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Viereinhalb Jahre nach dem Horror-Unfall

Zeugen lässt im Samerberg-Revisionsprozess Erinnerung im Stich: „Es ist so lange her“

Beim Zusammenstoß zwischen dem grünen Nissan Micra und dem roten VW Golf verloren im Herbst 2016 zwei jungen Frauen vom Samerberg ihr Leben.
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Beim Zusammenstoß zwischen dem grünen Nissan Micra und dem roten VW Golf verloren im Herbst 2016 zwei jungen Frauen vom Samerberg ihr Leben.
  • Michael Weiser
    vonMichael Weiser
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Erfahren die Familien der beiden tödlich verletzten Frauen endlich die Wahrheit über den Horrorunfall am 20. November 2016 an der Miesbacher Straße in Rosenheim? Es scheint fast ausgeschlossen: Im Revisionsprozess gegen einen mutmaßlichen Mitverursacher haben die Zeugen große Erinnerungslücken.

Traunstein - Die Erinnerung wird schwächer. Viereinhalb Jahre nach dem Horrorunfall am 20. November 2016 an der Miesbacher Straße in Rosenheim wird der tatsächliche Hergang wohl nie mehr ganz geklärt werden. Das zeigte am Dienstag (1. Juni) der zweite Tag der Revisionsverhandlung zum so genannten „Samerberg-Prozess“ vor dem Landgericht Traunstein.

Auch die Aussage von Daniel R.., als Mitverursacher des tödlichen Autounfalls bereits rechtskräftig zu einer Gefängnisstrafe ohne Bewährung verurteilt, brachte keinen größeren Erkenntnisgewinn.

Zeuge Daniel R. sieht sich unschuldig

Der 27-jährige Kolbermoorer blieb im wesentlichen bei der Darstellung des Abends, die er zuletzt auch bei der Berufungsverhandlung gegeben hatte: Er habe nichts getan, um ein Wiedereinscheren des Golfs zu verhindern, der anschließend frontal in den Kleinwagen mit drei jungen Frauen aus Samerberg prallte.

Lesen Sie auch: Samerberg-Prozess: Die Angeklagten brechen das Schweigen

Widersprüche, die bereits im Protokoll der ersten Verhandlung vor dem Amtsgericht in Rosenheim nachzulesen sind, erklärte er unter anderem mit dem Schockzustand bei der ersten Vernehmung und der nachlassenden Erinnerung.

Revision wegen eines Formfehlers

Die Revision hatte der Anwalt des zweiten mutmaßlichen Mitverursachers Sebastian M. beantragt, wegen eines Formfehlers während der Berufungsverhandlung kassierte das Bayerische Oberste Landesgericht tatsächlich das Urteil von zwei Jahren und drei Monaten und verwies den Fall zurück ans Landgericht Traunstein.

Hat Unfallfahrer Simon H. provoziert?

Allerdings belastet Daniel R. nochmals den eigentlichen Unfallfahrer Simon H. (28). „Mir kam es so vor, als ob der H. uns provozieren wollte“, sagte der diesmal als Zeuge geladene Daniel R. „Das ist mir im Nachhinein aufgefallen.“ Die neuen Eindrücke erklärte er mit einer Therapie, der er sich in der Justizvollzugsanstalt unterziehe, um die verstörenden Ereignisse jenes Abends zu verarbeiten. Dabei habe er sich wieder an Details erinnert, sagte er vor Gericht.

Simon H. sagt, Lücke war zu klein

Rechtskräftig verurteilt und daher ebenfalls als Zeuge nach Traunstein vorgeladen war auch Unfallfahrer Simon H. Er habe sich „leider entschlossen, diese BMW zu überholen“, erzählte er gestern mit leiser Stimme. Als er wieder einscheren wollte, sei die Lücke zwischen dem BMW von Sebastian M. und dem BMW von Daniel R. zu klein gewesen.

Deswegen habe er sich entschieden, den vorderen BMW auch noch zu überholen. „Der vordere Wagen hat dann auch noch beschleunigt“, erzählte H.

Beifahrerin begann zu schreien

Er habe in diesem Augenblick auf den vorderen BMW geschaut, um sich darüber klarzuwerden, was dessen Fahrer machen werde. Da habe die Beifahrerin zu schreien begonnen, er habe daraufhin die entgegenkommenden Lichter gesehen, gebremst und versucht, das Lenkrad nach links zu reißen. Zu spät: Sekundenbruchteile später prallte sein Golf in den Nissan mit den jungen Samerbergerinnen.

Wähnte sich der Unfallfahrer auf einer Autobahn?

M‘s Anwältin Iris Stuff hatte zuvor eine alte These erneut ins Spiel gebracht. Der eigentliche Unfallfahrer habe überhaupt keine Anstalten gemacht, seinen Überholvorgang abzubrechen, weil er sich auf einer Schnellstraße gewähnt habe. Während der Sachverständige Thalhammer die Theorie als nicht unplausibel bezeichnete, nannte sie Rechtsanwalt Graue, Vertreter der Familie der getöteten Fahrerin Melanie Rüth, „abwegig“.

Alle weiteren Artikel zum Unfall und den Prozessen finden Sie in unserem Dossier.

Auch Simon H. sagte, er habe gewusst, dass er sich nicht auf einer Schnellstraße befinde und daher nicht angenommen, keinen Gegenverkehr erwarten zu müssen. R.s Verteidigerin sprach später die Möglichkeit an, Simon H. habe sich unter anderem durch die Gegenwart seiner Beifahrerin ablenken lassen.

Oder beschäftigte er sich gerade zu eingehend mit seinem Navi? Die Verteidigerin ließ nicht locker, auch als die Vorsitzende Richterin darauf hinwies, dass H.s Aussagen während seines Aufenthalts in der Intensivstation nicht auf die Goldwaage zu legen seien.

Erinnerungen werden blasser

Was eignete sich vor dem fatalen Zusammenstoß? Andreas Thalhammer, der Sachverständige, hatte vier Spielzeug-Autos für Simulationen mit den Zeugen mitgebracht: ein mintgrünes, ein rotes, und zwei schwarze. Als Stellvertreter für die vier echten Fahrzeuge, in denen am 20. November 2016 Menschen gesessen hatten.

In dem grünen Wagen drei junge Frauen vom Samerberg: Fahrerin Melanie Rüth starb sofort, ihre Freundin Ramona Daxlberger kurz darauf im Krankenhaus. Schwer verletzt wurde Magdalena Daxlberger. Sie hatte am ersten Verhandlungstag unter Tränen geschildert, wie schwer sie noch heute an den Folgen des Unfalls leide.

„Warum macht er nichts, warum reagiert er nicht?“

Am Vormittag hatten die Beifahrer in den BMWs ausgesagt. Felix C., Beifahrer von Sebastan M., erzählte wie anschließend Antonio L., Beifahrer von Daniel R., dass erstens die Lücke groß genug gewesen sei und sie sich zweitens keinen Reim auf das Verhalten des Golf-Fahrers hätten machen können. „Warum macht er nichts, warum reagiert er denn nicht?“ Das habe er sich unmittelbar vor der Kollision gedacht, sagte C.

Die meistgehörte Aussage gestern war, dass die Erinnerungen schwänden. „Ich kann es mittlerweile nicht mehr einschätzen. Es ist so lange her“, sagte C., nach einem Detail befragt. Auch Simon H. sprach von nachlassender Erinnerung. Über was er sich im Klaren sei: Es seien zwei Menschen gestorben, „und ich war daran nicht unschuldig“. Es tue ihm „unendlich leid“, sagte er später noch.

Strafen für die Verursacher

Simon H. hatte sich schon bei der ersten Verhandlung vor dem Amtsgericht Rosenheim zu seiner Mitschuld bekannt. Er wurde zu 1 Jahr und 8 Monaten verurteilt.

Verhandelt wurde auch gegen die BMW-Fahrer Daniel R. und Sebastian M. Sie sollen die Lücke zum Wiedereinscheren für H. mutwillig geschlossen haben.

Sebastian M. wurde 2019 in der Berufungs zu 2 Jahren und 3 Monaten Haft verurteilt, R. bekam 2 Jahre und 5 Monate. M.‘s Anwalt legte Antrag auf Revision ein, das Bayerische Oberste Landesgericht kassierte das Urteil wegen eines Formfehlers, den es als „absoluten Revisionsgrund“ ansah. Daher wird seit Donnerstag vergangener Woche neu verhandelt. Geladen sind 40 Zeugen und ein Sachverständiger.

Weil M‘s Verteidigerin Iris Stuff mit den Antworten des Golffahrers nicht zufrieden war und unablässig fragte, so lange, bis auch die Kollegen vom juristischen Fach Zeichen von Genervtheit zeigten, reichte irgendwann die Zeit nicht mehr. Die Richterin beendete den zweiten Tag der Revisionsverhandlung und vertagte die Befragung von H. Der Termin für Plädoyers und Urteilsverkündung, angesetzt für spätestens 15. Juni, könnte damit auf der Kippe stehen.

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