Bestatter tragen Särge der Covid 19-Opfer aus der Region mit dem Hinweis „infektiös“ zu Grabe

Eine Blume zum Abschied: Seit der Corona-Pandemie haben sich die Regeln für Beerdigungen grundlegend geändert. dpa
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Eine Blume zum Abschied: Seit der Corona-Pandemie haben sich die Regeln für Beerdigungen grundlegend geändert. dpa
  • Anna Heise
    vonAnna Heise
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Von einem geliebten Menschen für immer Abschied nehmen zu müssen, ist schwer. Die Einschränkungen bei Beerdigungen, die in Folge der Corona-Pandemie derzeit gelten, erfordern ein Abschiednehmen auf Distanz. Eine völlig neue Situation für Hinterbliebene, Geistliche und Bestattungsunternehmer.

Rosenheim –  Seit 32 Jahren leitet Lothar Wayrauther (66) das Bestattungsunternehmen Schmid in Rosenheim. Eine Situation wie diese hat auch er noch nicht erlebt. „Bei uns hat sich durch das Coronavirus einiges verändert“, sagt er. Er spricht davon, dass Beratungen jetzt hauptsächlich über das Telefon stattfinden. Dass die Mitarbeiter in den einzelnen Bereiche seines Unternehmens strikt voneinander getrennt sind, damit im Notfall nicht alle zur gleichen Zeit ausfallen. Aber auch darüber, dass es beim Umgang mit Toten, die an Corona gestorben sind, viele Regeln zu beachten gibt.

Die Angst vor einer Ansteckung ist da

„Wir hatten bereits einige Fälle“, sagt Wayrauther. Schon beim kleinsten Verdacht auf Corona arbeiten er und seine Mitarbeiter nach dem Infektionsschutzgesetz. „Zum Eigenschutz, aber auch zum Schutz der Hinterbliebenen.“

Wenn der Arzt im Totenschein vermerkt, dass der Verstorbene am Coronavirus erkrankt war, greift für das Abholen des Verstorbenen Schutzstufe 3. Heißt: Wayrauther und seine Kollegen müssen eine Atemschutzmaske tragen. Dazu Schutzkleidung, Brille und Handschuhe.

Leichnam kommt in Schutzfolie mit Reißverschluss

Das Gesetz sieht zudem vor, dass der Verstorbene „nicht in seiner eigenen Kleidung, sondern in einem Sterbehemd“ bestattet wird. Der Leichnam wird in mit Desinfektionsmittel getränkte Tücher gewickelt, kommt anschließend in eine Schutzfolie mit Reißverschluss. Dann wird der Sarg verschlossen und von außen desinfiziert.

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„Die Angst vor einer Ansteckung bei mir und meinen Mitarbeitern ist trotzdem immer da. Wir arbeiten mit 150 prozentiger Vorsicht“, sagt Wayrauther.

Abschied am offenen Sarg ist nicht möglich

Für den Transport zum Friedhof wird der Sarg zudem mit dem Hinweis „Infektiös“ gekennzeichnet und darf nur in Ausnahmefällen geöffnet werden. Ein Abschied am offenen Sarg ist in diesem Fall also nicht möglich. „Ansonsten ändert sich am Ablauf aber nichts“, sagt Wayrauther. Innerhalb von 96 Stunden muss die Beerdigung stattfinden, der Sarg wird vor der Aussegnungshalle oder an der Grabstelle aufgebahrt und anschließend im Beisein der Hinterbliebenen in die Erde gehoben.

Landratsamt muss Trauerfeiern genehmigen

Das Rosenheimer Landratsamt muss zur Zeit der Corona-Krise jede Trauerfeier genehmigen. Menschen mit Fieber oder einer Atemwegsinfektion dürfen, laut einer Verfügung des Gesundheitsministeriums, nicht an einer Beerdigung teilnehmen.

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Alles, was durch viele Hände berührt werden kann, wie der Erdwurf und die Weihwassergaben, ist verboten. Außerdem dürfen nicht mehr als 15 Hinterbliebene an einer Beerdigung teilnehmen. Um Diskussionen und Konflikte auf dem Friedhof zu vermeiden, ist zudem die Bekanntmachung des Bestattungstermins in der Presse nicht erlaubt.

Trauerrede vor den 15 engsten Freunden und Familienmitgliedern

Einer, der in diesen ungewöhnlichen Zeiten Trauerfeiern gestaltet, ist Pfarrer Andreas Zach (65). Seit die neuen Regelungen gelten, hat er fünf Beerdigungen begleitet. Seine Trauerreden konnte Pfarrer Zach lediglich vor den engsten Freunden und Familienmitgliedern der Verstorbenen halten. Es fanden keine Gottesdienste vor der Bestattung statt, sondern Zach sprach die tröstenden Worte an die Hinterbliebenen vor der Trauerhalle oder an der Grabstelle.

Kein Händeschütteln, keine Umarmungen

Um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und wenn möglich zu stoppen, müssen die Trauernden zudem einen Mindestabstand von 1,5 Meter einhalten. Sie dürfen sich nicht umarmen und auch nicht die Hände schütteln. Auch dann nicht, wenn Tränen fließen. „Das fällt vielen Menschen schwer. Alles findet auf Distanz statt“, sagt Zach.

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Zustimmung bekommt er von Pfarrerin Rosemarie Rother und ihrem Mann Bernd. Beide haben seit dem Beginn der Corona-Krise zwar noch keine Beerdigung begleitet, trotzdem stellen sie sich die Situation schwer vor. „Der direkte Kontakt fehlt einfach“, sagt Bernd Rother. „Es ist alles sehr distanziert. Man kann die Hinterbliebenen nicht trösten oder in den Arm nehmen“, ergänzt Pfarrerin Rosemarie.

Was bleibt, sind aufmunternde Worte und die Hoffnung, den Trauergottesdienst irgendwann nachholen zu können. Damit sich auch all jene verabschieden können, die nicht zu den erlaubten 15 Trauergästen gehören konnten.

Urnenbeisetzung kann verschoben werden

Wie wichtig bei einem Todesfall das Abschiednehmen ist, weiß auch Bestatter Lothar Wayrauther. „Man sollte sich vom Verstorbenen verabschieden, um den Tod zu begreifen“, sagt er und fügt hinzu: „Leider ist das in dieser Zeit nur äußerst eingeschränkt möglich.“

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Es gebe aber die Möglichkeit, zum Beispiel eine Urnenbeisetzung zeitlich nach hinten zu verschieben. Wayrauther empfiehlt, die Feier später im gewohnten Familien- und Freundeskreis nachzuholen. Dann, wenn die Ausgangsbeschränkung nicht mehr gültig ist. „Abschiednehmen ist eine sehr individuelle Sache und ernst zu nehmen“, sagt er.

Ruhig bleiben und das Beste geben

Dass die Zahl der Sterbefälle in den kommenden Wochen so sehr ansteigen, dass es in seinem Bestattungsunternehmen zu einem Engpass kommen könnte, daran glaubt Wayrauther nicht. „Wir haben unsere Maßnahmen gegen das Virus zeitig begonnen. Wir bleiben ruhig und geben unser Bestes“, sagt er.

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