Bordellbetreiber finden rechtliche Lücke

Grauzone im Rotlicht? Bordelle teilweise geöffnet

  • Heidi Geyer
    vonHeidi Geyer
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Seit Beginn der Corona-Beschränkungen sind Bordellbetriebe in Deutschland und damit auch in der Region geschlossen. Nun haben einige Betreiber eine Lücke gefunden und öffnen ihre Bordelle wieder - allerdings nicht überall.

Prostituierte in Hamburg protestieren gegen die Schließungen.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Einzelne Bordelle haben wieder aufgemacht.
  • Seit März sind Bordellbetriebe in Bayern vom Corona-Lockdown betroffen
  • Ladeninhaber in Rosenheim fürchten um ihre Existenz und suchen nach alternativen Geschäftsmodellen
  • In Österreich dürfen Bordelle seit dem 1. Juli wieder öffnen – unter strengen Auflagen

Update 24. Juli

Betrieb in Kempten wieder geöffnet - werden weitere Bordelle folgen?

Der Rechtsberater Howard Chance berichtet, dass in einigen deutschen Städten wieder Prostitution betrieben wird. Als Vorreiter nennt er einen Betrieb in Kempten, weitere Städte seien gefolgt:

„In immer mehr Städten und Gemeinden gibt es ‚Agreements‘ zwischen Behörden und Betreibern und immer mehr Betriebe bereiten sich nach Vorlage von Hygiene-Konzepten auf eine regulierte Öffnung vor oder haben bereits wieder geöffnet.“

Nach Rückfrage bei der Stadt Kempten hat dort tatsächlich ein Bordellbetrieb legal wieder geöffnet: Hintergrund ist ein gerichtliches Verfahren. „Eine Übersendung des endgültigen Urteils an uns wird noch dauern und damit ist frühestens im Verlauf der nächsten Wochen zu rechnen", sagt Andreas Weber, Sprecher der Stadt Kempten. Die Stadtverwaltung stimmt sich derzeit mit dem Bayerischen Gesundheitsministerium zum weiteren Vorgehen ab.

Rosenheimer Bordellbesitzerin lässt sich rechtlich beraten

Auch in Augsburg soll bereits wieder legal Prostitution betrieben werden. Auf Anfrage erklärt die Stadt Augsburg, dass Bordelle zwar geschlossen seien, Prostitution insgesamt jedoch nicht verboten.

Astrid Böhme, die die Rosenheimer „Villa“ betreibt, verfolgt die Entwicklungen mit großem Interesse. Sie lässt sich derzeit beraten, ob und wie sie wieder sexuelle Dienstleistungen anbieten kann. Erotische Massagen sollten aus ihrer Sicht möglich sein, wenn die Hygienebedingungen entsprechend angepasst werden.

Update 17. Juli

Keine Fälle von illegaler Prostitution bekannt

Sexuelle Dienstleistungen sind nach wie vor verboten. Viele Betriebe sorgen sich, dass die Illegalität zunimmt. Speziell Wohnungsprostitution und Online-Portale machen den angemeldeten Betreibern Sorgen. Nach Auskunft von Alexander Huber, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, sind jedoch keine Fälle illegaler Prostitution im Raum Rosenheim bekannt.

Update 15. Juli

Tag der offenen Tür im Bordell?

Nach wie vor sind Bordellbetriebe geschlossen. Der Bundesverband für sexuelle Dienstleistungen (BsD e.V.) hat daher die Aktion „Redlight On“ gestartet. Am 16. Juli öffnen deutschlandweit Bordelle ihre Türen. Und zwar nicht für Sex, sondern für interessierte Bürger, Medienvertreter, kommunale Entscheidungsträger und Beratungsstellen. Der BsD möchte deutlich machen „Wir sind noch da" und auf die schwierige Lage der Bordelle hinweisen.

Unter www.redlight-on.de sind alle teilnehmenden Bordelle zu finden.

Update 12. Juli

Prostituierte fordern auf der Reeperbahn Wiedereröffnung der Bordelle

Hamburg (dpa) - Es muss endlich wieder Leben in die Bordelle kommen - mit dieser Forderung sind am Samstagabend nach Polizeiangaben rund 400 Prostituierte und Bordellbetreiberinnen und -betreiber aus ganz Deutschland auf der Hamburger Reeperbahn auf die Straße gegangen. Sie hielten Plakate in die Höhe mit Aufschriften wie: «Sexarbeit darf nicht durch Corona in die Illegalität abrutschen» und «wir sind Hygieneprofis».

 Bordelle sind deutschlandweit coronabedingt seit mehr als drei Monaten geschlossen.

Es gibt keine verlässlichen Zahlen darüber, wie viele Menschen in der Sex-Branche arbeiten. Im Rahmen des Prostituiertenschutzgesetzes hatten sich bis Ende 2018 rund 32 800 Menschen offiziell angemeldet. Dort würden sich Weber zufolge allerdings nur diejenigen melden, die es müssen, weil sie in Bordellen, Laufhäusern, Domina-Studios, Sauna-Clubs oder ähnlichem arbeiten. Laut Bundeskriminalamt wurden im selben Jahr nur mehrere hundert Fälle von Menschenhandel erkannt, in denen rund 430 Menschen Opfer von sexueller Ausbeutung wurden.

Update 7. Juli

Weil sie ihr Bordell derzeit nicht betreiben darf, hat Astrid Böhme nun vor ihrer Rosenheimer Villa einen Biergarten geöffnet. Bisher hält sich die Resonanz noch in Grenzen, auch wetterbedingt. Ein paar Stammgäste seien aber schon dort gewesen.

Für Böhme unverständlich: Warum dürfen die Menschen auf der Bermuda-Insel und im Gin-Garten feiern, warum dürfen Menschen Wellnessmassagen in Anspruch nehmen - und warum muss ihr Bordell nach wie vor schließen?

Die Wohnungsprostitution laufe in der Zwischenzeit oft weiter, man müsse nur auf die entsprechenden Portalen schauen,. Für sie ein großes Ärgernis: „Herr Söder, Bordellbetriebe sind einfach kontrollierter“, sagt Böhme. In der Zwischenzeit musste auch sie Hartz IV beantragen.

Update 2. Juli

Bordelle in Österreich wieder offen – mit ministeriellen Empfehlungen

In Bordellen in Bayern herrscht weiterhin der komplette Corona-Lockdown. Eine Perspektive für die Betreiber und die Sexarbeiterinnen gibt es weiterhin nicht. Ganz anders in Österreich.

Im Nachbarland dürfen die Bordelle seit dem 1. Juli wieder öffnen. Und das österreichische Sozialministerium gibt den Läden eine ganze Reihe von Empfehlungen mit auf den Weg, wie ein Betrieb, der vom Körperkontakt lebt, in Coronazeiten funktionieren soll.

Diese reichen von den üblichen Hygiene-Empfehlungen wie lüften, Hände desinfizieren und duschen bis hin zu Anregungen, die in der Branche möglicherweise schwierig umzusetzen sein dürften. So solle unter anderem "der Körperkontakt auf das notwendige Maß" beschränkt werden.

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Update 25. Juni: 

Betreiber planen Klage

Wegen der Corona-Pandemie bleiben in Deutschland Prostitutionsstätten, Bordelle und ähnliche Einrichtungen weiterhin geschlossen. 

Bordellbetreiber*innen in München überlegen nun sogar zu klagen.

„Rechtlich ist es nicht nachvollziehbar, dass Bordelle nicht öffnen dürfen“, sagt Anwalt Christian Finke (44) im Gespräch mit der TZ München.

Dass mittlerweile Fitnessstudios und sogar Massagesalons wieder aufsperren, sei nicht verhältnismäßig. „Die so pauschal gehaltene Corona-Verordnung droht eine ganze Branche in den Ruin zu treiben“, sagt Finke. 

Prostitution in Österreich ab 1. Juli wieder erlaubt 

In Österreich ist Prostitution ab dem 1. Juli wieder erlaubt. Die Einrichtungen können somit ab kommenden Mittwoch wieder betreten werden, bestätigte das Gesundheitsministerium der APA, wie auf kuriert.at zu lesen ist.

Aktuell werden demnach vom Ministerium gemeinsam mit Vertretern von Selbstorganisationen und Beratungsstellen Hygiene- und Schutzempfehlungen erarbeitet. 

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Erstmeldung 10. Juni: 

Prostituierte wieder nach Rumänien gefahren 

Rosenheim – Betroffen davon ist auch Astrid Böhme (50) mit ihrer Rosenheimer Villa. Das Bordell ist ein eher kleineres Etablissement mit vier Zimmern. Es steht seit Wochen leer. „Anfangs hielten wir das alle für ziemlich übertrieben“, sagt Böhme. Doch nach und nach wurden es weniger Kunden, am 14. März kam dann der Shut-Down. Seitdem liegt ihr Geschäft brach, ihre Barfrau musste sie entlassen. Die Damen, die bei ihr Räume mieten und dort selbstständig arbeiten, konnten alle noch rechtzeitig ausreisen, hauptsächlich nach Rumänien.

Anspruch auf Unterstützung

Immerhin, in Deutschland wären sie auch abgesichert gewesen. Denn wer seinen Lebensmittelpunkt in Deutschland hat, nachweislich erwerbstätig und hilfsbedürftig ist, hat grundsätzlich einen Anspruch auf Arbeitslosengeld 2, besser bekannt als Hartz IV. Dies bestätigt Armin Feuersinger vom Jobcenter in Rosenheim. Eine kleine Anzahl von Sexarbeiterinnen habe einen Antrag gestellt. Wenig Hilfe für die Frauen, die sonst in Astrid Böhmes Bordell arbeiten. Sie sind nun in ihrer Heimat und wissen nicht, wovon sie leben sollen. Böhme berichtet: „Wir stehen in Kontakt, und ich erlebe, wie es ihnen geht. Schlecht geht es ihnen.“

Keine Lizenz zum Geld drucken

Das älteste Gewerbe der Welt ist laut Astrid Böhme ohnehin nicht mehr so lukrativ, wie es einmal war. Dating-Portale, aber auch die Konkurrenz großer FKK-Clubs in Österreich haben laut Böhme den Betrieben in Rosenheim in den letzten Jahren stark zu schaffen gemacht. „Was ich nicht verstehe ist die Grenzöffnung“, sagt Böhme. Denn in Österreich dürfen Bordelle bereits ab 1. Juli wieder den Betrieb aufnehmen.

Die 50-Jährige steht mit vielen Kunden telefonisch in Kontakt und beschreibt ein fast familiäres Miteinander, bei dem es eben nicht nur um Sex gehe, sondern man sich auch über alles Mögliche unterhalte: von Politik bis zu persönlichen Sorgen. Zwar lebt Astrid Böhmes Villa fast ausschließlich von Stammkundschaft, dennoch drohe eine Abwanderung von Kunden für Rosenheimer Bordelle, wenn sie nicht mehr öffnen dürfen.

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Die Sexarbeit hat in der öffentlichen Wahrnehmung oft noch ein Schmuddelimage, mit dem der Bundesverband sexuelle Dienstleistungen (BsD) aufräumen möchte. Das will auch Astrid Böhme. Für legale Prostitution wie in ihrem Betrieb seien die Auflagen und auch die Strafen bei Gesetzesverstößen in Deutschland hoch.  Mehrere Bundestagsabgeordnete der Großen Koalition fordern wegen der Infektionsgefahr, Prostitution gänzlich zu verbieten.

Zerstörerische Verhältnisse?

Den Abgeordneten geht es jedoch um mehr, nämlich einen Stopp der Prostitution und einen generellen Ausstieg von Frauen. Sie sprechen von menschenunwürdigen und zerstörerischen Verhältnissen im Rotlichtmilieu. „Prostituierten muss finanzielle Unterstützung und eine existenzsichernde berufliche Perspektive angeboten werden“, twitterte der Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach (SPD).

Der BsD hat mit einem offenen Protestbrief auf den Aufruf der Politiker reagiert. Besonders wehrt er sich gegen den Generalverdacht, dass Sexarbeiterinnen „Super-Spreader“ werden könnten.

Lehren aus der AIDS-Krise

Während der BsD in erster Linie Etablissements vertritt, setzt sich der Verein Dona Carmen für die Rechte von Prostituierten ein. Laut Sprecherin Juanita Henning habe man viel aus der Aidskrise in den 80ern gelernt. Daher schlägt sie vor, gemeinsam mit Betreibern und Gesundheitsämtern Konzepte zu entwickeln. Geschehe dies nicht, drohten Szenarien wie in Russland. Dort habe man auf HIV mit Verboten reagiert, die bis heute gelten. Die Folge sei eine noch stärkere Ausbreitung der Krankheit gewesen.

Mehr Illegalität, mehr Menschenhandel?

Auch Astrid Böhme zeigt sich skeptisch. Es gebe Beispiele aus anderen Ländern wie Italien, die Prostitution verboten hätten. Das hieße aber nicht, dass es sie deshalb nicht mehr gebe, sondern nur die Bedingungen für Frauen und Freier verschlechterten sich. Wenn die legale Prostitution wegfiele, werde es zu mehr Menschenhandel führen, glaubt Böhme. Von der Ausbreitung von Covid-19 ganz abgesehen.

Fälle von illegaler Prostitution seit Beginn der Corona-Pandemie gebe es laut Auskunft des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd keine. Astrid Böhme sieht das etwas anders. Verbotene Wohnungsprostitution in Zeiten von Corona sei ein offenes Geheimnis. Auch in Rosenheim.

Verband hat Hygienekonzept

Die Sorge, dass bei einem weiter andauernden Berufsverbot nur mehr illegale Prostitution mit schlechteren Bedingungen die Folge sein wird, teilt auch Elke Winkelmann vom Verband BsD. Die Nachfrage sei da, und es werde auch sicherlich jemanden geben, der diese bediene. Aus diesem Grund hat der BsD ein Hygienekonzept entwickelt.

Ähnlich wie in der Gastronomie müssten Dienstleister und Gäste einen Mundschutz tragen. Gewisse Dienstleistungen seien dadurch nicht möglich. Dass ohne Schutz eine Infektionsgefahr bestehe, sei nicht erst seit Corona so, sagt Astrid Böhme.

Kontaktdaten hinterlassen

Der BsD rät außerdem dazu, dass Kunden ihren Namen hinterlassen, um Infektionsketten nachverfolgen zu können. Doch wer lässt schon gerne seine Kontaktdaten im Bordell? Astrid Böhme sieht das eher gelassen. Sie schätzt, dass rund die Hälfte der Kunden das machen würde. Und die andere Hälfte müsse halt wegbleiben: „Es geht auch um meine Gesundheit.“

Nach Auskunft einer Sprecherin des bayerischen Wirtschaftsministeriums, ist noch völlig offen, wann die Bordelle wieder öffnen dürfen. Die Beantragung von Corona-Soforthilfe ist auch für Betriebe und Selbständige im Rotlichtmilieu möglich. Genau das hat auch Astrid Böhme getan. Doch nach drei Monaten kommt sie mit der Soforthilfe und ihren Ersparnissen an ihre Grenzen. Sie hat nun einen Antrag beim Bauamt gestellt, einen kleinen Biergarten zu betreiben. Für ihr Geschäft fehlt schlicht die Perspektive und die Planungsgrundlage.

Rubriklistenbild: © Markus Scholz

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