Das ungewöhnliche Jobinterview: Pro Arbeit Rosenheim ist auch in der Corona-Krise aktiv

Vorstellungsgespräch mal anders:Der Geschäftsführer der Firma „Propeller Hoffmann“, Guido Wolf, im Gespräch mit Frank Schneider. re

Aufgrund der Corona-Krise haben viele Unternehmen ihre Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt und arbeiten oft selbst von daheim aus. Und so kommt es, dass auch Vorstellungsgespräche nur übers Telefon oder per Video stattfinden können. Der Verein „Pro Arbeit“ hat sich für eine dritte Variante entschieden: Vorstellungsgespräche auf der Straße.

Rosenheim – In Nicht-Corona-Zeiten würden sich die zwei mit prüfendem Blick gegenübersitzen: Auf der einen Seite der Chef, der einen Auszubildenden sucht, auf der anderen Seite ein etwas nervöser junger Bewerber.

Probearbeit nach der Corona-Krise

Normal ist aber nichts in Zeiten von Corona. Deshalb standen sich jetzt in der Rosenheimer Küpferlingstraße Chef und Bewerber gegenüber, in gebührendem Abstand vor dem Propellerwerk Hoffmann. Ins Gebäude selbst dürfen nur die Mitarbeiter. Zu denen wird Frank Schneider (Name geändert) möglicherweise bald gehören. Der Chef hat „Ja“ gesagt. Frank darf zur Probearbeit kommen, wenn die Corona-Krise vorüber ist.

Voß hat das Vorstellungsgespräch arrangiert

Corinna Voß hat das ungewöhnliche Vorstellungsgespräch mit Guido Wolf, denm Geschäftsführer von Propeller Hoffmann, arrangiert. Voß ist beim Rosenheimer Verein „Pro Arbeit“ unter anderem für das Vermittlungscoaching zuständig. „Die Schulen sind geschlossen, umso wichtiger ist es, dass bei ,Pro Arbeit‘ Ansprechpartner erreichbar sind. Die Welt steht ja nicht still“, sagt Claudia Georgii, die Geschäftsführerin des Vereins. 50 Jugendsozialarbeiter und acht Deutschlehrer kümmern sich bei „Pro Arbeit“ um die Schüler, die individuelle Unterstützung brauchen.

Jugendsozialarbeiter wenn Schüler nicht voran kommen

Dass Schüler auf sie persönlich zugeschnitte Hilfe nötig haben, habe viele Gründe, sagt Claudia Georgii. Wer schlecht Deutsch spreche, könne oft auch nicht dem Unterricht folgen und schreibe in der Folge schlechte Noten. Manche schafften durchaus einen Schulabschluss, wüssten dann aber nicht weiter, weil der familiäre Rückhalt fehle. Bei anderen wiederum falle der Groschen einfach ziemlich spät: Lernen, soziales Verhalten, Bock haben auf Leistung, warum überhaupt?

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Lehrer wendeten sich an die Jugendsozialarbeiter, wenn sie sehen, dass Schüler nicht vorankommen. Diese wiederum würden dann Kontakt zu den Familien aufnehmen, vermittelten die auch beim Verein angesiedelten ehrenamtlichen Quali-Paten, machten Praktikums- und Ausbildungsplätze ausfindig.

Kleine Besetzung hält die Stellung

Im Büro des an der Landwehrstraße in Rosenheim ist es derzeit ruhiger als sonst. Nur eine kleine Besetzung hält die Stellung. Eine Blitzumfrage unter den Fachkräften im Homeoffice zeige aber, dass diese die Zeit durchaus nutzen, meldet der Verein. „Obwohl es nicht einfach ist, eine Ausbildungsstelle zu bekommen, kann ich doch kleine Erfolge verzeichnen“, schreibt eine Befragte.

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So hat ein Schüler im Rahmen seines Praktikums eine Ausbildung im Wasserburger Restaurant „Herrenhaus“ in Aussicht, als Restaurantkaufmann oder Koch. Ein anderer, mit Schulabschluss, erhält die Chance, bei der Firma Meggle in Wasserburg den Beruf des Milchtechnologen zu erlernen. Wieder andere befinden sich aber in der Warteschleife, ausgebremst von Corona. So können endgültige Abmachungen wegen einer Ausbildung erst getroffen werden, wenn die Schule wieder begonnen hat.

Vorstellungsgespräche auch als Telefoninterview

Vorstellungsgespräche fanden aber nicht nur auf der Straße statt, sondern auch per Telefoninterview, eine spannende Erfahrung für die Kandidaten. Zufrieden notiert der Jugendsozialarbeiter in einem Fall: „Nach einer guten Performance bekam der selbstbewusste Schüler eine gute Rückmeldung, seine Chance auf eine Ausbildung bei der Bank stehen gut.“

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Ein anderer hat inzwischen sogar die Qual der Wahl. Nach der Zusage für eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker könnte er nach einem erfolgreich absolvierten Probetag auf einer Baustelle nun auch Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik werden.

Positive Erfahrungen trotz Pandemie

Und manchmal müssen erst Zeiten wie diese anbrechen, damit etwas klappt, was vorher unmöglich schien. Eine Jugendsozialarbeiterin berichtet, sie habe erstmals die Chance gehabt, mit der Mutter eines Grundschulkindes Kontakt aufzunehmen: „Ich habe sie nie erreicht, weil sie beruflich so eingespannt war. Jetzt arbeitet sie im Homeoffice und konnte sich endlich Zeit nehmen, sich mit der Problematik ihres Sohnes auseinanderzusetzen.“

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