Unfallopfer Anja Arnold aus Rosenheim will trotz Krücken wandern – und gründet dazu eine Gruppe

Will anderen Menschen Mut machen: Anja Arnold hat eine Selbsthilfegruppe gegründet und lädt Menschen mit einer Beeinträchtigung zum Wandern ein. privat/Reisner (2)
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Will anderen Menschen Mut machen: Anja Arnold hat eine Selbsthilfegruppe gegründet und lädt Menschen mit einer Beeinträchtigung zum Wandern ein. privat/Reisner (2)
  • Anna Heise
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An den Tag, der ihr Leben verändert hat, kann sich Anja Arnold nicht mehr erinnern. Drei Jahre ist es her, dass sie bei einem Verkehrsunfall beinahe gestorben wäre. Jetzt hat sie die Selbsthilfegruppe „Trotzdem Gehen – Heilsames Wandern“ gegründet. Die Geschichte einer Frau, die sich von nichts aufhalten lässt.

Rosenheim – Wenn Anja Arnold von ihren Wanderungen erzählt, dann beginnt sie zu schwärmen. Sie erzählt von der Natur, von dem Gefühl der Freiheit, wenn sie auf dem Gipfel steht und nach unten schaut. „Ich bin damals viel in die Berge gegangen“, sagt sie. Mit damals meint sie die Zeit vor dem 29. November 2017. Ihre Stimme ist leise. Sie sitzt in einem Café, isst ein Eis. Neben ihr auf dem Boden liegt eine Krücke, über ihren linken Arm ziehen sich drei große Narben. Sie sind eine Erinnerung an den Tag, an dem ein 40 Tonnen schwerer Lkw frontal in ihren weißen Toyota krachte.

Keine Erinnerung an den Unfall

„Ich kann mich an den Unfall nicht erinnern“, sagt sie. Aus Gesprächen mit der Polizei und Ärzten weiß sie mittlerweile, was passiert ist. Ein damals 33-jähriger Lkw-Fahrer aus Tschechien wollte auf der Staatsstraße zwischen Schloßberg und Vogtareuth einen am Straßenrand haltenden Linienbus überholen.

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Der Lkw kam, so steht es im Polizeibericht, auf die Gegenfahrbahn. Er übersah dabei Anja Arnold, die ihm in ihrem Toyota entgegenkam. „Dann kam es zum Frontalzusammenstoß“, sagt Arnold. Sie wird in ihrem Pkw eingeklemmt, muss von der Feuerwehr aus dem Wrack befreit werden.

Vom Klinikum Vogtareuth nach Murnau

Sie wird ins Klinikum Vogtareuth gebracht, von dort geht es mit einem Hubschrauber in die Unfallklinik Murnau. Drei Wochen verbringt sie auf der Intensivstation, wird sogar ins künstliche Koma versetzt. „Zu dieser Zeit ging es mir sehr schlecht.“

Erschreckendes Bild: Aus diesem weißen Toyota musste Anja Arnold nach dem Unfall befreit werden.

Ihre rechte Hüfte ist gebrochen, außerdem ihr rechtes Handgelenk, der rechte Oberarm sowie Unter- und Oberschenkel. 14 Wochen verbringt sie in Murnau, lässt zahlreiche Operationen über sich ergehen. „Eigentlich sollte ich noch viel länger dortbleiben, aber ich konnte nicht mehr“, sagt Arnold. Sie sehnt sich nach ihren beiden Söhnen, nach einer vertrauten Umgebung.

Ein damals 33-Jähriger Lkw-Fahrer aus Tschechien ist beim Überholen auf die Gegenfahrbahn gekommen.

Tägliche Termine in der ambulanten Rhea

Sie wird nach Hause geschickt, hat tägliche Termine in der ambulanten Reha in Bad Endorf. Zwischen die kurzen Momente der Euphorie mischen sich immer wieder Verzweiflung und Wut. „Irgendwie hat sich alles sinnlos angefühlt. So, als ob das, was ich mache, nichts bringt.“ Kurz hält sie inne, schaut auf ihren Plastikbecher, in dem das Eis mittlerweile geschmolzen ist. „Ich habe mir dann immer wieder gesagt, dass ich froh sein kann, noch am Leben zu sein.“

Ohne Krücke verlässt sie das Haus nicht

Diese Einstellung hilft ihr, an das Leben vor dem Unfall anzuknüpfen. Es ist ein anderes Leben, aber kein schlechteres. Das sagt sie selbst. Sie hat sich an das leichte Humpeln gewöhnt. An die Krücke, ohne die sie das Haus nie verlässt. Sie kann Auto fahren, ohne ständig den Gegenverkehr zu beobachten. Es geht ihr gut. Nur das Wandern fehlt ihr. „Es ist vielleicht das Einzige, was ich wirklich verloren habe“, sagt sie.

Doch Anja Arnold arbeitet daran, sich auch diesen Teil ihres Lebens wieder zurückzuholen. Sie hat eine Selbsthilfegruppe gegründet, will Menschen mit einer körperlichen Beeinträchtigung zum Wandern einladen. Sie druckt Flyer, sucht nach Gleichgesinnten.

Sechs Frauen beim ersten Treffen

An dem ersten Treffen der Gruppe nehmen sechs Frauen teil. Eine hat einen Herzschrittmacher, eine andere leidet unter einer starken Sehbehinderung. Wandern gehen wollen sie alle. Die Frauen tauschen sich aus, überlegen gemeinsam, wie die erste Wanderung aussehen könnte.

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Schließlich einigen sie sich auf einen Ausflug zur Dandlberg-Alm am Sonntag, 13. September. „Die Strecke ist rund 2,7 Kilometer lang. Ich denke, das ist machbar“, sagt Arnold. Und falls es doch zu viel für sie oder die Mitglieder ihrer Selbsthilfegruppe sein sollte, könne man ja „einfach wieder umdrehen“. „Es ist ein Versuch. Wenn es nicht geht, dann geht es nicht.“

Erste Wanderung nach drei Jahren

Anja Arnold jedenfalls freut sich auf ihre erste Wanderung nach drei Jahren. „Ich habe eine innere Vorfreude“, sagt sie. Aufgeregt ist sie nicht. Sie weiß, dass es anders wird als vor dem Unfall. Auf einem Gipfel will sie trotzdem wieder stehen, dem Gefühl von Freiheit ein Stück näher sein. Ob nun mit Krücke oder ohne.

Die Selbsthilfegruppe „Trotzdem gehen – Heilsames Wandern“ trifft sich jeden zweiten Sonntag im Monat um 10 Uhr. Treffpunkt: Diakonie, diaLog, zweiter Stock, Kufsteiner Straße 44 in Rosenheim (Eingang im Gebäude des Modeparks Röther, rechte Außenseite). Anmeldung bei Anja Arnold unter Telefon 0171/4027415 oder unter E-Mail trotz-dem.gehen@web.de. Das nächste Treffen ist am Sonntag, 13. September.

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