Überfüllte Züge: FOS/BOS-Schüler aus Rosenheim geht auf die Barrikaden

Bahn-Haltestelle an der Hochschule: Der überfüllte Zug ist ein gewohntes Bild für Jonas Bettger.
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Bahn-Haltestelle an der Hochschule: Der überfüllte Zug ist ein gewohntes Bild für Jonas Bettger.
  • vonAnna Hausmann
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Die Zugstrecke von Rosenheim nach Mühldorf bereitet dem Schüler Jonas Bettger Sorgen. In seiner Schule gibt es ein strenges Hygienekonzept, in der Bahn hingegen stehen die Gäste dicht an dicht. Das Risiko einer Infektion sei groß. Nun hat der 20-Jährige einen offenen Brief geschrieben.

Rosenheim/Schechen –Corona zwang die Schulen in die Knie. Nur Maskenpflicht und strenge Hygienemaßnahme ermöglichten Rosenheimer Kindern die Rückkehr in den Präsenzunterricht. Doch was passiert auf dem Schulweg? Jonas Bettger (20) aus Schechen besucht die 13. Klasse der Berufsoberschule Rosenheim. Wie viele Schüler ist er fast täglich auf der Strecke Mühldorf-Rosenheim unterwegs und jedes Mal böte sich ihm dasselbe Bild: Die Züge der Südostbayernbahn (SOB) seien überfüllt, und die Einhaltung des Mindestabstands nicht möglich. In einem offenen Brief macht er nun seinem Ärger Luft.

Die Lage in den Zügen: prekär

Dicht an dicht gedrängt steigen die Schüler in den Zug, nur getrennt von wenigen Zentimetern Abstand. Sie alle tragen Mund-Nase-Bedeckung. Dieselbe Situation im Wagon. Die Sitzplätze sind schon alle besetzt, die Kinder stehen im Gang. Mindestabstand: Fehlanzeige. „Es ist voll. Zu voll!“, schreibt Bettger in seinem offenen Brief. „Das ärgert und ängstigt mich, hatte ich doch gehofft, dass wenigstens in Zeiten einer solchen Gesundheitskrise mehr Kapazitäten zum Einhalten von Abständen angeboten würden, um die Kunden zu schützen.“

Dicht an dicht stehen die Fahrgäste auch im Gang. Es gibt nicht genügend Sitzplätze.

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Überfüllung zu den Stoßzeiten

Für ihn ist es das tägliche Bild auf der Strecke Mühldorf nach Rosenheim: „Gerade zu den Stoßzeiten ab 7 und 13 Uhr ist es schlimm“, erklärt er auf Nachfrage der OVB-Heimatzeitungen. Am Bahnsteig an der Hochschule stiegen besonders viele Menschen zu. Vor allem mittags seien die Sitzplätze rar. An den meisten Tagen auch von Zugbegleitern keine Spur, schildert Bettger. Keiner kontrolliere die Einhaltung der Hygieneregeln. Der Schechener ist wütend, die Züge auf der Strecke verfügten noch nicht mal über eine Klimaanlage.

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„Wäre ein infizierter Fahrgast dabei, wären wir in der Schule alle Superspreader“, erklärt er. Für das Thema ist er besonders sensibilisiert: In seiner Schule gab es bereits einen Coronafall, eine ganze Klasse musste in Quarantäne (wir berichteten). Etwa die Hälfte seiner Mitschüler sei auf den Zug angewiesen. Ähnliche Situation in den anderen Jahrgangsstufen. Viele, berichtet der 20-Jährige, stiegen lieber eine Haltestelle zu früh aus, gingen 30 Minuten von der Hochschule zum Bahnhof. Das sei aber keine Dauerlösung.

Seit Jahren sind die Abteile überfüllt

Doch das Problem ist nicht neu. Seit Jahren seien die Züge auf der Bahnstrecke überfüllt, so der Schüler. Bettger wurde zum Experten in eigener Sache: Der Schüler wandte sich an die SOB und die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG) als Auftragsbehörde, die den Eisenbahnverkehr in Bayern im Auftrag der Regierung von Oberbayern plant, finanziert und organisiert. Die Antworten: ernüchternd, wie er findet. Bei einem Telefonat mit dem Kundenservice der SOB sei er unter anderem auf „passiv-aggressives Verhalten“ gestoßen. Man sagte ihm, dass die Fahrgäste mit Maske keinen Mindestabstand einhalten müssten.

Bettger stößt auf taube Ohren

„Wir haben die Züge ab Rosenheim Hochschule anhand der uns vorliegenden Daten überprüft.“ Auf Basis dieser Daten hätte die Bahn laut eigenen Aussagen keine Überbesetzung feststellen können, heißt es in einem Antwortschreiben. Das Problem sei eher der bisher nicht-barrierefreie Einstieg als die Nachfrage. Auch bei der BEG stieß Bettger auf taube Ohren.

Eigenes Hygienekonzept an der Schule

Unterstützung bekam der 20-Jährige vom FOS/BOS-Schulleiter Dr. Marko Hunger, der auch schon in Kontakt mit der Bahngesellschaft stand. Für ihn sei die Situation besonders schwierig: „Wir geben uns auf dem Schulgelände alle Mühe, verfolgen unser ein eigenes Hygienekonzept.“ Was die Sicherheit auf dem Schulweg anbelangt, seien ihm aber die Hände gebunden.

Die Antwort der Bahngesellschaft

Auf Nachfrage teilte ein Bahnsprecher mit: „In Coronazeiten ist Eigenverantwortung im öffentlichen Raum gefragt – und dazu gehört auch der ÖPNV.“ Beim vorliegenden Fall handele es sich um einen typischen Schülerzug, der nur zwischen den Stationen Rosenheim Hochschule und Rosenheim so voll sei. Laut BEG sind alle verfügbaren Fahrzeuge im Einsatz. Eine über den errechneten Fahrzeugbedarf hinausgehende Beschaffung von Fahrzeugen für kurzfristig eintretende Situationen wie Corona sei zeitlich nicht realisierbar.

Neue Fahrzeuge erst nach drei Jahren

Denn die Beschaffung neuer Fahrzeuge sei mit einer etwa dreijährigen Vorlaufzeit verbunden, so die Bahngesellschaft. „Eine Möglichkeit, kurzfristig mehr Kapazität zur Verfügung zu stellen, wäre lediglich der parallele Einsatz von Bussen.“ Erfahrungen zeigten aber, dass dieses Zusatzangebot in der Regel wegen längerer Fahrzeiten kaum angenommen werde.

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