, dann lacht er. Erzählt, dass er selbst einmal Schulradio gemacht hat, sich außerdem für Musik interessiert. Das Mikrofon hatte er schon zuhause, die Erfahrung auch. „Ich habe einfach nach einer Möglichkeit gesucht, die Schülerinnen persönlich zu erreichen“, sagt er. Mit „Radio Corona“ sei das gelungen. Um 7.30 Uhr bekommt jeder seiner 150 Schülerinnen eine Podcast-Folge. „Ich mache ganz normal im Lehrplan weiter.“

Lesen Sie auch: Corona: Merkel über Ende der Maßnahmen ++ Rosenheim rechnet mit Einbruch der Gewerbesteuer

Er gibt Hausaufgaben auf, verweist auf Youtube-Videos und liest für seine Achtklässlerinnen aus einem Buch vor. Es gibt Textanalysen und verschiedene Arbeitsanweisungen.

Am Tag produziert er zwischen vier und fünf Folgen

Jede Podcast-Folge ist anders, in jeder gibt es Neues zu entdecken. Am Tag produziert er zwischen vier und fünf Folgen. Er muss sich ein Konzept überlegen, die Sendung aufzeichnen und zusammenschneiden. Weil es keine direkte Rückmeldung gibt, muss Maier antizipieren, welche Schwierigkeiten seine Schülerinnen haben könnten. Um eine Folge zu produzieren, braucht er daher fast anderthalb Stunden. Ein Zeitaufwand, den er gerne auf sich nimmt – und den auch seine Schülerinnen zu schätzen wissen.

Lesen Sie auch: Hilfe in der Coronakrise: Liste der Dienste in der Region Rosenheim, Mühldorf und Chiemgau

„Es macht jetzt viel mehr Spaß Englisch zu lernen“, sagt Chiara Giardina. Sie ist zwölf Jahre alt, besucht die sechste Klasse. Auch ihre Mutter Giulia lobt die „professionellen Aufnahmen“, nutzt die Möglichkeit, um „ihr Englisch aufzufrischen“.

Lehrstoff aus dem Arbeitszimmer

Maier freut das. Auch weil er das „negative Image der Lehrer“ aufbessern will. „Die Schließung bedeutet nicht, dass wir Zusatzferien haben“, sagt er. Er sei auch weiterhin ausreichend beschäftigt – mit dem Unterschied das er jetzt aus seinem Arbeitszimmer unterrichte und nicht im Klassenzimmer steht.

+++

Tipp der Redaktion: Kennen Sie schon unseren kostenlosen Feierabend-Newsletter? Die Top-Themen der Region um 17 Uhr per E-Mail – sauber ausrecherchiert und aufgeschrieben von Ihrer OVB-Redaktion. Jetzt Newsletter ausprobieren!

+++

Ebenfalls viel Zeit in seinem Arbeitszimmer verbringt Florian Weilnhammer. Der 32-Jährige unterrichtet Englisch und Geschichte. Auch sein Ziel ist es von Anfang an gewesen „den Unterricht so weit wie möglich weiterlaufen zu lassen“ und gleichzeitig eine „unterrichtsähnliche Situation“ herzustellen. Also nimmt er Youtube-Videos auf. Manche sind reine Erklärvideos, in anderen wiederholt er Grammatikregeln und korrigiert – gemeinsam mit den Schülerinnen – Arbeitsblätter.

Arbeitsplan am Anfang der Woche

Am Anfang der Woche bekommt jeder seiner 200 Schüler einen Arbeitsplan. „Die Schüler können sich das Pensum selber einteilen“, sagt er. Wichtig sei, dass alle Aufgaben am Ende der Woche erfüllt sind. Um das zu überprüfen, müssen ihm die Schülerinnen Fotos von ihren Arbeitsblättern schicken.

Videos helfen beim Ausfüllen von Arbeitsblättern

Beim Ausfüllen der Arbeitsblätter helfen die Videos. Und davon gibt es eine ganze Menge. Er wechselt zwischen Deutsch und Englisch. Er scherzt, gibt aufmunternde Sprüche, erkundigt sich nach dem Wohlbefinden der Schülerinnen. Einige seiner Videos beginnen mit den Worten „Hallo und guten Morgen aus der Quarantäne.“ Im Hintergrund sieht man seine E-Gitarren, einen Globus und verschiedene Fotografien.

Lesen Sie auch: Kampf gegen Corona: So nähen Sie einen Gesichtsmaske selbst – Anleitung mit Video

In seinem jüngsten Video geht es umBildbeschreibungen in Englisch. In die Kommentare können die Schülerinnen Fragen posten, die er in einer seiner nächsten Aufnahmen beantwortet. „So gibt es wenigstens ein bisschen Interaktion.“

Eine Chance in der Krise

Auch für ihn ist die Situation neu. Wirklich Erfahrung mit dem Produzieren von Videos hatte er bis dahin nicht. Für sein erstes Video brauchte er deshalb fast sieben Stunden. „Das Schneiden hat wahnsinnig lang gedauert“, sagt er. Nach und nach kommt er mit dem Programm besser zurecht. „Ich hatte ja auch keine andere Wahl“, sagt er.

Individueller Kontakt fehlt

Auch wenn er das Beste aus der Krise macht, weiß er doch, dass Videos und Podcast-Folgen den Unterricht im Klassenzimmer nicht ersetzen können. „Der individuelle Kontakt fehlt einfach“, sagt auch Markus Maier. Trotzdem sei die Krise eine Chance. „Wir sind gezwungen uns mit der Technik auseinanderzusetzen. Das ist spannend“, sagt Weilnhammer. Und so wird es vielleicht auch nach Corona Podcast-Folgen und Videobotschaften geben.

Mehr zum Thema

Kommentare